Ich warte am Hamburger Hauptbahnhof auf den Zug nach Berlin. Dabei starre ich auf das aktuelle überdimensionale Calzedonia-Bademoden-Plakat hinter den Gleisen und zähle mir alle Begründungen auf, die erklären könnten, warum ich als fast 47-jährige Frau davon berauscht sein soll. Und frage mich: Bin ich wirklich weird, weil Durchschnittswerbung mich nervt?

Drei junge Frauen fixieren mich mit einem Power-Staredown-Blick, als ginge es darum, die Konkurrentin bei GNTM auszustechen. Jeder Teil ihrer Körper ist angespannt und im maledivischen Nass drapiert, als würden sie auf Tom Kaulitz persönlich warten. „OMG, ist das schön!“ jauchzt das ich, dass sich Marketing-Etagen ausdenken, das will ich auch!

Ich brauche tatsächlich einen neuen Badeanzug, aber dieses Bild animiert nicht, in den nächsten Calzedonia-Shop zu rennen. Soll ich auch gar nicht, erklärt mir jetzt eine Freundin aus der Werbeindustrie, Bikinis werden hauptsächlich an junge Frauen verkauft und zwar massenhaft, deshalb sind unsere Großstädte im frühen Sommer mit H&M-Bikinibildern gepflastert. Aber warum tragen die Calzedonias dann Badeanzüge und warum hängt das Plakat an den Ferngleisen, auf denen sich im Durchschnitt mittelalte Erwachsene auf Geschäftsreise tummeln? Versteh ich nicht.

„Frauen wollen Models sehen, die schlanker, jünger und hübscher sind als sie selbst.“ Das ist die Art Satz, die man stets zum Thema „Plus-Size“ in Artikeln findet, und Schuld daran ist die Zeitschrift Brigitte. Als 2012 der Versuch „Brigitte ohne Models“ scheiterte, lautete die offizielle Erklärung: Leserinnen hätten moniert, sie wollten nicht die „Frau von Nebenan“ in den Modestrecken sehen, sondern unerreichbare Elfen, um sich in andere Welten träumen zu können. Dabei weiß jede*r, wer in den Hamburger Medien arbeitet oder nur entfernt die Situation von Gruner & Jahr kennt, dass diese Art von Produktion viel zu teuer war: Es dauert um das fünf-fache an Zeit, ein gutes Bild mit einem Laienmodel zu machen als mit einem Profi. Neben „Pinkfirst“ und sonst welchen pseudo-feministischen Aktionen wäre es eine wirkliche Hilfe für Frauen, wenn die Brigitte diese Vollverarschung der deutschen Frau einmal auflösen würde.

Es ist nämlich so:

Auf Instagram, wo die jungen Leute sind, haben diese drei Bilder von H&M (25 Millionen Follower!) am meisten Klicks in den letzten Wochen bekommen, weit über den gängigen H&M-Beauty-Bildern aus den Billboards, die dort auch zu finden sind:

Ein Beitrag geteilt von H&M (@hm) am

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Trotzdem zeigen alle H&M-Bikini-Plakate in der Stadt schlanke, junge Frauen, keine rockenden Raumfahrt-Fans oder „normale“ Größen. Ausgenommen einem Kurzfilm auf den Ströer-Screens in den U-Bahnen, in der ganz am Rand auch eine fülligere in einer Gruppenszene vorkommt. Ein Anfang?

Und nochmal: Im Internet (wo die jungen Menschen sind, duh), bekam dieses Video von H&M 22 Millionen Views, in der ein „Plus-Size“-Model die Heldin ist:

Während man bei Instagram noch argumentieren könnte, dass H&M-Fans sich dort bewusst hinbegeben müssen, wird Video-Werbung auch über die Netzwerke an noch-nicht-H&M-Fans beworben. Dieses fand breite Begeisterung. Warum bringt man diese Power nicht auf die Plakatwände? Wieviel gelerntes „Das wollen Frauen nicht sehen!“-Marketing-Dogma ist noch in den hauptsächlich männlichen Vorstandsetagen verbreitet? Ich stelle mir vor:

„Du, Fred, auf Insta wollen die alle Plus-Size und sogar ‚Age‘.“
„Ach Quatsch, das will doch keiner sehen!“
„Dann also so wie die letzten zwanzig Jahre?“
„Na sicher. Vielleicht können wir die Menschen ja noch umerziehen. Ist ja widerlich, dieser Speck. Und Falten! Wo soll das denn enden?“

Deshalb, liebe Ladys, Gents and Others, hier ein paar wenige Seiten, die ich echt sehen möchte. Weil sie nicht im Dove-Stil wunderbar diverse Frauen zeigen, die „Hihi! Ich bin halbnackt!“-schambesetzt inszeniert werden und nur dümmlich in die Kamera grinsen dürfen, sondern die in voller Sexyness ihre diversen Körper in Bademoden und Unterwäsche zeigen, so dass mir die Pumpe geht und ich denke: „OMG ist das schön, das will ich auch!“:

Meinen nächsten Badeanzug kaufe ich bei Phylyda. Kostet Geld, ja, aber soll ja auch fair produziert sein und die nächsten zwanzig Jahre halten. Und Werbung machen wir jetzt selbst: Nächste Woche gibt es mit Phylyda-Produkten (Danke, Phylyda!) ein Age-Shooting (45+). Markus Abele wird wieder fotografieren, wir haben tolle, diverse Models und WallDecaux will die Kampagne in Berlin aufhängen. Wir freuen uns! Vielleicht können wir so mithelfen, dass langsam „normalere“ Bilder in die Werbung kommen. Wäre nämlich langsam an der Zeit, oder?

Alles Liebe! Eure Stevie