In allen Ländern, in denen rechtsnationale Tendenzen erstarken, ist nicht nur die gesellschaftliche Vielfalt bedroht, sondern auch unser Sexualleben.

Das hat vorletzte Woche die frisch gewählte nationalkonservative Partei PiS in Polen gezeigt, die kaum, dass sie an der Regierung ist, den Sexualkundeunterricht verbieten will. Hinter der Gesetzesinitiative steckt auch ein Bündnis aus Abtreibungsgegner*innen, die glauben, dass wenn sie Lehrer*innen mit bis zu drei Jahren Haft drohen, der „Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Verdorbenheit“ gewährleistet sei.

„Sexuelle Verdorbenheit“ – was soll das überhaupt heißen? Kindergartenkinder, die sich ans Klettergerüst gefesselt gegenseitig auspeitschen? Erstklässler*innen, die statt Pausenbrot und Mathebuch lieber Dildos und Analplugs im Rucksack umhertragen? Oder heißt es einfach, dass Kindern frühzeitig ein gutes Gefühl gegeben wird, wenn sie sich selbst anfassen, wenn sie sich erforschen, wenn sie vermittelt bekommen, sie und ihre Körper sind ok?

Gut, denken wir, dass ist halt Polen, ein anderes Land. Das hat nichts mit uns zu tun. Mal davon abgesehen, dass Polen Mitglied der EU und Deutschlands Nachbarland ist, legen auch hiesige Debatten den Gedanken nahe, manch eine*r wünsche sich moralische Grenzen zurück, in denen die einzig richtige Antwort auf „sexuelle Verdorbenheit“ der Schoß der Familie ist. Oder, klar, Enthaltsamkeit. Was zu predigen ja immer die beste Alternative ist, um heranwachsende Menschen nicht mit dem Ursprung ihrer Existenz behelligen zu müssen. Da spielt es auch keine Rolle, dass die Weltgesundheitsorganisation altersgerechte Sexualaufklärung als Beitrag zur allgemeinen Gesundheitsförderung und als Voraussetzung für sozial gerechte Gesellschaften sieht.

Lieber verteufeln „besorgte“ Eltern und „alarmierte“ Politiker*innen die sexuelle Früherziehung als „Frühsexualisierung“.

Ganz so, als führe die Erwähnung eines penetrierenden Penis’ zu der Entscheidung ,dann lieber Lesbe!‘ zu sein oder als animiere der Gedanke der Geschlechterdiversität dazu, sich Penis und Vulva nach Belieben neu zusammenzustellen. Weder Homosexualität noch Inter- oder Transsexualität lassen sich durch Schweigen verhindern. Zum Glück!

Keine Frage, Sexualaufklärung muss immer altersgerecht sein. Und sie sollte immer auch schützen – aber nicht vor dem eigenen Körper, sondern vor dessen Missbrauch durch andere. Davor, dass die fremde Tante dem Achtjährigen am Penis rumfummelt oder der freundliche Onkel die Neunjährige erektionsfreundlich auf seinem Schoß rumrutschen lässt. Aber dafür brauchen Kinder eben konkrete Sexualaufklärung, keine vagen Andeutungen. Sie brauchen das Selbstbewusstsein, zu erkennen, was sich gut und richtig anfühlt und was eben nicht.

Aber auch diejenigen, die sich nicht im keuschen Hardcore-Business verorten, sind skeptisch, wenn es darum geht, ihre Kinder als sexuelle Wesen zu begreifen. Das Problem ist dabei gar nicht das Kind, sondern das eigene ambivalente Verhältnis zu Sexualität. Was kein Wunder ist, denn wir, die wir heute erwachsen sind, haben als Kinder und Jugendliche auch nicht mehr über Sex vermittelt bekommen, als das übliche Untenrum-Einmaleins, das vor allem dem Zweck dienen sollte, nicht ungewollt schwanger zu werden oder ungewollt zu schwängern. Unsere Kinder aufzuklären, erinnert uns daran, unsere eigene Sexualität zu hinterfragen, und in ihre Abgründe zu tauchen. Vielleicht, sich auch mal für Fesseln und Analplugs zu interessieren, oder eben zu erkennen, dass man Kuschelsex im Bett mit einer Person, die man mag, bevorzugt.

Sexualpolitik ist immer auch Bevölkerungspolitik, sprich die Einflussnahme auf Bevölkerungswachstum. Für eine rechtsnationale Regierung ist diese Einflussnahme ein taktisch wichtiges Instrument. Denn wo Menschen nicht mehr sexuell aufgeklärt werden, können reproduktive Ziele leichter umgesetzt, also die nächste rechtskonservative Generation herangezüchtet werden. Männer und Frauen, die nicht mehr lernen, wie der weibliche Zyklus funktioniert und wie Schwangerschaften verhütet werden, können nicht länger selbst bestimmen, ob sie sich fortpflanzen wollen oder nicht. Praktisch für eine Regierung, deren nationaler Größenwahn sich in einem starken Bevölkerungswachstum manifestiert sieht. Wäre ja auch nicht das erste Mal. Sexualaufklärung ist nicht vorrangig eine Frage der Moral oder Religion, sondern der Politik – egal in welchem Land. Entsprechend sind es nationalpolitische Tendenzen, die uns in unserer Entwicklung beschränken, nicht das früh vermittelte Wissen über Sex. 

Die führt höchstens zu so herzerwärmenden Anekdoten wie die, die ein ZEIT-Leser neulich für die Rubrik „Was mein Leben reicher macht“ beschrieb, als sein Enkel, ein Grundschüler, nach dem Sexualkundeunterricht nach Hause kommt und seinen Vater fragt: „Papa, hattest du auch schon mal Sex?“