Gegen Ende eines Vortrags oder einer Diskussion, an der ich teilnehme, stellt man mir häufig ein und dieselbe Frage. Manchmal auch gleich zu Beginn. Und deshalb möchte ich diese Frage, quasi in vorauseilendem Gehorsam, beantworten. Beziehungsweise: Ich will mich einer Antwort annähern. Es ist nämlich gar nicht so einfach.

Die Frage lautet: Warum sind Sie Feminist? Wahlweise auch: Sie sind doch ein Mann, warum äußern Sie sich in feministischen Debatten? Oder: Ist das nicht komisch, so als Mann, mit all den Frauenthemen?

Ich kann darauf z.B. nicht antworten, dass mir der Feminismus in die Wiege gelegt wurde. Dass ich etwa eine politisch-feministische Mutter hatte (was nicht heißen soll, dass sie unpolitisch oder unfeministisch wäre). Oder, dass ich unter lauter feministisch engagierten Frauen aufgewachsen sei.

Stattdessen muss ich wirklich nachdenken, wie ich zum Feminismus kam – bzw. der Feminismus zu mir. Und darüber, was der Feminismus für Männer bereithält. Und letzten Endes auch darüber, was Männer im Feminismus und für den Feminismus tun können.

Mir ist dabei erst kürzlich klargeworden, dass meine Sozialisation zum Feministen vor allem mit Privileg und damit mit meiner Privilegiertheit zu tun hat. Ich bin als weißer, heterosexueller cis-Mann, der in Deutschland lebt und arbeitet, Teil einer der privilegiertesten Gruppe von Menschen, die es weltweit gibt. Ich werde in der Regel nicht diskriminiert. Im Gegenteil: Ich bin mehr Teil der Ursache von Diskriminierung, als Teil der Lösung. Vermutlich dauerte es aus diesem Grund auch erheblich länger, bis ich erkannte, dass ich das, was ich für richtig und wichtig halte, auch auszusprechen in der Lage war: Ich bin Feminist.

Hätte ich eine Geschichte systematischer Diskriminierung hinter mir, hätte ich vermutlich erheblich schneller erkannt, dass da etwas nicht stimmt mit unserem System.

Henrik Marstal, Mitgründer unseres Projekts Male Feminists Europe hat mir erst vor kurzer Zeit weiter die Augen geöffnet. Henrik ist einer der engagiertesten und bekanntesten männlichen Feministen in Dänemark. Er ist Musiker, Dozent und politischer Blogger für die dänische Tageszeitung Politiken in Kopenhagen. Ich traf ihn zuletzt anlässlich eines Events in Oslo, bei dem wir beide einen Vortrag zum Thema „Gender Equality in Music“ hielten sowie an einer Podiumsdiskussion teilnahmen. Henrik sagte mir, er sei sich seines Privilegs bewusst und nutze es, um eben dieses Privileg zu kritisieren. Eine solche Haltung ist für mich der Schlüssel zur Gleichstellung. Erst durch die Anerkennung der eigenen Privilegiertheit kann ein Perspektivenwechsel gelingen, der einen in die Lage versetzt, Teil der Lösung zu werden, statt Teil des Problems zu bleiben.

Zu Beginn meines Berufslebens konnte ich die wertvolle Erfahrung machen für ein Startup zu arbeiten, das die größte deutschsprachige Plattform für Schwangere und Eltern betrieb. Ich setzte mich im Zuge dessen intensiv mit den Inhalten auseinander, die insbesondere relevant für Frauen und Familien sind. Regelmäßig half ich in der Community aus und moderierte Foren zu Kinderwunsch, Geburt oder Babythemen. Dabei erhielt ich intensive Einblicke in die vielen Bereiche, in denen v.a. Frauen und Mütter diskriminiert werden. Nach einiger Zeit übernahm ich hauptverantwortlich die Geschäfte des Unternehmens. Ich war also plötzlich Arbeitgeber. In dieser Rolle war ich mit den Bedürfnissen von vornehmlich Mitarbeiterinnen konfrontiert. Und diese passten nicht immer zu denen der Gesellschafter oder Shareholder. Gerechte Bezahlung, Führung auf Augenhöhe und flexible Arbeitszeitmodelle passen nach wie vor nicht so recht ins Bild effizienter und erfolgreicher Unternehmensführung.

Dennoch hat es sich stets ausgezahlt, wenn ich versucht habe insbesondere meinen Mitarbeiterinnen und Kolleginnen gerecht zu werden. Loyalität ist schließlich keine Einbahnstraße.

Seit ich freiberuflich tätig bin, engagiere ich mich aktiv in der feministischen Debatte. Ich blogge, halte Vorträge, nehme an Diskussionen teil, melde mich in den Social Media Streams zu Wort und veröffentliche meine Texte auf verschiedenen Plattformen. Ich habe dabei gelernt, dass die feministische Agenda (sofern man von einer solchen überhaupt sprechen kann) sehr viel für Männer bereithält. Am wichtigsten ist vermutlich die Erweiterung des eigenen Repertoires. Wir können endlich ausbrechen aus den für uns lange Zeit geltenden Geschlechter-Klischees. Dabei schöpfen wir aus einem riesigen Vorrat an Lebensentwürfen und Einstellungen. Die eigene Rolle als Unterstützer von Gleichstellung, Vielfalt und Geschlechter-Gerechtigkeit ist dabei beinahe eine logische Folge.

Und spätestens jetzt spüren wir Widerstand. Wir treffen auf Broflakes

und Maskulisten, wir erleben die Reaktanz der Reaktionären. Wir werden angefeindet und lächerlich gemacht. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was die allermeisten Frauen, was fast alle LGBTI-Menschen beinahe täglich erleben.

Das meine ich mit Privileg.

Und jetzt kommt es darauf an. Belassen wir es bei ein wenig Sympathiebekundung? Oder verdienen wir uns die #HeForShe Badge Tag für Tag neu? Ich möchte lernen und ich möchte unsere Gesellschaft gestalten. Dazu brauche ich viele Männer, die so denken und handeln.

Seid Ihr dabei?