„Och, ist der süß!“, exklamierten wir Stinker*innen einstimmig, als wir den True Fruits-Sonnenmilch-Penis entdeckten. Wir hatten uns gerade eine billig kreierte, pornografische Potenzmittel-Werbung angesehen, in der sehnige Riesenpenisse, digital an alte Männer geheftet, minderjährig wirkende sehr laut stöhnende Frauen penetrierten. Uns war noch etwas übel, der verspielte kleine, wenig steife Minipenis der pubertären Smoothie-Marke wirkte dagegen wie ein kleiner Sonnenschein und Beweis eines sich wandelnden Männerbildes: Ganz kleinlaut wollte er zärtlich beim Eincremen helfen!

Nun darf man als Frau heute aussprechen, dass manch eine etwas Sperma auf der Haut vom Mann der eigenen Wahl nicht abgeneigt ist. Was aber an Diskussionen bei uns lostreten, wenn dieses Bild unsere Postfächer flutet, könnt ihr euch gar nicht vorstellen. „Ja, aber…würde es denn einen Kerl mit ner Vulva auf dem Rücken geben?“ „Findet sie das wirklich gut oder muss sie so lächeln?“ „Ist das jetzt eine Männer- oder eine Frauenfantasie?“ „Ist das produktfern? Wenn das eigentliche Produkt Saft und nicht Sonnenmilch ist? Himmel, aber die Flasche sieht aus wie Sonnenmilch, also nicht, oder?“ Und letztendlich: „Die Bildunterschrift ist definitiv diskriminierend. Ist es dann das ganze Bild? Das ist ja keine Headline?“

Die Werbemelder*in ist im wahrsten Sinne manchmal ein Mind-Fuck. Abschließend wurde es die Kategorie „Grauzone“ – wie schon andere True Fruits-Kampagnen wie zum Beispiel der „Samenstau“, von dem man nicht erfährt, wer das Ding denn schütteln soll, da der*die Adressat*in schlauerweise unbekannt bleibt. Somit ist True Fruits in Marketing-Dingen immer wieder eine gewiefte Marke: Die Diskussion ist groß, Femi-Hasser hauen sich auf die Schenkel.

Und zum Schluss kommt dann das entwaffnende DAS dabei heraus:

Sehr schlau, chapeau, und was die True-Fruits-Menschen noch so hören möchten. Dennoch ist unser Votum zum Sympathiewert der Marke klar. Z.B. sind solche Antworten unter ernstgemeint betroffenen Kommentaren einfach nur brutal und unmenschlich.

True Fruits Nähe zur AfD wird häufig angemerkt, scheint auch uns selbstredend, kann aber nicht bewiesen werden. Dieses Produkt würden wir, wären wir Werberat, definitv rügen – nur rügt der Deutsche Werberat keine Produkte.

Aber hier gibt es nicht um das Urteil einer Marke, sondern einer einzelnen Kampagne. Fazit: Auch, wenn es mal nicht unser Gusto ist, müssen wir sexuelle Botschaften in ihrer Vielfalt aushalten, so lange sie nicht ganz klar diskriminieren. Und True Fruits ist oft eher Smoothie-mäßig vermanscht und breiig in ihrer Aussage, auch wenn wir Dunkles darin erahnen.

Der Aufruhr trifft in die heiße Debatte um einen anderen: England hat sexistische Werbung verboten! Nach dem Brexit nun der Sexit! Das man den vielen Journalist*innen, die anrufen, gerade erklären muss, dass das Land Großbritannien heißt und die Regelung kein Gesetz ist, ist anstrengend genug (und ja, leider auch den öffentlich-rechtlichen Sendern. Leute, recherchieren!). Das „Verbot“ sind die Vorgaben der Wirtschaft an sich selbst, denn der britische Werberat ist, wie der deutsche, ein selbstregulierendes Gremium. Zweitens hat dieser britische Werberat durch eine großangelegte Studie herausgefunden, dass übertriebene Genderstereotype Schaden anrichten, auch für die Wirtschaft – es fehlt (übrigens auch in Deutschland) an Nachwuchs in den MINT- und handwerklichen Berufen, dafür brauchen wir auch Frauen, und damit sich etwas ändert, müssen auch Jungs in die Care-Berufe. Also: Weg mit Männern in der Werbung, die zu doof sind, kompetente Väter zu sein. Ist diskriminierend und gestrig.

Genau so ätzend ist es Frauen immer wieder zu sagen, dass es ihr Job ist, sich ihrem Schicksal als Mutter zu beugen. Wie wäre es, das Männern zu erklären? Oder Frauen wenigstens eine Bandbreite an Herausforderungen anzubieten?

Man mag sich darüber streiten, ob der britische Werberat hier zu streng war – Kriterium ist Kriterium, und das gewählte Gremium hat es selbst erstellt. Zurück können sie – bis zur nächsten Ernennung – nicht.

Schädliche Geschlechtsstereotypen hat der Deutsche Werberat, der keine Studien in Auftrag gibt und auch sonst nicht so streng ist, in letzter Zeit übrigens auch gerügt, z.B. die Muttertagskampagne von EDEKA dieses Jahr. Und die war von Jung von Matt, einem sehr großen Player, und die Kritik somit ziemlich mutig vom Werberat. Aber der Widerstand gegen diese Gendernormen wächst, nicht ohne Grund und das ändert auch die Bewertung von Werbung durch die selbstregulierenden Gremien. Wenn man das vernünftig erklärt, ist das ziemlich einleuchtend und bedarf keiner Aufregung mehr – aber über was sollten die Medien dann sonst berichten? Vielleicht über unsere wackelnden Hintern, mit denen wir zur #Bootyparty einladen!

Denn zu solchen Insta-Stories fällt uns nichts anderes mehr ein.


Ansonsten gibt es bestimmt noch die eine oder andere süße Katze, die in einen Brunnen gefallen ist, liebe Medien. Herrgottnochmal, lasst euch etwas einfallen!

Love and Hugs,

eure Stinker*s