Warum sind wir nicht sicher?

Die Gewalt gegen Frauen und andere marginalisierte Gruppen nimmt stetig zu. Politiker*innen und Behörden scheint das wenig zu interessieren. Anlässlich des 8. März fragen wir: Wer sorgt für unsere Sicherheit? Und wie?

Inhaltshinweis: Im folgenden Text geht es um sexualisierte Gewalt. Du bist von Gewalt betroffen? Oder möchtest betroffene Menschen aus deinem Umfeld unterstützen? In unserer Datenbank findest du hilfreiche Anlaufstellen zum Thema.

Epstein-Files, Dunkelfeldstudie, Femizide – die Nachrichten der vergangenen Wochen zeigen nachdrücklich, mit wie viel Gewalt Frauen und andere marginalisierte Menschen tagtäglich konfrontiert werden. Trotzdem sieht die Politik zu oft nur tatenlos zu: Politiker*innen reagieren bei jeder neuen Meldung so, als würden sie zum ersten Mal überhaupt davon hören. So geht das seit Jahren und Jahrzehnten.

 

Gerade mit Blick auf den 8. März müssen wir uns fragen, wer für unsere Sicherheit sorgt. Nicht für diese politisierte, rassistisch motivierte Version von »Sicherheit«, die der deutschen Bevölkerung Jahr für Jahr in Wahlkämpfen versprochen wird.¹ (Eine »Sicherheit« also, die Migration zur »Mutter aller Probleme« macht und Menschen zu »Problemen im Stadtbild« erklärt.) Wir meinen die Sicherheit, die gefährdet ist, wenn Straftaten gegen Frauen, Mädchen und andere marginalisierte Menschen immer weiter zunehmen und sogenannte häusliche Gewalt auf einem Höchststand ist.²

Alles andere als gut. Während sich eine Meldung über sexualisierte Gewalt und die dahinterliegenden Netzwerke an die andere reiht, bleiben Politik und auch Ermittlungsbehörden desinteressiert bis untätig. So wurde im Sommer 2025 nach einer NDR-Recherche bekannt, dass sich über 70.000 Täter online zusammengeschlossen haben, um sich – ähnlich wie im Fall von Gisèle Pelicot – darüber auszutauschen, wie sie Frauen betäuben, vergewaltigen und dabei filmen können. Zum Zeitpunkt der journalistischen Veröffentlichung wusste die Polizei bereits seit zwei Jahren davon. Noch immer wurde keine zentrale Stelle zur Bekämpfung solcher Täterstrukturen eingerichtet, obwohl sie dringend nötig ist.³

 

Die im Februar erschienene Dunkelfeldstudie des Bundeskriminalamts zur Gewaltbetroffenheit⁴ macht einmal mehr klar, dass das wahre Ausmaß der Gewalt kaum zu überblicken ist. Weniger als 5% der Fälle partnerschaftlicher Gewalt werden angezeigt. Knapp 13% der Befragten gab an, im Kindes- und Jugendalter von sexualisierter Gewalt betroffen gewesen zu sein. Das ist mehr als jedes 8. Kind! Erschütternd!

 

Und die Epstein-Files zeigen, wie ungestört und skrupellos mächtige Männer jungen Frauen und Mädchen Gewalt zufügen, wenn sie sich durch Geld, Einfluss und Macht geschützt wissen. Überall auf der Welt sind sich Täter zu sicher. Sie sind es auch, weil zu viele Menschen an politischer und gesellschaftlicher Amnesie zu leiden scheinen: Denn das ist alles leider überhaupt nicht neu. 

 

Ein paar Beispiele für dieses kollektive Vergessen: 2018 trat die Istanbul-Konvention in Deutschland in Kraft, ein internationales Abkommen zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen und Mädchen. In der Konvention wird unter anderem ein Mindeststandard für die Anzahl von Frauenhausplätzen festgelegt. Bis heute, also acht Jahre später, fehlen in Deutschland tausende Plätze.⁵ Bereits 2020 zeigte eine große Studie einen  Anstieg sogenannter häuslicher Gewalt während der Corona-Pandemie.⁶ Und eine Dunkelfeldstudie über »Gewalterfahrungen in Paarbeziehungen in Niedersachsen«, die das erschreckende Ausmaß der Gewalt ans Licht brachte, fand auch schon 2012 statt.⁷

 

Die Beispiele zeigten also schon vor Jahren: Es sieht gar nicht gut aus. Doch die Konsequenz? Immer wieder geheuchelte Überraschung, huch, wer hätte das ahnen können, naja, da müsste irgendwer mal irgendwann irgendwas machen.

