„Eigentlich müssten die Männer anfangen, für mehr Gleichberechtigung zu sorgen, aber so etwas tun Männer nicht von selbst.“ Der Mann, von dem dieses Zitat stammt, ist Sprecher des deutschen Urologenverbands und es ist ihm verdammt ernst. Er meint nämlich das Thema Verhütung und das eklatante Desinteresse, welches viele Männer daran immer noch zeigen. Wolfgang Bühmann und seine Kolleg*innen sind immer wieder überrascht darüber, wie wenig Männer sich mit Verhütung auseinandersetzen. Verhütung, darauf scheinen wir uns gesellschaftlich mehr oder weniger geeinigt zu haben, ist Frauensache.

Zugegeben, die Optionen sind für Männer nicht so zahlreich wie für Frauen. Aber weder informieren wir uns ausreichend über die uns zur Verfügung stehenden Methoden, noch bauen wir genügend Druck auf, um Forschung und Entwicklung auf diesem Gebiet zu forcieren. Denn es ist wie Bühmann sagt: Eigentlich müsste es doch in unserem ureigensten Interesse liegen, über unsere Reproduktion möglichst umfassend Kontrolle zu erlangen und von sexuell übertragbaren Krankheiten verschont zu bleiben. Trotzdem überlassen wir das nur allzu gerne den Frauen. Weil wir es irgendwie unsexy finden, uns in der „heißen Phase“ noch ein Kondom überstülpen zu müssen, und weil es anstrengend ist. Verhütung ist auch Arbeit. Sie kostet Zeit, Geld und Aufmerksamkeit, oft genug nervt und stresst sie. Verhütung macht keinen Spaß. Also lässt mann das die andere machen und redet sich ein, dass das für Frauen ja sowieso relativ unproblematisch sei.

Aber mal abgesehen davon, dass Spirale, Bestimmung der fruchtbaren Tage, hormonelle Verhütung und Co. nicht vor Geschlechtskrankheiten schützen, kann von unproblematisch nicht die Rede sein: Die Nebenwirkungen einer Kupferspirale können von leichten Unterleibsschmerzen über Eileiterschwangerschaften bis hin zur Uterusperforation reichen. In einem einzigen schwedischen Krankenhaus wurden innerhalb von 3 Monaten 37 Schwangerschaften von Frauen registriert, die sich auf die vom TÜV geprüfte App Natural Cycles verlassen haben, welche mit Verweisen auf „Natürlichkeit“ und „weiblichem Empowerment“ beworben wird. Und dass die Pillen der 3. und 4. Generation heute als Lifestyleprodukt an Mädchen und jungen Frauen vermarktet werden, die damit Pickel, Periode und Psychostress in den Griff bekommen sollen, ist auch kein Geheimnis. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass diese Präparate bei gleichem oder gar schlechterem Wirkungsgrad deutlich größere Nebenwirkungen haben. Verhütung, so scheint es, soll möglichst wie eine simple Nebensächlichkeit wirken, damit sie die Stimmung nicht kaputt macht. Allerdings wird die gar nicht mal so nebensächliche Belastung, den gemeinsamen Sex von ungewollten Folgen zu befreien, nicht fair verteilt. Selbst wenn es um eine Vasektomie, also die Sterilisation des Mannes geht, sitzen in den Vorgesprächen öfter mal Frauen statt Männer, weil er einen solchen Eingriff trotz abgeschlossener Familienplanung (noch) nicht zumutbar findet. Selbstverständlich bleibt das jedem selbst überlassen. Aber man sollte schon mal fragen, warum die Überschaubarkeit und der Erfolg einer Vasektomie in deutlichem Missverhältnis zur geringen Anzahl an Interessierten/Operierten steht.

Allerhöchste Zeit also, über Männer und Verhütung zu reden. Darüber, warum Kondome grundsätzlich eine prima Sache sind und mann sich ggf. ruhig mal über die hormonelle Verhütung seiner Partnerin informieren und sich an den Kosten beteiligen könnte (gilt für alle Beteiligten und alle kostenpflichtigen Verhütungsmittel). Darüber, was es noch für Möglichkeiten gibt und geben könnte. Darüber, dass Verhütung nichts ist, das jemand selbstverständlich für andere mitzuleisten hat. Dies erscheint umso wichtiger, wenn man liest, dass dieser Tage über das genaue Gegenteil von verantwortlicher Verhütung durch Männern berichtet wird. Über Stealthing nämlich. Über Männer, die während eines einvernehmlichen Sexualakts mit einer Frau unerlaubt und unbemerkt das Kondom entfernen und einfach weitermachen. Weil es ihnen ein Gefühl der Macht gibt, sie an die „Überlegenheit des Mannes“ glauben und ihnen die Konsequenzen egal sind. Solchen widerlichen, frauenverachtenden Praktiken muss mit aller Entschiedenheit entgegnet werden. Mit juristischen Mitteln wie kürzlich in der Schweiz. Und mit gesellschaftspolitischen Mitteln, zu denen auch die Verständigung darüber gehört, dass Verhütung nicht nur Frauensache ist.