In Nordamerika gibt es die Bauernregel des „Murmeltiertags“. Jährlich am 2. Februar wartet man auf ein Murmeltier und beobachtet, ob es einen Schatten wirft. Wenn ja, wird der Frühling noch lange auf sich warten lassen. Ihr merkt schon, worauf ich hinauswill:   Ja, es wird kalt! Sogar 17 Wochen lang. 

Im „Murmeltier“-Klassiker von 1993 wird der TV-Meteorologe (Bill Murray) fast in den Wahnsinn getrieben: Einem Fegefeuer oder einer Zeitschleife gleich ist für ihn jeden Tag Murmeltiertag, bis er „geläutert“ und ein besserer Mensch wird. Erst dann geht das Leben weiter. Was haben wir bloß verbrochen, dass wir seit fünfzehn Jahren diese zermürbende Show ertragen müssen?

Die Antwort liegt nicht bei Heidi Klum oder ihren jugendlichen Zuschauerinnen. Mit viel Glück kommt die eine oder andere mit der schnell wachsenden Fridays for Future-Bewegung (FFF) in Berührung, geht auf eine von deren vielen Konferenzen in einen Feminismus-Workshop und findet es bis nächsten Februar höchst uncool, GNTM anzuschalten. Denn, das ist die gute Nachricht: Noch nie in meinen 48 Lebensjahren gab es so viele Feminist*innen in einer so jungen Zielgruppe. Und das quasi über Nacht.  

Die Antwort steht auf der Gegenseite dieser Jugendbewegung: Die Macht der Marken, ihr Online-Marketing und die Social-Media-Berieselung dieser Zielgruppe. Auch wenn viele coole neue Instagram-Kanäle revolutionären Content posten, bleibt die Übermacht bei denen, die ihre Botschaft mit Riesenetats bewerben und die Kinder bis in jeden Winkel ihrer Kinderzimmer per Smartphone verfolgen können. „Sei schön!“ „Kauf dir einen neuen Mascara / Klingelton / Hoodie“, „Optimiere dich!“ appelliert so viel schneller an eine pubertäre, in Leistungs-Schulsystemen eingeklemmte Seele als ein Insta-Meme mit „You are beautiful the way you are.“ Denn gibt es dafür einen Preis zu gewinnen? Nö.

„Nur eine kann die schönste sein!“ haben diese Mädchen schon durch Grimms Märchen oder Prinzessin Lillifee verstanden, unser gesamtes System basiert auf der Logik der weiblichen Konkurrenz, die sich mit Handtaschen blutig und aus dem Weg hauen. So heißt es im diesjährigen Trailer auch gleich radikal: „Werden sie gewinnen oder versagen?“

Selbst, wenn sich Frauen gut verstehen und unterstützen, wird ein „Zickenkrieg“ inszeniert, wo keiner ist: Denn Schlammkämpfe sind unterhaltsamer als Frauen, die sich unaufgeregt gut verstehen. Und auch viel weniger beängstigend.

Damit Frauen endlich ernst genommen werden gibt es nur die Wahl, GNTM nicht anzusehen. Auch nicht, um sich mit Freundinnen über Tränen oder Prügelattacken schlapp zu lachen. Selbst wenn auch die Miss-Germany-Wahlen in Deutschland jetzt „Persönlichkeit und Lebenslauf“ in das Votum mit einbringen wollen und es zwei-drei „Exoten“ bei GNTM gibt, bleibt es weiter die Wahl der einzigartigen und „Schönsten“, die ihre Mitbewerberinnen mit Katzenkrallen wegjagen soll. Aber wofür?

Wird sie das glücklichere Leben führen? Den am meisten erfüllenden Job haben? Partner*innen, mit der*dem sie sich täglich schlapp lachen kann? Wird das Leben wirklich cooler, wenn man alleine als Schönste an der Spitze steht?

Oder wird sich nicht genau diese Frau mit 30 um ihre ersten Falten sorgen? Angst haben, ihre Lorbeeren zu verlieren und sich fragen, ob sie ohne diese etwas Wert ist? All das ist für L’Oreal und co. perfekt: Unglückliche Menschen konsumieren mehr.

Falls ihr dennoch unsicher seid, ob ihr nicht auch ein bisschen mehr auf euer Aussehen achten, ein paar Pfund verlieren solltet oder überhaupt gut genug für diese Welt seid, schaut gerne regelmäßig in unser „Share and Care“-Highlight auf Instagram vorbei, in dem wir euch tolle Profile vorstellen, die ermächtigen. In denen Vielfalt mehr ist als 1x Größe 40 und OMG! „Sie war mal ein Mann“ (Get over it, Presse, sie ist eine Frau.) Baut euch eine Timeline, die euch täglich zuruft, wie grandios ihr seid. Gibt keinen Preis? Oh doch. Nicht nur für euch als Individuum, sondern für alle Sisters, Brothers und Non-Binaries um euch herum gleich mit.