Es gibt so viele Klischees übers Kümmern. Frauen haben mehr Einfühlungsvermögen. Ihnen liegt es einfach im Blut, für andere zu sorgen. Es macht sie glücklich. Sie bekommen deshalb ja auch die Kinder und sind viel wichtiger für sie als Väter. So oder so ähnlich klingen „Begründungen“ für den hohen Frauenanteil in der Pflege. 

Laut statistischem Bundesamt sind 5,7 Millionen Menschen im Gesundheitswesen tätig, 75,6 % davon Frauen. Leider ist das trotzdem kein Schock. Weil Kümmern, das ist in Deutschland immer noch Frauensache.

Arbeiten in der Pflege ist körperlich anstrengend. Patient*innen und Kund*innen müssen zum Beispiel gehoben und getragen werden. Arbeit in der Pflege bedarf Pragmatismus und Organisationsvermögen, denn, für die Arbeit ist meist wenig Zeit da, auch damit die Pflege rentabel bleibt. Schwer heben? Logisch denken? Das ist für die Männer, die oben fanden, Frauen seien die, die so gut im Kümmern sind, doch eigentlich das Stichwort, mit breiten Beinen in den Raum zu kommen. Aber dafür sind Pflegeberufe einfach zu schlecht bezahlt.

Examinierte Altenpfleger*innen beispielsweise verdienen monatlich um die 2.000 €, für eine Vollzeitstelle wohlgemerkt. Wird berücksichtigt, dass viele Frauen, vor allem Mütter, in Teilzeit arbeiten, ist es noch mal entsprechend weniger. Aber es ist ja auch mehr Arbeit, auch Zuhause, denn denn auch im Bereich der unbezahlten Pflege übernehmen Frauen den Elefantenanteil. Sie pflegen Verwandte Zuhause, während die Partner ihrer Erwerbsarbeit nachgehen und später die Rente bekommen, von der die meisten Frau nur träumen können.

Fassen wir zusammen, es gibt 3,4 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland, die in 14.500 Pflegeheimen, durch 14.100 ambulante Pflegedienste oder gänzlich unbezahlt umsorgt werden – zu drei Vierteln von Frauen. Die Arbeit in der Pflege wird schlecht oder gar nicht bezahlt, genießt, abgesehen von temporärem Applaus kaum Ansehen und, wenn sie als Beruf ausgeübt wird, gibt es kaum Aufstiegsmöglichkeiten. Weil viele Männer in Deutschland eher die Wahl haben als Frauen, entscheiden sie sich für attraktivere Berufe und Karrieren. Sie ruhen sich auf den Klischees und somit auf den Rücken von Frauen aus. Das ist unfair und frauenfeindlich und unsolidarisch – und es wird auf lange Sicht nicht funktionieren. Die Gesellschaft wird immer älter, und immer mehr Menschen werden in Pflegeberufen benötigt. Auch mehr Männer.

Die Männer, die jetzt schon in der Pflege arbeiten, werden, wie Männer in anderen „weiblichen“ Berufen fälschlicherweise für ihre Arbeit verspottet. Die, die spotten, haben nur leider etwas falsch verstanden, und zwar ihr Männlichkeitsbild. Mit freiem Oberkörper erst Kochen als Frauenarbeit abtun und dann einen Stahlträger hochheben, weil gerade ein Frau guckt, ist nicht männlich, sondern blöd. Aber gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und sich nicht um Geschlechterklischees zu kümmern, sondern um andere Menschen, das zeigt Stärke. 

Wenn mehr Männer in Pflegeberufen gebraucht werden, wird auch wahrscheinlicher, dass sie attraktiver gemacht wird. Bei Frauen wird die Notwendigkeit anscheinend als nicht so dringlich gesehen, die machen das ja sowieso, aber dieses Fass lassen wir an dieser Stelle mal zu.

Männer könnten also eventuell nur dazu beitragen, dass Pflegeberufe besser bezahlt werden, und bekommen tatsächlich jetzt schon Applaus dafür, dass sie „weibliche“ Tätigkeiten wie Betten machen oder Brot schmieren, eincremen oder Anziehen unfallfrei hinkriegen. Der Applaus sollte allerdings eher dafür sein, dass sie dazu beitragen, dass die Klischees langsam aus den Köpfen verschwinden.

Denn Pflege sollte nicht männlich oder weiblich sein, sondern einfach menschlich.

Hilfreiche Links:

Sueddeutsche – Männer ab in die Pflege

Destatis – Pflegestatistik

Destatis – Statistisches Bundesamt

Destatis – Eltern, die in Teilzeit arbeiten

BMAS – Höhere Mindestlöhne

Pflegestudium – Gehälter

Zeit – Altenpflege

Bildquelle: Unsplash

Kommentare zu diesem Text könnt ihr uns in unseren sozialen Netzwerken hinterlassen und dort mit insgesamt 110.000 Menschen teilen!