Väterlicher Heimatlosigkeit: Wenn Papa ein Fremder ist

Viele Männer lassen ihre Kinder ohne väterliche Fürsorge aufwachsen – und sind später erstaunt, wenn der erwachsene Nachwuchs mit ihnen fremdelt. Wie können Väter diese Entfremdung verhindern?
Unsplash ©Tim Mossholder

Der Schauspieler Anthony Hopkins hat seine Memoiren geschrieben: »We Did Ok, Kid« ist ein gutes, intensives Buch eines alten Mannes, der schonungslos – aber nicht ohne (Selbst-)Mitgefühl – sein Leben betrachtet und bloßlegt, wer er war und was ihn bewegt hat.¹ 

Ich selbst sitze gerade an einem Buch darüber, wie Eltern die Beziehung zu ihren erwachsenen Kindern gestalten können, ohne übergriffig in deren Leben einzugreifen, und dabei gleichzeitig in Bindung und Liebe zueinander bleiben. Hopkins‘ Reaktion auf die Frage nach Möglichkeiten der Versöhnung hat mich da sehr beschäftigt:

Hopkins sagte folgendes: »Meine Frau Stella lud sie [Hopkins Tochter] ein, vorbeizukommen und uns zu sehen. Nicht ein Wort zur Antwort. Also denke ich: Okay, gut. Ich wünsche ihr alles Gute, aber ich werde deshalb kein Herzblut verschwenden. Wenn du dein Leben mit Groll vergeuden willst – bitte, nur zu. Das geht über mein Vorstellungsvermögen. Ich könnte Groll über die Vergangenheit hegen, aber das wäre der Tod. Dann lebt man nicht wirklich.«

Anthony Hopkins will seine Lebenszeit also nicht mit unproduktivem Groll verschwenden. Das kann ich nachvollziehen. Was hingegen mein Vorstellungsvermögen übersteigt, ist die Untätigkeit, die scheinbare Teilnahmslosigkeit und das offensichtliche Desinteresse, mit denen Hopkins auf die Entfremdung seiner Tochter reagiert. 

 

Natürlich könnten wir es dabei belassen, dass Hopkins ein alter Kauz ist, der aus einer Ära stammt, in der Männer nicht wirklich dazu angehalten wurden, Verantwortung für ihre Beziehungen zu übernehmen. Dem ist sicher so. Das gilt selbst für mich als Mittvierziger. Im Gegensatz zu uns haben die Mitglieder der Gen Z häufig sehr gute Beziehungen zu ihren Eltern.³ Gleichzeitig ist das eben nicht nur eine Generationskiste. Ein Fünftel aller erwachsenen Kinder im Alter von 18 bis 45 in Deutschland lebt entfremdet von ihren Vätern. Entfremdet von ihren Mütter ist nicht einmal jede*r Zehnte.⁴

Irgendetwas stimmt da also ganz gewaltig nicht. Etwas, dass sich an Hopkins Verhalten gut veranschaulichen lässt: 

 

»Meine Frau Stella lud sie ein, vorbeizukommen und uns zu sehen.« Ach so. Deine dritte Frau, die nicht die Mutter deiner Tochter ist, hat also eine Einladung ausgesprochen? Wie ist das abgelaufen? Hast du sie damit beauftragt, weil dir dein Kind gefehlt hat? Weil du fandest, dass es sich nicht ziemt, in Entfremdung zu deinem einzigen Kind zu leben? Oder war es vielleicht sogar so, dass deine Frau in deine Gefühlslage hineinspüren musste und schließlich den Vorschlag gemacht hat, dass es womöglich eine gute Idee wäre, mit Abigail Kontakt aufzunehmen? 

 

Ich kann diesbezüglich nur spekulieren. Aber je mehr ich mich publizistisch mit den Konsequenzen von vernachlässigter Care-Arbeit, Ignoranz und intimitätssabotierenden Geschlechternormen in den Beziehungen zwischen erwachsenen Kindern und ihren Vätern beschäftige, umso deutlicher wird die Katastrophe. Umso mehr Puzzleteile klicken ineinander. 

