„Nun zier dich nicht so: Du willst es doch auch!“ Der Spruch ziert die Online-Werbung eines Internet-Fachmannes, aus welcher er mit Dackelblick in die Kamera schaut. Angezeigt bekommt man die Werbung erst, wenn man auf seiner Webseite gewesen ist: Dann erscheint einem der Spruch auf allen anderen Webseiten, die Werbebanner haben. Hat man keinen Werbeblocker oder seine Cookies nicht geleert, wird man sozusagen von seiner Werbung „verfolgt“.

Diese Werbung steht mit anderen zur Abstimmung für den „zornigen Kaktus“, dem Negativpreis für sexistische Werbung. Terre des Femmes, die den „zornigen Kaktus“ verleihen, haben eine sogenannte „Triggerwarnung“ unter dieses Werbebild gestellt: Sie raten dringend von dem Besuch der Seite des Internet-Dienstleisters ab, um von dieser Werbung nicht verletzt zu werden.

Aber Moment mal: Was soll denn daran gefährlich, oder was bitte soll da getriggert werden? „to trigger (engl.) = auslösen, hervorrufen“: Was soll dieser nette Mann hervorrufen außer dem Gedanken, dass man dem süßen Kerlchen einfach nicht widerstehen kann, ihn sofort anrufen und seine Kompetenz in Internetfachberatung in Anspruch nehmen möchte?

PolylikeScreenshotTrigger

Der obige Screenshot zeigt, wie eine Überlebende sexueller Gewalt die penetrante Werbung erlebt. Es gibt wohl kaum ein Vergewaltigungsopfer, das diese zwei Sätze nicht in traumatischer Erinnerung hat. Und sollten sie nicht gefallen sein, so hat das deutsche Gesetz bisher in vielen Fällen unterstellt, dass Opfer sich nicht „genug gewehrt „, es also auch gewollt hätten.

Aber es regen sich ja auch Blinde auf, wenn das ZDF „mit dem Zweiten besser sieht“. Es regen sich auch Menschen mit Behinderungen auf, dass Sie in der Werbung kaum vorkommen. Es handele sich hier jeweils um Minderheiten, und man könne nicht alle Befindlichkeiten berücksichtigen, sagt der Werberat. Alleine das ist schon ein Problem.

68% der Frauen in Deutschland erleben im Laufe ihres Lebens sexuelle Belästigung. Vom penetranten Hinterher-Pfeifen auf der Straße bis zum Hintern-Grabschen am Arbeitsplatz. Aber es sind ja nur 13% der Frauen in Deutschland, die strafrechtlich relevante Formen sexueller Gewalt erleben. Warum regen wir uns also auf? Das ist immerhin nur fast jede 7. Frau in Deutschland, die die Spitze der Gewalt erfährt – der Rest müsste doch aushaltbar sein.

Entschuldigt bitte, wenn wir diese Argumentation hier ironisieren. Vielleicht können manche Menschen nur so verstehen, dass diese Bilder- und Sprüchewelt ein System verstärkt, in der Mädchen sich nicht trauen, „Nein!“ zu sagen oder Übergriffe anzuzeigen. Ein System, in dem ihnen medialer und juristischer Sexismus selbst die Schuld zuweist und sie wissen lässt, dass nur 8% der Anzeigen zu einer Verurteilung führen.
Der Herr mit dem Dackelblick versteht unsere Argumente nicht und findet seine Nominierung „aufregend“ und „witzig“: Er freut sich schon auf „Sekt und Schnittchen“ auf der Verleihung. Zusammen mit Terre des Femmes haben wir deshalb schon überlegt, ihn aus der Abstimmung zu nehmen, da er die Aufmerksamkeit zu genießen scheint. Tun wir aber nicht. Damit mehr verstehen, was unser befindliches Problem ist: Die 95% der Vergewaltigungen jährlich, die nicht angezeigt werden.