Uninteressante Frauen

Männer interessieren sich nicht für die Lebensrealität von Frauen. Deshalb werten sie weibliche Literatur systematisch ab. PINKSTINKS Autor Nils Pickert analysiert die Folgen dieses patriarchalen Gebarens in der Kulturlandschaft.
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Einer der eher harmloseren und lustigeren Momente meiner eigenen Feminismus-Radikalisierung fand während meines Studiums auf einer Party statt: Ich unterhielt mich mit ein paar anderen Dudes darüber, was wir alle so warum studieren. Als ich dann an der Reihe war, wurde ich gefragt – von wegen Student der Literatur und Politik, dies das –  was ich denn als Lektüre empfehlen würde. Ich habe die Brontë-Schwestern empfohlen. Ich liebe Emilys Gedichte (»Ums Haus der Sturm«) und ich mag Annes »Die Herrin von Wildfell Hall«. Die Bücher von Charlotte sind auch ganz ok, obwohl ich ihr nicht verzeihen kann, dass sie eine Neuauflage von »Wildfell Hall«  verhindert hat.

 

Jedenfalls war die Reaktion auf meine Tipps ziemlich einhellig die rhetorische Frage, warum ich denn nur Frauen empfehle und ob ich jetzt Feminist sei, oder was? Ich fand das damals witzig bis lächerlich. Denn erstens: Das soll also schon ausreichen, um als Feminist zu gelten? Dass man(n) Bücher von Frauen empfiehlt – ernsthaft?! Und zweitens: Wie bezeichnend ist es eigentlich, dass die Brontë-Schwestern sich die männlichen Pseudonyme Currer, Ellis und Acton Bell zulegten, weil sie »den Eindruck hatten, man würde Autorinnen mit Vorurteilen begegnen«.¹

Inzwischen ist mir das Lachen vergangen. Zwanzig Jahre später bin ich nicht mehr naiv genug, als Ausreißer einzustufen. Es ist die Regel. Frauen werden systematisch abgewertet und vergessen²: 

 

Man wirft Frau vor, in der Vergangenheit keine großen Romane geschrieben zu haben (was nicht stimmt) und übergeht dabei geflissentlich, wie sehr man ihnen verunmöglicht hat, überhaupt schreiben zu können, Kunst zu machen, oder auch nur »Ein Zimmer für sich allein« zu haben (Virginia Woolf). Man äußert sich abfällig darüber, dass es kaum große Literatur von Frauen gibt, während sich die große Literatur von Frauen jahrhundertelang in Briefen verstecken musste, nicht publiziert wurde oder eben tatsächlich nicht geschrieben wurde, weil es als unschicklich und unweiblich galt, überhaupt zu schreiben. Und man kritisiert sie harsch – wie Literaturkritiker Denis Scheck es jüngst mit den Büchern von Ildikó von Kürthy und Sophie Passmann gemacht hat.³

 

Jaja, jetzt darf man(n) nicht mal mehr Autorinnen verreißen, ohne einen Sexismusvorwurf zu kassieren. Und das, obwohl Scheck Autoren wie Sebastian Fitzek ebenfalls regelmäßig verreisst und dabei durchaus persönlich wird. Aber die Zeitung »Die Zeit» hat mal nachgezählt und festgestellt, dass Frauen sehr viel häufiger verrissen werden.⁴ Außerdem geht es im Kern der Debatte über den möglichen Sexismus der Literaturkritik von Denis Scheck noch um etwas viel Elementareres als um einen älteren Herren, der es zu seinem Unique Selling Point gemacht hat, Verrisse möglichst pointiert, brachial und in der Tat auch hämisch zuzuspitzen. Es geht darum, dass Männer sich viel zu häufig nicht für Frauen und ihre Lebensrealitäten interessieren.

 

Das geht, um beim Beispiel Literatur zu bleiben, schon bei dem Begriff »Frauenliteratur« los. Wieso wird Literatur von und für Frauen eigentlich mit einem Extrabegriff belegt, Frauen unter den Lesenden doch die Mehrheit ausmachen?⁵ Und: Gibt es eigentlich auch »Männerliteratur«?  