Das hat Mann nun davon. Auch wenn Mütter durch ihre deutlichere Präsenz im Leben ihrer Kinder, ihren Anteil an Care-Arbeit und die übernommene Verantwortung viel mehr Reibungs- und Angriffsfläche bieten, sind es die Väter, zu denen der Kontakt oft ganz abgebrochen oder zumindest minimiert wird.

 

Derartige Konstellationen sind überall: Erwachsene Kinder, die sich gruseln, zu Weihnachten nach Hause zu fahren, wo sie dem Vater begegnen. Und die sich gegen unangenehme Situationen, passiv-aggressives Verhalten oder offene Feindseligkeiten wappnen. Oder eben auch Väter, die sich darüber wundern, dass sie nur ein oder zwei befremdliche Telefonate pro Jahr mit ihren Kindern führen und am Telefon nichts zu sagen wissen. Und die die Kindsmütter ausrichten lassen, dass das Geburtstagsgeschenk auch von ihnen sei. Auch wenn sie natürlich nichts zum Präsent beigetragen haben. 

Überraschung: Wer sich als Vater für seine kleinen Kinder nicht transparent und haftbar für ihre Bedürfnisse macht, wer keine Verantwortung übernimmt und wenig Interesse aufbringt, dem werden diese Dinge später nicht hinterhergetragen. 

 

Abigail Hopkins sagte in einem Interview mal, dass sie mit ihrem Vater nie über wichtige Themen gesprochen habe. Sie würde nicht erwarten, dass ihr Vater sich eines ihrer Konzerte anschaut, wenn er gerade in derselben Stadt ist. Dass er für sich geblieben ist und sie dann eben auch.⁵

 

Und genau deshalb schreibe ich auch ein bisschen gegen meine eigene Fassungslosigkeit an. Denn Männer erwecken zu oft den Anschein, als gäbe es zu viel Liebe, Intimität und gute Beziehungen in ihrem Leben. Als wären das bloß irgendwelche Pillepalle-Sachen, die sich an jeder Straßenecke finden lassen und nicht den tiefsten Kern menschlicher Existenz berühren. Als ließe sich Kümmern auf irgendwann später verschieben.

 

Für »Ich kümmere mich später oder gar nicht um diesen Menschen« gibt es einen Begriff. Er heißt Entfremdung. Entfremdung von Personen, die eigentlich Herzensmenschen sein sollten. Gerne gewesen wären. Aber nun nicht mehr sein können. 

Wer keine Verantwortung übernimmt, läuft am Ende Gefahr, genau dafür verantwortlich zu sein: für eine bruchstückhafte, nebulöse Restbeziehung zu einem Menschen, den Mann mit aller Kraft hätte sehen, aufwerten, befähigen und lieben können. Dem Mann zur Freiheit hätte verhelfen können, um ihm dann auf die Distanz einer Fernbeziehung (die Mann mit seinen erwachsenen Kindern nun einmal führt) immer mal wieder hinterherrufen zu können: Du bist gut so wie du bist. Ich liebe dich sehr. Ich bin dein größter Fan.

 

Wenn Liebe bedeutet, sich gegenseitig ineinander zu beheimaten, dann lassen zu viele Männer ihre Kinder in väterlicher Heimatlosigkeit aufwachsen und wundern sich später darüber, warum sich ihre Beziehungen nicht nach Zuhause anfühlen. Und damit es gar nicht erst soweit kommt, sollte Mann am besten ganz von vorn anfangen: beim Kümmern.

Disclaimer Copy

Wenn wir von Frauen und Männern sprechen, beziehen wir uns auf strukturelle gesellschaftliche Rollen, die weiblich und männlich gelesene Personen betreffen. Gleiches gilt für die Adjektive »weiblich« und »männlich«. In Statistiken und Studien, die wir zitieren, wird leider oft nur zwischen Frau und Mann differenziert.

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