Wie hängen Europas Zukunft und der Feminismus zusammen? Unmittelbar! Was haben Geschlechtergerechtigkeit, Europas Institutionen und der Zusammenhalt auf dem Kontinent schon großartig miteinander zu tun? Sehr viel, wie ein näherer Blick zeigt. Außerhalb feministischer Kreise mag diese Antwort ein Stirnrunzeln hervorrufen.

Für uns beide ist Europa ein Herzensthema. Seit Jahren setzen wir uns mit verschiedenen Kampagnen und Aktionen für den europäischen Zusammenhalt, Jugendmobilität und Bürger*innennähe der Institutionen ein. Wir führen viele Gespräche, bekommen Einblicke auf Konferenzen, in Hintergrundgesprächen und in den Institutionen.

Dabei fällt uns immer wieder auf, wie wenig in der breiteren Öffentlichkeit gesehen wird, dass Geschlechterungerechtigkeit ein zentrales europäisches Problem ist. Ein, wenn nicht sogar der entscheidenden Bremsklotz auf dem Weg hin zu einer gerechteren, innovativen und friedfertigeren europäischen Gesellschaft.

Feminismus wird vielfach lokal besprochen, oft auch national und dann ab und zu global (siehe zum Beispiel Women’s Marches seit Anfang 2017 oder #Metoo seit Ende 2017). Die europäische Ebene dazwischen fehlt aber in vielen Fällen. Ausnahmen bilden die #MeToo Debatte im Europäischen Parlament, die Gleichstellungsstrategie des Council of Europe oder oder der kontinuierlich wachsenden Anteil weiblicher Führungskräfte in der Europäischen Kommission. In vielen Fällen werden diese Initiativen und positiven Entwicklung jedoch öffentlich weitgehend ignoriert oder, wie im Fall der #MeToo Diskussion im Parlament, sogar von handelnden Personen ausgebremst oder nicht erst genommen.

Vielleicht ist Geschlechtergerechtigkeit und Gleichberechtigung auch einfach nicht wichtig genug, gerade heute, wo das Haus Europa an so vielen Stellen bröckelt? Vielleicht aber haben wir es auch mit einem latenten Gefühl der vermeintlich moralischen Vormachtstellung zu tun, schließlich geht es Frauen in Europa ja besser als in manch anderen Teilen der Welt? Wie dem auch sei, wir bleiben dabei: Feminismus und Europa gehören zusammen und sollten zusammen gedacht werden.

Geschlechtergerechtigkeit auf dem Abstellgleis

Doch zu oft wird fehlende Gleichberechtigung als Randproblem wahrgenommen, steht weit unten in der Liste zu lösender Aufgaben. Erst die Wirtschaft, Sicherheit und der Zusammenhalt. Dann – vielleicht dann – könne man(n) sich wirklich um Frauen und ihre Belange kümmern. Tatsächlich ist dies ein allgemein beliebtes (männliches) Gegenargument zum Feminismus: Ihr und eure Luxusproblemchen, wir haben ganz andere Sachen zu tun!

Auf unseren Forschungsreisen durch verschiedene europäische Länder und bei Gesprächen mit Politikern, Journalistinnen und NGO-Vertretern haben wir immer wieder von allerlei Auswüchsen der Ungleichheit gehört: sexuelle Belästigung, die gläserne Decke, fehlende Machtzugänge für Frauen, die Undurchdringlichkeit von Männernetzwerken, aber auch einfach das Gefühl mangelnder Solidarität und Respekts hält Frauen von Schweden bis Griechenland, von Spanien bis in die Ukraine auf Abstand zur Gleichberechtigung. Selbst im Europäischen Parlament ist Sexismus keine Ausnahme, wie der polnische Europaparlamentsangehörige Janusz Korwin-Mikke im März 2017 unter Beweis stellte: „Frauen müssen weniger verdienen, weil sie schwächer, kleiner und weniger intelligent sind als Männer.“

Dabei geht es nicht nur um die Frage, ob sich Sexismus moralisch verbietet – die sollte sich 2018 nicht mehr stellen. Es geht vielmehr auch um die strategische Erkenntnis, dass Geschlechtergerechtigkeit der Schlüssel zu einem besseren, erfolgreicheren und geeinteren Europa ist.

