Der Trend in der Spielzeugwelt ist eindeutig: Mädchen bauen natürlich nur, wenn es rosa ist. Ihre Spielwelten sind schon so lange von Glitzerfeen und Muffinsbacken bestimmt, dass sie nur über diese auch in die Welten des räumlichen Denkens eingeführt werden können. Und das sollten sie, sagen die Politikerinnen, denn es ist offensichtlich, dass die Jobsicherheit in den MINT- Berufen sitzt: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik sind zurzeit begehrte Grundlagen gegen Arbeitslosigkeit. Physikerinnen und Maschinenbauerinnen werden gesucht.

Doch wie kann man Mädchen für diese traditionell männlichen Sphären begeistern? Durch rosa Schulbücher? Hans Brügelmann, Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Siegen, findet das unsinnig. Bekannt wurde er mit seinem Widerstand gegen den Pisa-Wahn, der neuen Monoedukationshysterie hält er ebenso stand: „… es wäre auf jeden Fall fatal zu sagen: Gut, wir machen jetzt ein rosa Lesebuch für die Mädchen und ein blaues für die Jungen. Denn die Unterschiede innerhalb dieser Gruppen sind viel größer als jene zwischen ihnen. Der Unterricht muss so gestaltet sein, dass das Individuum die Texte, die Aufgabenformen, die Themen aufnehmen kann, an denen es sich von seiner Erfahrung, von den Interessen her am besten einklinken kann. Wir müssen wegkommen von der Vorstellung, spezielle Jungenprogramme oder Mädchenprogramme aufzusetzen. Wir müssen vielmehr darauf abzielen, einen Unterricht zu bieten, der offen ist für die Vielfalt der Schülerinnen und Schüler.“

Er rät, verschiedene Erfahrungswelten anzubieten. So würden manche Kinder z.B. eher durch Geschichten an Naturwissenschaften Gefallen finden als durch abstraktes Wissen. Individualisierung ist jedoch nach wie vor ein Wort, mit dem Schulen gerne werben, es leider zu selten wirklich umsetzen können. Aber der Weg läge genau hier: Nicht die Klischees der Geschlechter durch geschlechterspezifische Angebote zu verstärken, sondern Kinder durch ein vielfältiges Angebot in ihrer Vielfalt zu fördern. Im Umkehrschluss muss man leider sehen, dass z.B. Lego-Friends, auch wenn es Kinder zum Bauen animiert, die Geschlechterklischees weiter bestätigt. Selbst wenn eine Olivia Mathe toll findet, geht es bei Friends doch hauptsächlich um Beauty-Salons und Schönsein, weniger ums Entdecken, Erobern, Abenteuer erleben und Erfinden.

Und weil in Deutschland nach wie vor nur 15% der Frauen in technischen Berufen arbeiten, werden an Universitäten Stellen eingerichtet, die sich um die Frage kümmern, wie man Frauen in MINT-Berufen fördern kann. Helga Hansen z.B., ehemalige Mädchenmannschaft-Bloggerin, ist Projektkoordinatorin von fiMINT, ein Projekt verschiedener Universitäten, das gezielt Frauen fördert. In Hamburg gibt es den Arbeitskreis Girls-Day, der Mädchen typisch männliche Berufe näher bringen möchte, oder z.B. den Arbeitskreis Mädchen Technik Zukunft, der für Kitas und Schulen neue pädagogische Konzepte zur Frage entwickelt, wie man Mädchen Vertrauen für ihre eigene Kompetenz in den MINT-Bereichen vermittelt. Eine tolle Webseite ist „Komm, mach MINT“, die MINT-Projekte des Monats und Blogs von MINT-Frauen publiziert. Schön ist auch diese geförderte Seite vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung , die weibliche role models aus MINT-Berufen vorstellt.

Zwei davon sind Angelika Ohse und Karin Lange-Puttfarcken, eine Software-Entwicklerin und eine Ingenieurin, mit denen ich neulich zusammen saß. Beide sind Ende fünfzig und arbeiten im Arbeitskreis Girls-Day (Hamburg) für die Zukunftschancen von Mädchen. Als ich ihnen von der Entwicklung auf dem Spielzeugmarkt erzählte, blickten sie entsetzt. In ihrer Kindheit wurde mit Legosteinen noch ohne Vorgaben Fantasiewelten gebaut, und zwar von Jungen und Mädchen. Rosa und lila waren die Farben, die sie später stolz als Latzhosen trugen, um zu zeigen, dass sie sich zur Wehr setzten: gegen eine Welt, die sie an den Herd zwängen wollte. Als ich dann noch anmerkte, dass in Berlin bald das erste, 2500 qm große Barbiehaus gebaut wird, waren sie fassungslos. „Natürlich nervt es, dass Puppen wie Barbie immer groß, schlank und schön sind“, sagte Lange-Puttfarcken, „aber viel schlimmer ist, dass sie einfach nicht kompetent wirken. Ihr Ausdruck sagt: „Oh, ich bin so nett und möchte allen gefallen!“, nicht: „Hey, ich habe Kraft! Ich kann das! Ich setze mich durch!“ Denn ohne diese Einstellung sei es in traditionellen Männerdomänen sehr schwer.