 

Nein, es gibt keine Männerliteratur. Weil männliche Erfahrungswelten immer noch als prototypisch menschlich geschrieben und gelesen werden. Altern, Begierde, Gewaltfantasien, Erektionsprobleme, Freundschaft, Schwäche, Geilheit – all das wird automatisch als Menschliches markiert und muss uns alle angehen. Alles andere ist »Weiberkram«. Die uninteressantesten, banalsten Gemütsregungen werden für Männer und von Männern als überwältigend wichtig und gesellschaftsrelevant eingestuft, während eine schonungslose, zutiefst aufrichtige und bittersüße literarische Auseinandersetzung mit dem eigenen Alter – wie bei Ildikó von Kürthy – für Scheck und andere in der »Schnatterzone« stattfindet.

 

Zu viele Männer wollen überhaupt nichts von Frauen wissen. Von ihren Körpern, ihren Gebrechen, ihren Entscheidungen und Lebenswegen. Vom zähen Selbstermächtigungskampf innerhalb des Patriarchats, bei dem sie rückblickend immer wieder feststellen müssen, wie hart und ungnädig sie im Auftrag des sexistischen Schweinesystems mit sich selbst umgesprungen sind. Alles für die Blicke und die Aufmerksamkeit unangenehmer Männer, die diese Form der Beachtung gar nicht verdient haben.

Aber Männer lesen Frauen nicht nur derartig ignorant. Sie schreiben sie auch so: 

»Sie hatte tiefe, stolze Brüste, die verführerisch hüpften, wenn sie die Arme hob, um Seife in ihr Haar zu rubbeln«, heißt es etwa in Ken Folletts »Die Säulen der Erde«.

 

Ja, ist klar. Warte Ken, ich leg schnell das Buch weg, in dem die tief hängenden, stolzen Hoden des Protagonisten verführerisch hüpfen, wenn er die Arme hebt, um sich frische Holzspäne aus dem Haar zu rubbeln (Keine Autorin jemals).

 

Ein anderes Beispiel: »Gute Brüste und brauchbare Schenkel« habe seine Protagonistin Helen laut Ernest Hemingway in »Schnee auf dem Kilimandscharo«. Ernest, was ist mit dir los? Und überhaupt: Brüste, die synchron zu ihren Augen rollen. Die schüchtern sind, aber gut zuhören können. Mutig sind, aber einfallslos. Die durch ihre Flachheit das Unverheiratet-Sein ihrer Trägerin verraten. 

 

Männer (be-)schreiben Frauen auf diese einfallslos absurde Weise, weil sie sich nicht wirklich für sie interessieren, sie aber zugleich als Objekte ihres Begehrens einfach nicht in Ruhe lassen können. Sie (miss)brauchen sie als Publikum, als Preis für anstrengendes oder heldenhaftes Verhalten. Oder sie unterstellen ihnen, sich durch ihre bloße Existenz sexuell einladend gegenüber Männern zu verhalten. Frau sollte wissen: In öffentlichen Verkehrsmitteln mit Kopfhörern auf den Ohren aus dem Fenster zu schauen und den eigenen Gedanken nachzuhängen, ist eine überlaute Aufforderung, angesprochen zu werden.

Mann mann mann, das muss doch wirklich anders gehen. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit echtem Interesse an Frauen und ihren Lebenswirklichkeiten? Daran, was sie bewegt, wie sie durchs Leben gehen, worin sie scheitern und woran sie sich selbst ermächtigen. Dann würden wir womöglich nicht mehr so überrascht tun können, wenn Frauen über ihre Gewalterfahrungen berichten.

 

Und dann wäre es auch kein Problem, Frauen für den ganzen Scheiß, den Frauen als Menschen eben auch so machen, hart zu kritisieren. Schlechte Bücher schreiben zum Beispiel. Kann man kritisieren. Aber dann sollte man wirklich ein Mindestmaß an Interesse aufbringen, anstatt Frauen als Prellwand der eigenen männlichen Eitelkeiten zu benutzen. Wenn ich darüber ein Buch mache, schreibe ich vermutlich auch aus der Schnatterzone. Klingt gut, gleich mal einen Verlag suchen.

Disclaimer Copy

Wenn wir von Frauen und Männern sprechen, beziehen wir uns auf strukturelle gesellschaftliche Rollen, die weiblich und männlich gelesene Personen betreffen. Gleiches gilt für die Adjektive »weiblich« und »männlich«. In Statistiken und Studien, die wir zitieren, wird leider oft nur zwischen Frau und Mann differenziert.

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