Eigentlich glaube ich nicht an Gespenster. Aber wenn Mareice Kaiser anfängt, von Gespenstern zu erzählen, bekomme ich es wie viele andere mit der Angst zu tun. Ein bisschen wegen des Gespensts. Am meisten wegen mir selbst. Mareice Kaiser ist Bloggerin und Autorin, die seit geraumer Zeit im Kaiserinnenreich schreibt – ihrem inklusiven Familienblog, den ich mit Begeisterung und besagter Angst lese. „Meine Tochter ist das Kind vor dem sich alle fürchten„, notiert sie dort. „Mein behindertes Kind ist ein Gespenst.“ Über das Leben mit diesem Kind, das von uns allen zum Gespenst gemacht wird, hat Mareice nun ein Buch verfasst. Darin erzählt sie all die Dinge, von denen wir lieber nichts wissen mögen, weil sie uns mit Herausforderungen konfrontieren, die wir glauben nicht meistern zu können, und uns in moralische Dilemmata verwickelt, denen wir uns nicht stellen wollen. Von den ersten Ahnungen, der dramatischen und dem Alltag mit einem mehrfach behinderten Kind. Darüber wie es sich anfühlt, wenn Menschen einen damit trösten wollen, dass sie dein Kind „ja gar nicht so behindert“ finden und es zu behindert für die Inklusionskita ist. Immer wieder muss sie dabei gegen Vorurteile, behördliche Willkür und ganz allgemein gegen eine exklusive Gesellschaft kämpfen, die ihr viel zu oft weismacht, dass ihr Kind falsch ist, und sich dabei herausnimmt, ihre Tochter als Zumutung zu betrachten.

Lebt ihr behinderter Nachwuchs immer noch? Wie lange denn noch? Ist ja auch teuer für den Steuerzahler.

Mit solchen Worten kommentieren tatsächlich Menschen ihre Texte. Aber auch diesseits solcher Ausfälle gibt es Übergriffgkeiten, Kälte und Ignoranz. Für die vielbeschworene Mitte der Gesellschaft gilt das mittlerweile geflügelte Wort des Soziologen Ulrich Beck von der maximalen verbalen Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre. Unser Umgang mit diesem Thema – mein Umgang mit diesem Thema – ist das wirklich Beängstigende.
Wenn wir „Hauptsache gesund“ sagen, hört Mareice Kaiser mittlerweile „Hauptsache der Norm entsprechend“.  Nach der Lektüre ihres Buches höre ich „Hauptsachen so, dass sich möglichst wenig Leute bemüßigt fühlen, das Kind auszugrenzen, zu bevormunden und sich ganz allgemein wie Arschlöcher aufzuführen“. Nach der Lektüre des Buches zucke ich innerlich immer ein bisschen zusammen, wenn ich wieder einmal das Wort krank dafür benutze, wenn mir etwas besonders absurd, böse oder schlimm erscheint. Ganz freimachen kann ich mich davon immer noch nicht. Wenn ich fassungslos oder wütend bin, dann beschimpfe ich manchmal immer noch nicht nur die Menschen, die ich eigentlich meine, sondern ganze Gruppen anderer Menschen, die mit der ganzen Sache nichts zu tun haben. In solchen Momenten bin ich eine Barriere. In diesen Augenblicken bin ich das Hindernis.

Mareice Kaisers Buch ist zweifellos wichtig und gesellschaftsrelevant, weil es über Behinderungen und behindernde Gesellschaften berichtet. Es ist zudem zutiefst feministisch, weil es die Machtfrage stellt, Geschlechtszuschreibungen bei Care-Tätigkeiten aufdeckt und Gleichberechtigung einfordert. Darüber hinaus ist es auch noch ziemlich großartig. Weil es ganz behutsam und zugleich mit großer Wucht von Liebe erzählt, von Freiheit und von Glück. Von der Liebe zu kleinen und großen Menschen. Von der Freiheit, sich noch ein Kind ohne Behinderung zu wünschen. Und vom Glück, ein behindertes Kind zu haben.

Alles Inklusive. Aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter. Erscheint am 24. November im S. Fischer Verlag. 288 Seiten, 14,99 €

Ebenfalls am 24. November startet die Lesetour von Mareice Kaiser.