Solange ich denken kann, verfolgt es mich: Dieses Konzept, meine Männlichkeit auf irgendeine Weise validieren und unter Beweis stellen müssen. Als Kind war es der richtige Junge, als Erwachsener der echte Mann. Und obwohl ich im Nachhinein feststellen kann, dass sich beides sehr ähnlich anfühlt, gab es als Heranwachsender immer wieder Momente, in denen ich geglaubt habe, den Anforderungen an einen richtigen Jungen könne man dadurch entfliehen, dass man möglichst unbemerkt einfach zum Mann wird. Dann würde ich mich nicht mehr ständig für Ansichten und Interessen rechtfertigen müssen. Wie sehr ich mich täuschte.

Denn meine musikalische Schwäche für kristallklare, raumgreifende Frauenstimmen

– in richtige Jungen Sprache übersetzt: „Alter, was hörst du denn da für eine schwule Scheiße?!“ – interessierte mit Mitte 20 tatsächlich niemand mehr. Dafür andere Ding: Mein Haus, mein Auto, mein Boot. Meine Karriere, mein Bartwuchs, meine Muskeln. Die Anzahl der Frauen, mit denen ich Sex hatte. Die Anzahl der Pferdestärken meines Fahrzeugs. Schulhof ist scheinbar immer und überall. Richtige Jungen, die keinen Schmerz zu kennen haben, immer sofort sagen sollen, was mit ihnen los ist, und möglichst umfassend belegen müssen, dass sie kein Mädchen sind und nicht schwul, werden zu echten Männern. Die Anforderung, echter Mann zu sein, ist das abschätzige Kopfschütteln darüber, dass wir tatsächlich noch andere Gefühle außer Hunger und Durst haben.

Sie ist der Knüppel, der uns zwischen die Beine geworfen wird, wenn wir darauf bestehn, nicht bloß Aushilfskräfte bei der Erziehung unserer Kinder zu sein. Der Schlag auf unseren Hinterkopf, weil wir auch mal nicht mehr aufhören können zu weinen.

Es hat beinahe etwas von einer Sitcom und wäre in seiner grotesken Eindimensionalität und Überzeichnung fast lustig… wenn es nicht so grausam und verächtlichmachend wäre: Die Gesellschaft händigt uns einen Stapel Männerkarten aus und nimmt sie uns bei den Gelegenheiten, zu denen wir uns als falsche, unechte Männer erweisen, feixend wieder weg.

Wir können sie allerdings auch wieder zurückgewinnen, indem wir den Verlust durch die Zurschaustellung von Hypermaskukinität in einem anderen Feld aufwiegen. Genauer gesagt werden wir dazu angehalten. Gerade hat der bekannte vegane Koch Attila Hildmann dieses Prinzip erneut eindrucksvoll veranschaulicht. Über die Männerkarte „Echte Männer essen Fleisch“ verfügt er schon länger nicht mehr. Dafür inszeniert er sich nach der Kritik einer Journalistin am Essen in seinem Lokal mit Pumpgun und bekundet, dass er ihr gerne Pommes „in die Visage gestopft“ hätte. Und hofft so vielleicht die eine oder andere Männerkarte abzugreifen. Ähnliches gilt für Männer, die sich für Hautpflege begeistern. Dieses unmännliche Interesse muss mindestens durch einen Vergleich des männlichen Körpers mit einer leistungsfähigen Maschine gekontert werden.

Das Konzept vom echten Mann ist, wie das letzte Bespiel schon andeutet, allerdings auch dann nicht hilfreich, wenn es dazu benutzt werden soll, Männer über den Tellerrand blicken zu lassen oder zu moralisch einwandfreiem Verhalten zu animieren.

Echte Männer pflegen sich.
Echte Männer achten auf sich.
Echte Männer sind Ehrenmänner.
Echte Männer schlagen keine Frauen.

Mit der Männerkarte zu wedeln, ist auch in diesem Zusammenhang ein Fehler. Weder mein soziales noch mein biologisches Geschlecht machen mich ehrbar. Und der Tag, an dem ich die Hand gegen eine Frau erhebe, ist nicht der Tag, an dem ich nicht länger ein Mann bin.

Es ist der Tag, an dem ich ein gewalttätiges Arschloch bin, das für seine Tat bestraft gehört. Der Umweg über die Affirmation des Geschlechts löst das Problem nicht, sondern vertieft es in letzter Konsequenz noch. Mit einem Echtheitszertifikat kommen wir an keiner Stelle weiter. Auch nicht, wenn wir die Dinge damit zum vermeintlich Guten wenden wollen.

Die Anforderung, sich als richtiger Junge bzw. echter Mann zu erweisen, ist und bleibt in jedem Fall eine Zumutung, die die Möglichkeit vergiftet, Männlichkeit positiv, progressiv und individuell zu gestalten. Und genau an diesen Gestaltungsmöglichkeiten fehlt es. Nicht an richtigen Jungen und echten Männern.