Wegschauen und verleugnen. Das Problem verschwindet nicht von allein, sondern wird schlimmer. Gerade der antifeministische Backlash der vergangenen Jahre spitzt die Lage weiter zu. Im Zuge dieses Backlashs wird mittlerweile auf allen Ebenen – privat, beruflich, politisch, wirtschaftlich – zur DARVO-Taktik gegriffen:

DARVO steht für »Deny« (Leugnen), »Attack« (Angreifen) und »Reverse Victim and Offender« (Täter-Opfer-Umkehr). In diesem Zusammenhang noch ein paar Worte zum Mythos Falschbeschuldigung: Falschbeschuldigungen kommen zwar immer wieder mal vor, bieten aber zahlenmäßig keinerlei Rechtfertigung für Untätigkeit oder das pauschale Abtun der Angaben von potenziell Betroffenen. Die männliche Angst vor Falschbeschuldigung ist nicht nur »irrational«, wie die »Süddeutsche Zeitung« schreibt, sondern: Absicht. Sie ist ein Versuch der präventiven Delegitimation, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen.

Dieser Text wurde am 04.03.2026  im PINKSTINKS Newsletter veröffentlicht. Wenn du auch in deiner Inbox gut recherchierte Artikel, Einordnungen aktueller Ereignisse und exklusive Inhalte haben möchtest, freuen wir uns über deine Newsletter-Anmeldung.

Die Androhung höherer Strafen hilft leider auch nicht. Obwohl das eine populäre Forderung ist. Doch höhere Strafen schrecken niemanden ab, der Gewalt verüben will, was lange bekannt ist und worauf Expert*innen immer wieder hinweisen.⁹ Und selbst wenn, hätten Täter bei einem derart großen Dunkelfeld – nur 5% der Übergriffe wird angezeigt – kaum Grund, auch nur ins Schwitzen zu geraten. Zweifellos muss sexualisierte Gewalt sehr hart bestraft werden – aber man sollte sich klar darüber sein, dass das keine Taten verhindert.

 

Was ganz sicher ebenfalls nicht hilft, sind rechte Verschwörungsmythen über Echsenmenschen, Außerirdische und adrenochromsüchtige Menschenfressereliten. Das Letzte, was eine Lösung der globalen, männergemachten Gewalt-Pandemie braucht, sind Ablenkungsmanöver und absurde Übersteigerungen.¹⁰

Zur Erinnerung: Der Ehemann von Gisèle Pelicot hat die anderen 80 Vergewaltiger in einem Umkreis von 50 Kilometern um seinen Wohnort gefunden. Der jüngste Täter war zum Tatzeitpunkt 21. Der älteste 68. Da waren der Feuerwehrmann, der Journalist, der Gelegenheitsarbeiter, der DJ, der Pfleger, der verrentete Sportlehrer, der Gefängniswärter und viele andere.¹¹ Niemand von ihnen war Teil einer geheimen Elite, keiner hatte Zugang zu einem »weitverzweigten Tunnelnetzwerk bis nach New York«, wie bekannte Verschwörungsmythenverbreiter*innen allen Ernstes erzählen.¹²

 

Und was die tatsächlich reichen und mächtigen Eliten angeht: Die nutzen einfach Geld und Einfluss, um – mal verborgen und mal unter aller Augen – sexualisierte Gewalt auszuüben. Auch und gerade gegen Minderjährige. Jeffrey Epstein wurde schon 2006 verdächtigt, Mädchen vergewaltigt zu haben. Statt hoher Strafen und gesellschaftlicher Ächtung bekam Epstein einen geheimen Deal, eine milde Haftstrafe und die Möglichkeit, ein Jahrzehnt lang mit seinen Buddies weiter zu vergewaltigen.¹³ Auf die Frage der »New York Times« im Jahr 2019, wer Epstein beschützte, lautet die Antwort leider: zu viele.¹⁴ Praktisch alle.

 

Die bittere Wahrheit: Frauen und andere marginalisierte Menschen sind in Deutschland und überall auf der Welt nicht sicher. Im Gegenteil: Körper und Würde werden immer wieder nachdrücklich angetastet – und das mit großer Selbstverständlichkeit und Verweis auf die angebliche »männliche Natur«.

 

Was hilft ?

