Seit 5 Jahren ringe ich nun schon kontinuierlich um Fassung. Das ist mir zwar auch schon zuvor passiert, aber in der Arbeit für Pinkstinks spitzt sich das regelmäßig zu. Ob sich Werbung bei mir im Namen eines leicht bekleideten Models erkundigt, „wie tief ich ihn reinrammen will„, oder ob der Stern den Altersunterschied zwischen Emmanuel und Brigitte Macron mit dem Hashtag #AufAltenPferdenLerntManReiten versieht und es im Nachhinein anders gemeint haben will – es geht immer noch krasser, noch absurder, noch menschenverachtender. Ein Ende ist nicht in Sicht. Und jedes Mal stelle ich fest, dass es meine eigene Ignoranz oder die Vollumpfänglichkeit meiner Wohlfühlzone sind, die mich kurz glauben lassen, es handele sich dabei um ein extremes Einzelproblem. Dabei gibt es einen strukturellen Zusammenhang.

So auch in dem Fall eines 17-jährigen mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers in Irland. Der 27-jährige Beschuldigte wurde vor einigen Tagen freigesprochen, weil seine Verteidigerin geltend gemacht hatte, dass die sexuellen Handlungen in beiderseitigem Einvernehmen stattgefunden hätten. Dafür wandte sie sich unter anderem mit den Worten

„Sie müssen sich ansehen, wie sie gekleidet war, sie trug einen Tanga.“

an die Jury. Und schon sind wir wieder mitten in meiner Fassungslosigkeit. Egal wie oft ich damit zu tun habe, egal wie oft ich mich mit Rape Culture beschäftige –

ein Teil von mir möchte Zuflucht im sogenannten Einzelfallmodel nehmen. In der Vorstellung, dass wir es mit gesellschaftlichen Ausnahmesituationen zu tun haben und nicht mit gesellschaftsrelevanter Struktur. Das fühlt sich so viel netter und beruhigender an. So viel angenehmer als diese EU-Studie, die 2016 belegt hat, dass jede*r Vierte findet, dass Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung unter Umständen gerechtfertigt sein kann. Weil Frauen ja auch irgendwie selbst Schuld seien, wenn sie zu viel Alkohol trinken, zu jemandem mit nach Hause gehen oder sich aufreizend kleiden.

Womit wir wieder beim Tanga wären, um den es nicht wirklich geht und auch nie gegangen ist. Es geht darum, die Geschichte eines „She was asking for it“ zu erzählen.

Sie wollte es doch auch. Dafür muss es kein Tanga sein. 1999 wurde beispielsweise vom einen italienischen Berufungsgericht ein Freispruch für den Fahrlehrer einer 18-jährigen Schülerin bestätigt. Auch hier befand man die sexuellen Handlungen für einvernehmlich und beschied, dass der Fahrlehrer die Jeans der Schülerin niemals ohne ihre Mithilfe hätte ausziehen können. Wobei man Jeans natürlich auch anders bewerten kann. Letztes Jahr wurde ein ägyptischer Rechtsanwalt zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er im Fernsehen behauptet hatte, es sei „eine nationale Pflicht, Frauen mit zerrissenen Jeans zu belästigen und zu vergewaltigen“.

2006 ließ ein kanadischer Richter einen vorbestraften Vergewaltiger mit einer Bewährungsstrafe davonkommen, weil das Opfer keinen BH, dafür aber High Heels und Make-up trug. 5 Jahre später entzündeten sich an der Aussage eines Polizisten, Frauen sollten sich nicht wie Schlampen kleiden, um nicht zu Opfern gemacht zu werden, die ersten Slut Walks in Kanada. Und 2015 erklärte die Rocksängerin Chrissie Hynde von der Band The Pretenders in Bezug auf Vergewaltigungen: „Wenn ich in Unterwäsche herumlaufe und betrunken bin? Wessen Schuld kann es sonst sein?“
Wer an dieser Stelle glaubt, von diesen zufällig ausgewählten Beispiele gäbe es nicht hunderte mehr, der oder die klammert sich mindestens so stark an seine oder ihre Fassungslosigkeit wie ich an die Meine. In Wahrheit wissen so ziemlich alle, was sich hinter „She was asking for it“ verbirgt.

In Wahrheit liegt es niemals an der Kleidung, sondern immer nur an der Forderung, die kein Nein akzeptiert. An dem Übergriff. An der Gewalt. Im vergangenen Jahr hat sich eine Ausstellung mit der Frage beschäftigt, was Vergewaltigungsopfer wirklich tragen. Die Antwort: Alles. Irgendwas. Egal was. Elfenkleidchen, Schlabberklamotten, Badeanzüge, Abendrobe, Uniform.

Und manchmal sicher auch einen Tanga.
1978 protestierten 5000 Frauen in Irland gegen Victim Blaming, Slut Shaming und sexualisierte Gewalt. Sie riefen: „Yes means yes and no means no, however we dress, wherever we go.“ 40 Jahre später gilt die Vergewaltigung einer 17-jährigen als unwahrscheinlich, weil sie einen Tanga trug. Dieses Problem löst sich nicht von selbst. Es ist gesellschaftlich tief verankert. Auch in mir. Solange ich in solchen Fällen wider besseres Wissens diesen kurzen Das gibt es doch gar nicht Moment habe, bin ich Teil des Problems. Dabei geht es nicht darum, Fakten aufzublasen, alles unkritisch zu glauben oder Männer grundsätzlich für Vergewaltiger zu halten. Es geht darum, zur Kenntnis zu nehmen, dass sexualisierte Gewalt viel zu oft als Nebenwirkung des Zusammenlebens von Männern und Frauen charakterisiert und verharmlost wird. Es geht darum, sich nicht immer wieder hinter Desinteresse oder (in meinem Fall) hinter Entsetzen zu verstecken. Es geht um Widerspruch:

Nichts und niemand lädt zu einer Vergewaltigung ein. Diesen Grundsatz missverstehen und hintergehen zu wollen war und ist keine Ausnahme sondern gängige Praxis, die unterbunden werden muss. Immer.

Euer Nils

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