Am ganzen Körper können Haare wachsen. Die Mehrzahl der Körperhaare sind fein, flaumig und kaum sichtbar. Aber es gibt auch dicke gekräuselte und dicke borstige. Unter den Achseln haben die meisten Frauen welche, zwischen den Beinen auch. Viele an den Beinen, den Armen und im Gesicht. Manche auch am Bauch, am Rücken, sogar auf den Brüsten. Das ist ganz unterschiedlich.

Es gab Zeiten, da wuchs am ganzen Körper dichtes Fell. Das ist mehrere Millionen Jahre her und war damals ganz praktisch. Aber während sich unsere Vorfahren langsam zum Homo Sapiens entwickelten, veränderte sich auch das Klima um sie herum. Das Fell wurde dünner, bis es ganz ausblieb. Warum das passierte, können Forschende nicht mit Sicherheit sagen. Aber sie vermuten: Wer kein Fell hatte, konnte sich besser kühlen – mit dem eigenen Schweiß. Und lebte dadurch länger. An manchen Stellen blieb das Körperhaar dicht, dort, wo es einen Zweck zu erfüllen hatte. Über den Augen: damit kein Schweiß in die Augen läuft. Um die Genitalien herum: als Schutz vor Keimen und Bakterien und zum Verbreiten der eigenen Körpergerüche. Unter den Achseln: ebenfalls zum Verbreiten der Körpergerüche. Auf dem Kopf: als Sonnenschutz.

So lebte der Mensch viele, viele, viele Jahre im Einklang mit den unterschiedlichen Haaren am Körper. Nur wenn die Haare wirklich störten, sich Läuse oder Milben ausbreiteten oder als Zeichen von Zugehörigkeit, wurden sie schon in der Steinzeit entfernt – mit Hilfe von scharfkantigen Muscheln oder Steinen. Es gab schließlich wichtigere Probleme zu lösen: jagen, sammeln, ernten. Später dann: Häuser bauen, andere Stämme überfallen, sich verteidigen. Erst als die Gesellschaften einen bestimmten kulturellen Entwicklungsstand erreicht hatten, wurden die Körperhaare eine Frage der Ästhetik. Aus dem Altertum in Ägypten ist überliefert, dass im großen Stil Körperhaare entfernt wurden – mit Bienenwachs oder einer Enthaarungspaste aus Zucker, Zitronensaft und Wasser, die unter dem Namen Halawa auch heute noch im Einsatz ist. Ebenso im Antiken Rom: Hier verwendete man zum Beispiel Bimsstein. Im Antiken Griechenland galt der haarlose Körper bei Männern als Schönheitsideal und wurde mit einer ätzenden Paste aus Stärke, Kalk und Orpiment erreicht. Selbst im Mittelalter gab es unterschiedliche Techniken und Rezepte für Haarentfernungsmittel.  

Dass wir heute darüber diskutieren, wie, wo und ob überhaupt sich Frauen die Körperhaare entfernen sollten, geht allerdings auf einen Trend in den USA zurück. Dort fingen um 1910 Frauen an, sich erst unter den Achseln und dann ein paar Jahre später – als die Kleider kürzer wurden – an den Beinen zu rasieren. Die Idee dahinter: Haarlose Körper wirken femininer und damit attraktiver für Männer. 1915 wurde in den USA der erste Rasierer für Frauen hergestellt. Und nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich Europa kulturell immer stärker an Amerika orientierte, schwappte auch dieses Schönheitsideal der körperhaarlosen Frau über den Atlantik. Seit vielen Jahrzehnten sind nun Mädchen und Frauen in Deutschland diesem Körperbild ausgesetzt: erst in Zeitschriften, im Kino, dann im Fernsehen, später im Internet und auf Social-Media-Plattformen wie Instagram. Überall sind Frauen mit glatter, haarloser Haut zu sehen. Und es ist längst nicht mehr nur die Rasur: In Deutschland wird epiliert, gewaxt, gezupft. Im Laufe der Jahre kam auch der Intimbereich dazu. Eine Umfrage der Uni Leipzig ergab 2008, dass sich 88 Prozent der befragten Studentinnen – im Durchschnitt 23 Jahre alt – die Haare um die Genitalien entfernen. Mittlerweile sind es die vier Körperregionen Beine, Genitalien, Achseln und Augenbrauen, wo Frauen regelmäßig lästige Körperhaare entfernen oder entfernen lassen. Für den Intimbereich ist das Brazilian Waxing in Kosmetikstudios beliebt – allerdings ist das nichts für schwache Nerven. Warmes Wachs oder die bereits bei den Alten Ägypter*innen eingesetzte Zuckermasse werden auf die Haare aufgestrichen und dann mit einem Ruck entfernt. Die Prozedur ist äußerst schmerzhaft, hat aber den Vorteil, dass die Haare mit der Wurzel rausgerissen werden. Alle sechs bis acht Wochen ist sie nötig.