  1. Hinschauen.
  2. Zuhören.
  3. Die Tatsache anerkennen, dass es bei Millionen von Opfern eben nicht nur ein paar Täter sind, sondern eine gewaltige Zahl.
  4. Konsequenzen ziehen.
  5. Präventionsarbeit. Richtig viel Geld in die Hand nehmen, um immer wieder von Anfang an das Problem adressieren zu können. Wir müssen also frühzeitig über sexualisierte Gewalt reden, wir müssen in Schulen Unterrichtseinheiten zum Thema Konsens, grenzachtendes Verhalten und sexualisierte Gewalt obligatorisch machen. 
  6. Zivilgesellschaftlicher Protest. Denn (sexualisierte) Gewalt ist kein monströser Zaubertrick, der erst dadurch aus dem Hut gezogen wird, indem man ihn anspricht und somit heraufbeschwört. (Sexualisierte) Gewalt ist die Wirklichkeit zu vieler Menschen.
  7. Kluge, mutige, nachhaltige Politik, die nicht den Tätern nach dem Mund redet, sondern auf Betroffene hört und entsprechend handelt.
  8. Vernetzen. Immer wieder vernetzen.
  9. Vorurteilsfreie, offene Räume, in denen alles Mitgefühl bei den Betroffenen bleibt.
  10. Die Beschäftigung damit, was wir als Gesellschaft und als Einzelperson dazu beitragen, dass Betroffene nicht anzeigen, schweigen oder erst nach Jahren darüber sprechen. Wo, wann und warum hofieren wir Täter? Und warum hören wir damit nicht auf?

Am Ende hilft nur ein radikaler Umbau hin zu einer gleichberechtigteren, feministischeren Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der nicht mit Bequemlichkeit, Ignoranz oder Kollaboration mit den Tätern auf solche Taten reagiert wird. Sondern einer Gesellschaft, in der solche Taten konsequent verfolgt werden, in der Verantwortung für sie übernommen wird – damit die Taten nicht an den Betroffenen hängen bleiben und sie nicht mit ihnen allein gelassen werden.

 

In einer Welt, in der neun von zehn Menschen Vorurteile gegen Frauen hegen¹⁵, gehört dazu auch eine Forderung, die in den vergangenen Jahren immer wieder belächelt, verächtlich gemacht und delegitimiert wurde, die aber umso wichtiger ist: Glaubt Frauen! Glaubt marginalisierten Menschen!

 

Disclaimer

Wenn wir von Frauen und Männern sprechen, beziehen wir uns auf strukturelle gesellschaftliche Rollen, die weiblich und männlich gelesene Personen betreffen. Gleiches gilt für die Adjektive »weiblich« und »männlich«. In Statistiken und Studien, die wir zitieren, wird leider oft nur zwischen Frau und Mann differenziert.

  1. ndr.de: »Panorama: Frauen betäubt und gefilmt: Das Netzwerk der Vergewaltiger« vom 10.07.2025 (besucht am 03.03.2026)
  2. bka.de: »Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag: Ergebnisse und Publikationen« vom Februar 2026 (besucht am 03.03.2026)
  3. dw.com: »Schutz vor Gewalt? Frauenhäuser haben zu wenig Plätze« vom 22.12.2025 (besucht am 03.03.2026)
  4. jugendhilfeportal.de: »Erste große Studie zur häuslichen Gewalt während der Corona-Pandemie« vom 05.06.2020 (besucht am 03.03.2026)
  5. mi.niedersachsen.de: »Pressemitteilung: Dunkelfeldstudie zu Gewalterfahrungen in Paarbeziehungen in Niedersachsen« vom 30.06.2014 (besucht am 03.03.2026)
  6. sueddeutsche.de: »Der Mythos der falschen Beschuldigung« vom 12.10.2018 (besucht am 03.03.2026)
  7. tagesschau.de: »Kriminologe zu sexualisierter Gewalt: Strafverschärfung allein bringt wenig« vom 02.07.2020 (besucht am 03.03.2026)
  8. amadeu-antonio-stiftung.de: »Verschwörung statt Aufklärung: Die Debatte um die Epstein-Files« vom 16.02.2026 (besucht am 03.03.2026)
  9. derstandard.de: »Der Fall Pelicot: Unfassbar? Monströs?« vom 20.12.2024 (besucht am 03.03.2026)
  10. derstandard.de: »Warum Xavier Naidoo ständig von ‘Adrenochrom’ redet« vom 20.05.2020 (besucht am 03.03.2026)
  11. spiegel.de: »Die Chronologie des Falls Jeffrey Epstein« vom 11.02.2026 (besucht am 03.03.2026) 
  12. spiegel.de: »Das Netz des Jeffrey Epstein« vom 10.07.2019 (besucht am 03.03.2026)
  13. deutschlandfunkkultur.de: »Vorurteile gegen Frauen bleiben weit verbreitet« vom 14.06.2023 (besucht am 03.03.2026) 

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