Eines der umstrittensten Problemfelder, die Feminismus seit einiger Zeit immer wieder in den Blick nimmt, ist die sogenannte toxische Männlichkeit. Normen und Verhaltensweisen also, die Männer dazu veranlassen, anderen und sich selbst zu schaden. Männer hören das verständlicherweise nicht gern. Weil es zu einfach ist, Männer mit Männlichkeit zu verwechseln oder gleichzusetzen und den Eindruck zu gewinnen, dass man wegen der Taten einiger in Geschlechterhaft genommen wird. Dabei sind Männer gar nicht das Problem.  Die Verherrlichung von Gewalt, das Unterdrücken von Gefühlen und das Ausblenden von Schwierigkeiten und Krankheiten jedoch schon. Mit der fehlenden Differenzierung geht die Empörung über die angebliche Denunziation als bedrohtes, ja als verteufeltes Geschlecht einher. Und als Gegenmaßnahme die Identifkation von Feminist*innen als männerhassend. Feminismus wird als die Geschlechter und die Gesellschaft spaltend bewertet. Er gilt als der große Saboteur heterosexueller Beziehungen, weil er die Frauen einer Gehirnwäsche unterzieht.

Im Kern ist es das, was dem Feminismus immer wieder vorgeworfen wird: Er habe Frauen aufgewiegelt und „normale“ Beziehungen zwischen Männern und Frauen komplett verunmöglicht. In Gesellschaften, die sich zu einem vermeintlich geschlechtergerechteren Miteinander aufgemacht hätten, sei es daher nicht weiter verwunderlich, wenn Männer von der neuen Anspruchshaltung der Frauen überfordert sind und sich anderswo umsehen. Deutsche Frauen gelten in diesem Zusammenhang gerne als „zu anspruchsvoll, zu schlecht gelaunt, zu kompliziert, zu schlampig angezogen“. Sie stellten „zu viele Bedingungen“ und gäben „zu wenig Sex.“ Dann doch lieber Partnerinnen aus Osteuropa oder Asien, wo Frauen noch Frauen sind und Männer noch Männer sein dürfen. Allerdings wird man abgesehen von den Pauschalisierungen mal fragen dürfen, wieso für zahlreiche Männer eine Beziehung auf Augenhöhe eine derartige Zumutung darstellt, dass sie eine asymmetrische Beziehung bevorzugen, bei der sie immer zu ihm hinaufschaut und er auf sie herab.

Dafür gibt es Gründe. Der Sozialpsychologe Rolf Pohl hat sie in seinem Buch Feindbild Frau besonders zugespitzt formuliert: Männer erleben sich in ihrer Sexualität als schwach und abhängig und die Sexualität von Frauen im unkontrollierten Zustand als bedrohlich. Sie hegen großflächig den Wunsch nach Sexualkontakten zu ihren Bedingungen. Deswegen wird die Sexualität von Frauen seit Jahrhunderten hegemonial eingehegt und mit so vielen Tabus und moralischen Verurteilungen versehen. Männer ächten in diesem Zusammenhang spiegelverkehrt, was ihnen im Kern an sich selbst verächtlich erscheint. Sie maskieren das tiefe Gefühl der Unterlegenheit mit ausladenden Gesten der Überlegenheit.

In letzter Konsequenz bedeutet dies – und darüber sollte sich niemand in Bezug auf toxische Männlichkeit hinwegtäuschen – dass man(n) die „Chads und Stacys“ umbringt. Also Männer, denen es ein Leichtes zu sein scheint, Sex mit Frauen zu haben, und Frauen, die sich genau dafür hergeben. Sie stellvertretend leiden lässt für das, was man(n) selbst erleidet. Jede weitere Verwirklichung ihrer Ansprüche mit tödlicher Gewalt vernichtet, weil die eigenen Ansprüche nie realisiert werden konnten.

Elliot Rodger, der am 23.05.2014 sechs Menschen tötete, weil sie entweder den Sex hatten, auf den er Anspruch zu haben glaubte, oder ihm in ebendiesen vorenthielten, war beispielsweise davon überzeugt, betrogen worden zu sein. In seinen Augen verfügte er über alle Eigenschaften und Produkte, um bei Frauen zu landen:

„Ich bin so ein großartiger Kerl. Ich bin wunderschön –
das könnt ihr nicht leugnen. Ich habe die ganze Welt
bereist und so viel zu erzählen.
Ich bin zivilisiert, intelligent, kultiviert.“

In den YouTube-Clips, in denen er seine Situation und seine Weltsicht schilderte, ließ er sich minutenlang darüber aus, dass Typen, die nicht wie er einen schicken Sportwagen und eine teure Sonnenbrille besitzen, trotzdem Frauen abbekommen – und er nicht. Für Rodger war das eine bodenlose, unerträgliche Frechheit. Es fühlte sich für ihn wie eine Ungerechtigkeit an, die ihm zufolge nicht einmal durch die „brutale Auslöschung von tausenden hübschen, blonden Frauen“ aufzuwiegen gewesen wäre.

Wenige Minuten, bevor der mutmaßliche Täter von Toronto damit begann, mit einem Wagen Menschen zu überfahren, postete er auf Facebook seine Bewunderung für Elliot Rodger und seinen Hass auf „Chads und Stacys“. Und damit ist er nicht allein. Im Internet finden sich reihenweise Männer, die eine Art Kult um Rodger errichtet haben, ihm Videos und Blogeinträge widmen, sein Gesicht in Heiligenbilder photoshoppen, den Jahrestag seiner Tat feierlich begehen oder sich beim Auspacken eines T-Shirts mit seinem Konterfei filmen. Noch einmal: Es geht um das Gift, nicht um das Geschlecht. Und es würde das Pferd von der völlig falschen Seite aufzäumen, wenn man alle Männer für die Greueltaten einzelner verantwortlich macht. Für diese Femizide, in deren Fahrwasser auch Männer ermordet werden weil sie im Gegensatz zu den Tätern sexuelle Beziehungen mit Frauen haben.

Aber diese Taten sollten Anlass genug sein, etwas Grundsätzliches zu addressieren: Es gibt kein Recht darauf, sexuell begehrt zu werden. Die Sexualität von Frauen ist nicht fehlerhaft oder pervertiert, wenn sie sich nicht auf einen Mann richtet, der sie begehrt. Nicht, wenn sie situativ oder permanent an keinen Sexualkontakten mit Männern interessiert ist und auch nicht, wenn sie statt auf denjenigen, der Anspruch auf sie erhebt, Lust auf einen oder mehrere andere Männer hat.

Außer Respekt und den Verzicht auf Gewalt schulden wir einander nichts. Frauen schulden Männern nicht den aufschauenden, bewundernden Blick oder Bedingungslosigkeit. Und schon gar nicht schulden sie ihnen Sex. Auch wenn es sich bei manchen noch nicht herumgesprochen zu haben scheint: Nicht auf  sexuelle Avancen einzugehen, ist kein Zeichen von Respektlosigkeit. Es ist vielmehr Zeichen einer schwerwiegenden mentalen Vergiftung, wenn Männer glauben, ihnen stünde Sex mit Frauen qua Geschlecht zu. Gegen diese Vergiftung und ihre Folgen muss vorgegangen werden. Nicht gegen Männer.