Man muss dem kürzlich in der Zeit erschienenen Artikel Wenn Mama das Geld verdient einige Dinge zugutehalten. Dass er differenzierter ist als Überschrift und Untertitel zum Beispiel und dass er viel besser ist als die Punchlines, die in den sozialen Netzwerken benutzt wurden, um ihn zu bewerben. Die fanden nicht nur wir befremdlich.

Dass er den Begriff der „Verkehrtheit“ in Anführungszeichen setzt. Und nicht zuletzt auch, dass er eine Debatte angestoßen hat. Womöglich nicht gerade die Debatte, die von den Autor*innen intendiert war, aber dafür eine die fragt, warum bestimmte Dinge einfach als gegeben hingenommen oder zumindest nicht hinterfragt werden. Im Vordergrund steht die Frage danach wie „verkehrte“ Paare mit einer Situation umgehen, in der sie mehr Geld verdient als er. Aus dem Hintergrund hat sich allerdings die Frage aufgedrängt, warum sie so oft weniger verdient als er, was das mit ihr und der Beziehung macht und wieso das nicht thematisiert wird. Oder anders formuliert: Der Text hält Sachen fest wie

Während Paare in unteren Einkommensschichten selten die Wahl haben, ob ein Partner beruflich kürzertritt, hat es sich in der Mittelschicht eingebürgert, dass einer – häufig in Teilzeit – etwas „dazuverdient“. Meist ist das die Frau.

beschäftigt sich aber nicht wirklich damit, warum das so ist. Und er stellt die Frage

Bringen vertauschte Rollen beim Geld die Liebe aus dem Gleichgewicht?

ohne einen Blick dafür zu haben, dass vor den vertauschten Rollen von „Gleichgewicht“ nun wirklich nicht die Rede sein kann. Die Hausfrauenehe war und ist kein Gleichgewichtsmodell. Das heißt nicht, dass man sie nicht mit viel Mühe und einem genauen, ehrlichen Blick für die Rollenverteilungen untereinander dazu machen könnte. Es heißt vielmehr, dass wir uns gesellschaftlich auf das Sandkastenwippspiel Wie lange willst du oben bleiben?! verständigt haben, bei dem er schwerer wiegt und sie deshalb oben bleiben muss. Geht er weg, knallt sie runter. Sind die Rollen dabei vertauscht und er hängt oben, wird dies von der Umwelt oft kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen, die Paare können sich selbst nicht von ihren verinnerlichten Rollenzuschreibungen des Vorgängerwippmodels nicht freimachen. Über dieses Phänomen stellt der Zeitartikel einige interessante Beobachtungen an. Allerdings verwechselt er wirtschaftliche Abhängigkeit und Machtkonstellationen in Ehen und eheähnlichen Beziehungen mit Liebe.

Es geht aber nicht um Liebe. Die wird nämlich quasi ununterbrochen auf harte Proben gestellt – nicht nur von einem Rollentausch. Es geht darum, wer der Boss ist und warum. Von wem erwartet wird, dass er oder sie der Boss ist. Um das herauszufinden, hätte man die Liebe an der Stelle einmal Liebe sein lassen und stattdessen über den heteronormativen Tellerrand schauen können: Wie ist das eigentlich bei homosexuellen Paaren in Ehen oder eheähnlichen Beziehungen? Dazu gibt es bemerkenswerte Studien, die beispielsweise zeigen, dass die Gleichberechtigung in Bezug auf Tätigkeiten im Haushalt bei heterosexuellen Paaren seit den 70ern zunimmt, bei homosexuellen Paaren aber abnimmt. Vermuteter Grund ist der Umstand, dass homosexuelle Paare sich mittlerweile verpartnern/heiraten dürfen und Kinder haben – und ein Kind bildet in jedem Fall eine Sollbruchstelle, weil wir immer noch in Strukturen feststecken, die strikte Arbeits- und Rollenaufteilung befördern. Eine*r macht dies, der oder die andere das.

Wie lange willst du oben bleiben? Wie lange bleibst du unten sitzen? Wann können wir endlich anfangen zu wippen? Die Machtfrage ist nicht ausschließlich an das Geschlecht gebunden sondern an herrschende Verhältnisse. Sie wird auch nicht erst dadurch problematisch, dass eine neue, scheinbar umgekehrte Rollenverteilung uns ungewohnte Sichtweisen aufzwingt, sondern in jedem einzelnen Moment, in dem sich jemand in den Vorteil setzt und jemand anderer ohnmächtig zurückbleibt. Wenn wir das angehen, klappt es wahrscheinlich besser mit den Ehen und eheähnlichen Beziehungen. Und vielleicht sogar mit der Liebe.

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