Warum sind Kommentare zu Körpern nicht okay?

TW: Essstörungen, Bodyshaming, Gewicht

Wenn jemand ein Kompliment macht, wie „Oh! Du siehst so schlank aus – hast du abgenommen? Steht dir!“ mag die Absicht dahinter nett sein. Aber die Wirkung kann ganz anders ausfallen. Beispielsweise, wenn diese Person aus Kummer und Stress Gewicht verloren hat. Oder an einer Krankheit leidet. Oder eine Essstörung hat. Oder aus sonstigen Gründen, die nicht sichtbar sind.

Deshalb lautet die wichtigste Regel im Komplimente-Club: keine Kommentare zu Körpern.

Das gilt selbstverständlich erst recht und tausendfach für kritische Bemerkungen. Zum Beispiel „Puh, mit diesen Oberarmen kannst du aber keine Spaghettiträger-Tops mehr tragen“; „Ja, verstehe ich, dass du mit den Füßen keine Sandalen anziehst“; „Ich hab da einen Artikel gelesen mit Tipps gegen Akne, den schick ich dir“ oder auch „Nimm was im Empire-Schnitt, das kaschiert den Bauch“. Nein, einfach nur nein.

Absichtlich abwertende, beleidigende und verletzende Hass-Kommentare auf Social-Media-Plattformen sind eh noch mal eine ganz eigene Kategorie – und gehören verboten.

Warum kommentieren wir Körper?

Wir haben gelernt, dass das Äußere in der Gesellschaft als sehr wichtig gilt. Das trifft auf weibliche Personen noch mehr zu als auf männliche. Daher kommt unsere Verknüpfung von „Körper-Kompliment“ mit „positiv und nett“.

Doch wie gesagt, das funktioniert nicht immer. Und nicht nur das – damit werden auch unbewusst unrealistische Schönheitsideale wiederholt und bekräftigt.

Wer also zum Beispiel sagt: „Du hast abgenommen, sieht gut aus“ tut damit zwei Dinge. Erstens, schlank mit gutaussehend gleichzusetzen – je schlanker, desto schöner. Das verfestigt bestimmte Vorstellungen von Schönheit. Zweitens, der Person zu signalisieren, dass sie vorher weniger gut aussah und jetzt eher dem gängigen gesellschaftlichen Schönheitsideal entspricht. Beides kann verunsichernd sein und Druck aufbauen.

Kritische Bemerkungen gehen hingegen oft mit einem geringen Selbstwertgefühl der kommentierenden Person einher.

Wer unzufrieden mit sich ist, wertet andere ab, um sich selbst besser zu fühlen. Zum Beispiel in Richtung von „Ich mag zwar Cellulite haben – aber immerhin nicht SO viel.“ Oder auch „Wenn ICH mich mit meiner Cellulite nicht zeige, weil ich mich schäme – wie kannst DU es dann wagen?! Verhülle dich gefälligst!“ Den Begriff Cellulite können wir hier beliebig durch andere, oft bewertete Körperregionen austauschen: Oberarme, Hüften, Po …

Auch das geht auf unrealistische und eng gefasste Vorstellungen von Schönheit zurück und kann die Empfänger*innen von entsprechenden Kommentaren nachhaltig kränken und verunsichern. Wobei das Gefühl der Selbstaufwertung schnell wieder verfliegt. Lose-lose.

Wieso müssen wir überhaupt schön sein?

Das heißt jetzt nicht, dass alle aus purem Trotz Gegenteil-Tag spielen und Cellulite, Akne, Plattfüße oder Körperbehaarung plötzlich wunderschön und zauberhaft finden und uneingeschränkt abfeiern müssen.

Aber – wichtig, mitschreiben! – alles davon ist absolut kein Grund, jemanden abzuwerten, zu kritisieren oder generell irgendeinen Kommentar abzugeben.

Diese Dinge gehören schlicht zu Körpern. Zu manchen mehr, zu anderen weniger. Sie sind einfach da. Stichwort: Body Neutrality.

Dieser Ansatz hat sich aus der Body Positivity entwickelt. Anstatt den eigenen Körper um jeden Preis lieben zu müssen, geht es bei Körperneutralität eher darum, was ein Körper so kann. Also darum, die Verknüpfung zwischen dem reinen Aussehen des Körpers und dem Selbstwertgefühl zu trennen. Es geht um neutrale Akzeptanz: is halt so.

