So beginnt der offene Brief, mit dem sich 100 prominente Französinnen in der Zeitung Le Monde gegen die in ihren Augen völlig überzogenen und puritanischen Tendenzen der #MeToo Bewegung kritisieren. Die Schauspielerin Catherine Deneuve, die Schriftstellerin Catherine Millet und andere verwehren sich darin gegen ein gesellschaftlichen Klima, in dem ein harmloser Flirt nicht länger möglich sein soll, weil angeblich eifernde Sittenwächterinnen wegen bloßer Galanterie Köpfe rollen sehen wollen.

Um es mal in der Diktion des Briefes zu sagen:

Das hätte ein interessanter und wichtiger Debattenbeitrag werden können, aber …

… schon die Einleitung macht klar, woran es scheitert. Aber also. So wie in:

Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber …
Ich bin grundsätzlich gegen Gewalt, aber …

Das ist hier wie dort nichts anderes als ein Abnicken der diskursdominierenden  moralischen Positionen, um anschließend genau gegen diese Positionen vorgehen zu können. Angela Merkel hat diese Vorgehensweise in ihrer ureigenen Art auf einer Pressekonferenz zur Katastrophe in Fukushima vor Jahren in einem legendären Satz veranschaulicht, der das aber sogar weglässt.

So weit sind die Verfasserinnen dann doch nicht gegangen. Stattdessen abert es gewaltig.

Aber nicht alle Männer sind Täter!
Aber Frauen sind nicht immer nur Opfer.
Aber es muss doch möglich sein.
Aber man wird doch wohl noch?!
Und vor allem: Aber was ist mit Flirten?

Ich hätte liebend gern eine Debatte über das Flirten. Eine, die gerne kritisch hinterfragen darf, warum die Flirtinitiative so großflächig Männern zugeschrieben wird und was mit Geschlechterdynamiken macht. Die dabei aber nicht aus den Augen verliert, dass Flirten heutzutage weder unmöglich ist, noch dass Sexualität im Kern immer übergriffig sein muss. Breit zu diskutieren, wie die Anbahnung einer sexuellen Beziehung ohne Machtgefälle und auf Augenhöhe funktioniert, fänd ich sehr spannend.

Das wird nur bis auf weiteres nichts. Auch wegen Briefe wie diesem. Demzufolge doch noch wohl Dinge erlaubt sein müssen wie:

Ein Knie zu berühren.
Einen Kuss zu ergattern.
Während eines beruflichen Abendessens Intimes ansprechen.
Nachrichten mit sexueller Konnotation zu verschicken.
Sich in der Metro an einer Frau reiben zu dürfen, weil sie davon ja nicht zwangsweise traumatisiert wird und dies auch als Nichtereignis oder sexuelle Misere des Mannes auffassen kann.

Frauen sollen offenbar selbst für Übergriffigkeiten gegen sie Verantwortung übernehmen und auch da regulierend-besänftigend einwirken bzw. mit sich machen lassen. Ich kann es nicht mehr hören. Schon wieder ein Text, der Grundvoraussetzungen einfach unterschlägt und die gleichen Fehlleistungen reproduziert.

  1. Es geht immer noch um Macht. Nein, nicht alle Frauen sind Opfer. Nein, nicht alle Männer sind Täter. Ja, es ist wie die Schriftstellerin Margaret Atwood schreibt: „Männer haben Angst davor, dass Frauen sie auslachen. Frauen haben Angst davor, dass Männer sie töten.“
  2. Frauen sind so, müssen dies, sollen das. Ein Brief, der mit den Worten „Vergewaltigung ist ein Verbrechen“ beginnt, beinhaltet nicht eine einzige Handlungsanweisung für Männer. Wie zum Beispiel – ach ich weiß auch nicht – vergewaltigt nicht. Nur so als Idee.
  3. Und natürlich meine momentane Lieblingsformulierung: „Hexenjagd auf Männer“. Donald Trump zum Beispiel ist gerade Opfer der „größten aller Zeiten“. Und im Zuge der #MeToo Debatte sowieso: Hexenjagd! Die jahrhundertelange systematische Folterung und Tötung „des Weibes, das von Natur aus schlecht ist, da es schneller am Glauben zweifelt, auch schneller dem Glauben abschwört, was die Grundlage von Hexerei ist„, lassen wir jetzt also Männern angedeihen. Guck an! Irgendwas muss ich verpasst haben.

Zusammenfassung:
#MeToo nimmt sich die Freiheit heraus, übergriffigen, gewaltätigen Männern und den sie schützenden Verhältnissen lästig zu werden. Dafür wird die Bewegung von Deneuve und ihren Mitstreiterinnen kritisiert. Und zwar mit Verweis auf die Freiheit von Männern, Frauen lästig zu werden. Silvio Berlusconi gefällt das.

Beitragsbildquelle: Wikimedia Commons