Auf facebook diskutierten wir neulich die neuen Megabloks Barbie, mit denen man Barbiehäuser selber einrichten kann. Ob das nicht ein Fortschritt wäre für Mattel, fragte eine Kommentatorin, und natürlich hat sie Recht: Ein Fortschritt ist es. Ebenso kann man sich über Goldie-Blox freuen, die Entwicklung einer jungen Ingenieurin aus den USA. Auf Kickstarter bat sie um Geld, um ein Spiel für Mädchen entwickeln zu können, das ihnen Spaß an Flaschenzügen und Drehwinden vermitteln kann. Das Spiel ist mit süßen Tierfiguren und in Pastellfarben gestaltet, durch die narrative Anleitung führt ein spindeldürres Mädchen mit Goldlocken (Goldie), die wenigstens Latzhosen trägt. Die Erfinderin ist für das Kickstarter-Video sehr hübsch zurecht gemacht, erzählt werbetauglich von ihrer Kindheit im Ballettunterricht und ihrer Leidenschaft für Prinzessinnen-Outfits, und dass sie nur durch Zufall ins Ingenieursstudium gekommen sei, in ihrer Spielwelt hätte sie gewiss keine Anreize für diese Wahl erhalten. Und das deshalb auch nur 10% der Ingenieurinnen und Ingenieure in den USA Frauen sind. Sie möchte, dass Großeltern und Tanten im Spielwarenladen auf die Idee kommen, für Mädchen etwas mit Technik zu kaufen – und dafür ist das Design des Produktes natürlich perfekt.

Wo ist also unser Problem? Es geht doch in die richtige Richtung. Aber es geht uns nicht schnell genug. Wenn Megabloks Barbie ein erster Schritt ist, folgt der zweite erst 2015, in dem Barbie vielleicht eine Schweißerbrille statt sexy Outfit tragen darf. Die Europäische Kommission produzierte 2012 ein Video, das Mädchen MINT-Berufe näher bringen sollte. Mit sexy Models als Chemikerinnen wurde erhofft, dass sich Mädchen für das Video begeistern. Das taten sie auch, während viele Eltern genervt die Augen rollten und sich beschwerten. Denn ihnen war klar: Wie jedes Popvideo wirken die glamourösen Menschen erst mal auf ihre Kinder. Die wirkliche Realität von Chemie hat aber nichts mit High-Heels oder Erotik zu tun. Es geht um ein Interesse an Naturwissenschaften, eine Faszination für Mathematik, das nicht durch role models vermittelt werden kann, die auf Gefallen setzen. Es ist nicht ein „Wie wirke ich nach außen?“, sondern ein „Wie funktioniert das?“. Kleine Jungen träumen nicht davon, Erfinder zu werden, weil es cool ist und sie dann alle toll finden, sondern weil sie als Kind mit ihrem Papa Motoren auseinandergenommen haben, dabei wahrscheinlich ziemlich schmutzig wurden, und echt Spaß dabei empfanden.

Friederike Richter, Jhg. 1978, ist Entwicklerin von Windkraftgeneratoren für Siemens, sie hat Maschinenbau studiert. „Generell bin ich neugierig und interessiere mich dafür wie irgendetwas funktioniert“, sagt sie auf mint-weibsbilder.de. Und wie Anita Sarkeesian in ihrem schönen Video Toy Ads und Learning Gender zeigt, wird diese Neugier eher beim Legobauen als beim Flechten von Puppenhaar geweckt. Und gerade deshalb, ob es uns gefällt oder nicht, ist rosa zum Bauen, sind rosa Chemiebaukästen und ähnlich für uns grauenhafte Objekte, ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Auch, wenn gleichzeitig der pinke Sexualisierungswahnsinn mit vermittelt wird und das Klischee, Mädchen interessierten sich eher als Jungen für soziales Verhalten und Rollenspiele, aufrecht erhalten bleibt.

Unsere Aufgabe bei Pinkstinks ist es, darauf zu achten, dass der Weg hier nicht endet. Aber wir sind positiv, dass uns die Energie nicht ausgehen wird. Und übrigens: Es gibt wahrscheinlich genau so viele Jungen wie Mädchen, die auf Kapla-Steine stehen. Keine Vorgaben, endlose Möglichkeiten, grenzenlose Freiheit. Und wenn man – sie oder er – doch mal in die beigelegte Anregungs-Broschüre schaut, kann man denken: „Spannend – Wie funktioniert das?“, ganz egal, welche Farbe die Steine haben.