Oder wie Sängerin Billie Eilish in einem Interview sagte: „Wir brauchen Körper eigentlich bloß, um zu essen, herumzulaufen und zu kacken. Wir brauchen sie nur zum Überleben. Es ist lächerlich, dass sich überhaupt jemand für Körper interessiert.“

Körper als Werkzeuge des Patriarchats

Doch Körper definieren noch immer, wer wir nach außen hin sind. Ihre Form bestimmt den Grad der Attraktivität. Und die Kriterien dafür, was attraktiv ist, hängen vom Umfeld ab. In einer westlichen patriarchalen Gesellschaft bedeutet Attraktivität: männliche Körper möglichst groß, durchtrainiert und stark; weibliche Körper möglichst zierlich, an den richtigen Stellen auf die richtige Weise rund, glatt und jung.

So werden binäre Geschlechter-Vorstellungen über Körpermerkmale voneinander unterschieden und Stereotype verstärkt. Männliche Körper sind nach dieser Definition also zuständig für arbeiten, jagen, Regale anbohren. Weibliche Körper für Sex, kinderkriegen und die Wohnung hübsch einzurichten.

Daher kommen die gesellschaftlichen Schönheitsideale – sie dienen der patriarchalen Ordnung und erhalten sie.

Eigentlich geht’s nämlich um was anderes, wie die Feministin Naomi Wolf 1991 in Der Mythos Schönheit schrieb – nämlich um Macht und Kontrolle: „Je mehr rechtliche und materielle Hindernisse Frauen überwunden haben, desto stärker und schwerer und grausamer mussten Schönheitsideale uns erdrücken.“

Denn wenn sich Menschen in ihren Körpern unwohl fühlen und viel Zeit, Geld und Ressourcen auf ihr Aussehen verwenden, fehlen ihnen logischerweise Zeit, Geld und Ressourcen dafür, das Patriarchat abzuschaffen und für ihre Selbstbestimmung zu kämpfen. Dazu kommt Konkurrenz. „Wenn man Frauen dazu bringt, sich gegenseitig als Rivalinnen zu betrachten“, so Naomi Wolf, „werden sie nicht gemeinsam versuchen, etwas zu ändern.“

Über Kommentare zu Körpern freut sich also vor allem das Patriarchat.

Körper sind nicht alles!

Wenn wir patriarchale Schönheitsideale mal schwungvoll über Bord werfen, findet jeder Mensch andere Dinge an sich und anderen schön. Manche schnurren bei Brusthaaren, andere bevorzugen es glatt. Und so weiter.

Davon abgesehen ist wie gesagt von außen unklar, warum eine Person so aussieht, wie sie aussieht. Dahinter können komplizierte und schmerzhafte Geschichten stecken, über die der Mensch nicht sprechen möchte.

Kurz: Einen Körper zu kommentieren oder zu bewerten, ist eine Grenzüberschreitung. Selbst dann, wenn es nett gemeint ist. Es betont, dass der Wert einer Person sich am Aussehen bemisst. Aber alle Menschen haben das Recht, sich in ihrer eigenen Haut wohlzufühlen. Und in Ruhe gelassen zu werden.

Deshalb im Zweifel lieber nichts sagen – weder zu Gewicht, Cellulite, Narben, Behaarung oder Haut, noch zu Klamotten. Gar nichts. Wenn es ein Kompliment sein soll, finden wir doch bestimmt was Körperneutrales? „Du hast so ‘nen coolen Geschmack!“. „Deine Tipps sind echt die besten“. „Ich wär gern so mutig wie du.“ „Du kannst supergut zuhören“ „Ich liebe deinen Käsekuchen!“. „Deine Lache ist mega ansteckend.“ „Toll, dass du alle einfach so nimmst, wie sie sind.“

Es gibt doch so viel mehr, was uns schön macht.


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Wenn wir in unseren Texten von Frauen und Mädchen sprechen, beziehen wir uns auf die strukturellen und stereotypen gesellschaftlichen Rollen, die alle weiblich gelesenen Personen betreffen. Wenn wir die Adjektive „weiblich“ oder „männlich“ benutzen, beziehen wir uns ebenfalls auf die stereotypische gesellschaftliche Verwendung der Begriffe.

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Bildquelle: Pinkstinks Germany e.V.