Und wofür das alles? „Finde ich schöner“, „fühle mich damit attraktiver“. Und: „Ist irgendwie auch hygienischer“ sind gängige Antworten. Hygienischer ist es übrigens nicht: Wer auf dem Venushügel und den äußeren Vulvalippen die Haare komplett entfernt, ist anfälliger für sexuell übertragbare Krankheiten, wie Studien zeigen. Klar ist da einerseits das über Jahrzehnte in den Medien verbreitete Ideal des haarlosen Frauenkörpers, das seine Spuren in den Köpfen der Frauen hinterlassen hat. Aber was macht Frauen ohne Haare am Körper begehrenswerter für Männer? Ist es nur die Abgrenzung zum Männlichen – also das Nicht-Männlich-Sein, das hier eine Rolle spielt? Die Psychologie hat keine eindeutige Antwort darauf. Es gibt die These, dass Frau durch das Entfernen der Haare eine gewisse Ungefährlichkeit signalisiert. Sie ist haarlos wie ein Kind vor der Pubertät und damit für den Mann unbedrohlich. Das Fehlen der Haare stärkt also das Überlegenheitsgefühl des Mannes. Das erklärt allerdings nicht, warum auch immer mehr Männer waxen, was das Zeug hält, und seit einigen Jahren die unterschiedlichsten Männermagazine den Männern erklären, wo man kein Haar tragen sollte, um von Frauen begehrt zu werden. Es heißt, der Penis wirke länger, wenn um ihn herum keine Haare sind. Was für ein Männerrollenbild präsentiert sich in dem Ideal des fast-körperhaarlosen Mannes?

All diese Überlegungen machen Körperhaar zu einer politischen Frage. Deshalb kann es auch als Aufreger eingesetzt werden: Feministinnen, die als Protest gegen die Schönheitsdiktatur durch das Patriarchat ihre behaarten Achseln und Beine zur Schau stellen. Models, die Aufsehen erregen, weil sie auf Werbefotos mit dichtem Beinhaar zu sehen sind, und dafür beschimpft und bedroht werden. Manchmal aber auch steckt nichts dahinter: Julia Roberts wurde 1999 bei einem Auftritt auf einem Roten Teppich mit Haaren unter den Achseln fotografiert. Zwar wurde sie für dieses feministische Statement gefeiert. Aber 19 Jahre später klärt sie auf: Es war ein Versehen, sie hätte einfach nicht daran gedacht, dass die Ärmel des Kleides so kurz seien. Seitdem gibt es immer mal wieder Schauspielerinnen und Sängerinnen, die sich unrasiert zeigen.

Womit allen geholfen wäre: Wenn wir an einen Punkt kommen, an dem es nicht um ein Entweder-oder geht. Entweder du entfernst alle Haare an den Beinen/unter den Achseln/im Intimbereich oder du bist nicht attraktiv. Entweder du lässt alle Haare stehen oder du unterwirfst dich dem Patriarchat und bist dann keine gute Feministin. Ein guter Weg für alle wäre: Mach, was du willst mit deinen Körperhaaren. Hauptsache, du tust es für dich. Und nicht, weil dir irgendwelche Magazine suggerieren, dass du dann entweder attraktiver oder eine bessere Feministin bist. Hört sich ganz gut an. Aber: Wie steht es mit dem freien Willen in einer Gesellschaft wie unserer? Sind die eigenen Motive nicht immer von außen geprägt? Herauszufinden, was man selbst von sich aus will – ohne äußeren Einfluss -, ist harte Denk-Arbeit und erfordert viel Reflektion. Denn so einfach ist es nicht, sich aus dem Korsett der Schönheitsideale zu befreien, in das man von klein auf eingeschnürt wurde.

Ein großer Schritt auf dem Weg dahin könnte eine Aktion sein, die die britische Studentin Laura Jackson gestartet hat: Sie hat Anfang 2019 den Monat Januar zum #januhairy erklärt und Frauen auf Instagram aufgerufen, sich den ganzen Monat über nicht zu rasieren und Fotos davon zu posten. Aus einer spontanen Aktion wurde eine echte kleine Bewegung – auch 2020 gab’s wieder einen #januhairy, in dem viele Frauen unter dem Hashtag Fotos ihrer Körperhaare posteten. Das regt zum Nachdenken über die bisher als lästig empfundenen Haare am eigenen Körper an, geht aber auch darüber hinaus: Einige der Frauen berichten in ihren Postings davon, wie sich durch die Aktion ihr Verhältnis zu ihren eigenen Körperhaaren verändert hat.

Januhairy’s Instagram Aufruf

Bild: Pinkstinks

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