Fehlende Gleichberechtigung schadet – allen

Denn Geschlechterungerechtigkeit ist nicht nur ungerecht, sondern hemmt den Kontinent, alle Potentiale und Qualitäten zu nutzen. Und es erschwert die Europäisierung. Im Rahmen unserer Arbeit im zivilgesellschaftlichen Bereich sind wir auf deutlich mehr Frauen als Männer getroffen sind, die sich für europäischen Zusammenhalt einsetzen – ehrenamtlich oder professionell – und auch auf mehr Frauen, die eigene Ideen und politische Vorschläge zur Zukunft unseres Kontinents entwickeln und einbringen (möchten). Unter jungen Menschen war dieser Trend besonders stark. In Zahlen belegen lässt sich, dass Frauen seltener für populistische Parteien wählen als Männer (auch wenn sich der Abstand in den letzten Jahren verkleinert hat).

So stimmten britischen Frauen in allen Alterskategorien bis auf eine häufiger als Männer für einen Verbleib in der Europäischen Union. Und wieder: Bei jungen Frauen ist der Trend besonders ausgeprägt.

Das Ungleichgewicht

Sobald es an Machtstrukturen geht, an Möglichkeiten der Einflussnahme, an Finanzierung und Zugänge zu den richtigen Leuten, sehen wir ein Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen. Da helfen auch all das Engagement und die Wahlpräferenzen nichts. Im Gender Equality Index (GEI), der verschiedene Lebensbereiche untersucht und für die gesamte Europäische Union erstellt wird, sehen wir: In keinem Bereich (mit der Ausnahme von Gewalt) sind europäische Frauen den Männer so weit hinterher wie in Bezug auf Macht/Power. Gerade hier, wo entscheidende Hürden zu nehmen sind und wo tiefgreifende Veränderungen angestoßen werden können, kommen Frauen viel zu kurz.

Im Durchschnitt sitzen in europäischen Parlamenten und Regierungen also unter einem Drittel Frauen. Aber auch in der Wirtschaft haben Frauen wenig Einfluss auf große Entscheidungen.

Selbst wenn europäische Frauen auf dem Papier gleiche Rechte haben und gleiche Schulen besuchen können, gilt immer noch viel zu häufig die alte Faustformel: Macht ist männlich. Wir haben es mit einem Kontinent zu tun, auf dem Frauen (statistisch und gefühlt) die überzeugteren Europäerinnen sind, gleichzeitig aber deutlich weniger Einfluss und Macht haben. Somit stehen Geschlechtergerechtigkeit und europäische Integration, wenn auch nicht immer in direktem kausalem Zusammenhang, so doch zumindest in Korrelation zueinander.

Der Feminismus kann Europa stärken

Ein Einsatz für den europäischen Feminismus ist damit auch ein Einsatz pro Europa, und andersherum. Echte Europäerinnen und Europäer sollte folglich gleichzeitig Feministinnen und Feministen sein. Eine stärkere Vernetzung pro-europäischer und feministischer Bewegungen – gerade über Landesgrenzen hinweg – wäre ebenso hilfreich wie das Lernen voneinander. Am wichtigsten aber ist die Etablierung eines europaweiten Feminismus, der nicht nur ein verlängerter Arm der starken amerikanischen feministischen Szene ist, sondern eigene Akzente setzt, eigene Aktionen startet und von Helsinki bis Sevilla und Dublin bis Thessaloniki das Thema Gender Equality wieder auf die europäische Agenda setzt. So geht Europa voran! Gerechter und inklusiver.