Darauf, dass Sprache ein machtvolles Instrument ist, um unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit zu formen, haben wir schon häufiger hingewiesen. Gestern haben wir eine Petition veröffentlicht, die sich mit der Aufforderung an die Kultusministerkonferenz richtet, die deutsche Sprache endlich gendergerechter gestalten zu lassen. Die Reaktionen waren ziemlich vorhersehbar. Neben viel Lob und pointierter Kritik war auch wieder die Fraktion vertreten, die den Vorwurf, ob wir nichts Wichtigeres zu tun hätten, mit dem heraufdämmernden Untergang des Abendlandes kombiniert: Diktatur, Totalitarismus, Sprach- und Gedankenpolizei. Die gleichen Menschen, die finden, dass durch das generische Maskulinum nur mitgemeint sein mit Frauen nichts macht, sind also auch der Meinung, dass Sprache von essentieller Bedeutung ist und unangetastet bleiben sollte. Ach so.

Dass diese sprachliche Diktatur womöglich schon besteht und unser Denken bereits beeinflusst, wollen wir euch heute an Beispielen zum Sprechen über Vergewaltigung zeigen. Daran wie sehr dieses Verbrechen immer wieder relativiert und verharmlost wird. Und zwar eben nicht zwingend weil die sprechende Person bewusst etwas Furchtbares über sexualisierte Gewalt gegen Frauen sagen will, sondern weil es fast wie von selbst geschieht. In Witzen, in Gerichtsurteilen, in gesellschaftspolitischen Einschätzungen. Irgendwo zwischen viel zu naheliegend und sehr normal.

 

„Es ist niemals die Schuld der Frau, wenn ein Mann sich entschließt, sie zu attackieren. Aber jetzt wo das gesagt ist … nun, wenn ich mir das Bild des Opfers anschaue, die Art wie sie sich hat fotografieren lassen, den Blick, den sie der Kamera schenkt … ich kann nicht anders als zu denken, dass das ein Mädchen ist, das Ärger sucht.“
Der dänische Schriftsteller Jens Christian Grøndahl im Interview mit der Frauenzeitschrift Femina über die Journalistin Kim Wall. Wall wurde mutmaßlich von dem U-Boot Konstrukteur Peter Madsen gefoltert, ermordet und zerstückelt. Grøndahl kommentierte ein Foto, dass Wall auf dem U-Boot zeigt.

 

„26000 nicht gemeldete Fälle von sexuellen Übergriffen beim Militär – nur 238 Verurteilungen. Was haben diese Genies denn erwartet als sie Männer und Frauen zusammengesteckt haben?“

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Video-Link: https://twitter.com/realDonaldTrump/status/331907383771148288

Donald Trump, Präsident der USA

 

„Es ist wie bei einer Massenvergewaltigung: Wenn einer anfängt, kriechen alle aus den Löchern und machen mit.“
Rechtsanwalt Ralf Höcker über das Schmähgedicht Jan Böhmermanns und die Auswirkungen desselben auf seinen Mandanten Recep Tayyip Erdoğan.

 

„Einige Mädchen mögen es, vergewaltigt zu werden.“
Richter Nissim Yeshaya zu einem Gerichtsurteil über die Gruppenvergewaltigung eines dreizehnjährigen Mädchens. Yeshaya gab später an, dass seine Worte aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Er hätte lediglich gesagt: „Wenn es ein Vergewaltigungsopfer gibt, das nicht verletzt wurde und die Vergewaltigung genossen hat, dann …“

 

„Wenn es eine legitime Vergewaltigung ist, hat der weibliche Körper Möglichkeiten, eine Schwangerschaft zu verhindern.“

Todd Akin, Politiker

 

„Sie hat die Situation genauso kontrolliert wie ihr Lehrer und ist älter als ihr chronologisches Alter.“
Richter Todd Baugh über ein vierzehnjähriges Mädchen. Das Mädchen beging nach der Tat Selbstmord. Der geständige Täter wurde von Baugh zu 30 Tagen Haft verurteilt.

 

„Was Sci-Fi und Fantasy angeht – ich liebe dieses Genre, weil man dort so viele Dinge tun kann. Zum Beispiel jemandem die Zunge aus dem Rachen reißen und damit davon kommen und schöne Frauen vergewaltigen.“

Jason Momoa, Schauspieler

 

Sprache ist wirkmächtig. Und im Gegensatz zu dem, was Feminist*innen gerne vorgeworfen wird, hat die überwältigende Mehrheit von ihnen kein Interesse an einem Neusprech im Sinne des Romans 1984. Stattdessen fragen sie sich, warum es so widerliche Euphemismen wie Vergewohltätigen gibt und was das mit uns allen macht. Wieso sagen wir so etwas und andere Dinge wiederum nicht? Antworten auf diese Frage zu finden, ist sehr mühselig und unbequem. Aber deshalb werden wir nicht aufhören, nach ihnen zu suchen.

Quelle Beitragsbild: flickr/Richard Potts