Free Bleeding bedeutet ziemlich genau das, was der Begriff sagt: freies Bluten. Menschen, die sich für diese Art des Menstruierens entscheiden, benutzen keine künstlichen Produkte wie Tampons, Binden oder Menstruationstassen – sondern hören auf ihren Körper und lernen den Rhythmus ihrer Blutung kennen. So können sie spüren, wann es soweit ist – und dann das Blut in Intervallen abfließen lassen.

Allgemein bekannt wurde der Ausdruck Free Bleeding durch einen Internet-Hoax 2014, als Antifeminist*innen im Netz eine Fake-Free-Bleeding-Welle lostreten wollten . Doch die Aktion ging nach hinten los, Hoax rückte das echte Thema Free Bleeding ins Zentrum und 2015 lief Kiran Gandhi den London Marathon ohne Tampon, um mit ihrem Menstruationsblut im Schritt ein Zeichen zu setzen. Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich eine Bewegung. Inzwischen probieren immer mehr Menstruierende Free Bleeding aus. Und zwar aus verschiedenen Gründen. Dazu zählen körperliche und gesundheitliche, ökologische, finanzielle oder politische. Oder auch alles zusammen.

Zum einen gibt es Menstruierende, die sich mit einem Fremdkörper im Körper – wie Tampon oder Tasse – einfach unwohl fühlen. Manche haben aber auch Angst vor dem Toxischen Schocksyndrom (TSS). Dabei handelt es sich um selten auftretende Vergiftungen, die vom Bakterium Staphylococcus verursacht werden. Das kommt zwar in geringen Mengen ohnehin auf Haut und Schleimhaut vieler Menschen vor, kann allerdings auch Giftstoffe erzeugen. Wenn die in die Blutbahn gelangen und keine ausreichenden Antikörper vorhanden sind, kann es gefährlich werden. Obwohl das Toxische Schocksyndrom nicht ausschließlich mit Tampons oder Cups zusammenhängt, sondern auch bei kleineren Verletzungen am Körper auftreten und daher alle Menschen betreffen kann, gehen einige Menstruierende lieber auf Nummer Sicher. Außerdem kann der Verzicht auf Menstruationsartikel laut Erfahrungsberichten bei manchen auch zu weniger starken Krämpfen während der Periode führen; sie fühlen sich schlichtweg besser.

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Entscheidung für Free Bleeding hat mit der Umwelt zu tun. Eine menstruierende Person verbraucht ganz grob gerechnet durchschnittlich etwa 10.000 bis 17.000 Produkte wie Tampons, Binden oder Slipeinlagen im Laufe des Lebens. Das ist natürlich individuell unterschiedlich und hängt von vielen Faktoren ab – darunter, wann im Leben die Menstruation beginnt, wann sie aufhört, wie lange die einzelnen Zyklen dauern und wie stark die Blutungen sind. Aber innerhalb eines Jahres werden in der EU knapp 50 Milliarden Menstruationsprodukte verbraucht und entsorgt – ein gigantischer Haufen Müll. Das bedeutet jetzt nicht, dass menstruierende Menschen für Umweltverschmutzung verantwortlich gemacht werden können, schließlich sind es ja die gesellschaftlichen Strukturen und Entwicklungen, die dazu geführt haben, dass das Bluten vor der Öffentlichkeit verborgen werden muss.  

Wer so viele Produkte verbrauchen muss, bezahlt dafür auf Dauer ziemlich viel Geld. Auch hier ist eine exakte Berechnung schwierig, weil Perioden und die entsprechenden Bedürfnisse eben so unterschiedlich sind, aber grob überschlagen kommen da im Leben schon mehrere Tausend Euro zusammen; einige Schätzungen gehen von 15.000 bis 20.000 Euro aus. Bis Ende 2019 wurden bei Menstruationsprodukten wie Tampons in Deutschland übrigens 19 Prozent Mehrwertsteuer fällig – und nicht der ermäßigte Steuersatz von sieben Prozent, der grundsätzlich für Güter des täglichen Bedarfs gelten soll. Dazu zählten bis Anfang 2020 weder Tampons noch Binden. Dass sich das geändert hat, liegt an Nanna-Josephine Roloff und Yasemin Kotra, die mit einer erfolgreichen Petition dafür gesorgt haben, dass Deutschland die Mehrwertsteuer dafür senkt. Manche Menschen können sich die Hygieneartikel trotzdem nicht leisten; in einigen Ländern werden sie daher zum Beispiel an Schulen und Unis kostenlos zur Verfügung gestellt. 

Doch es gibt auf der ganzen Welt auch Menstruierende, die überhaupt keinen Zugang zu entsprechenden Produkten haben. Darauf aufmerksam zu machen, ist ein politischer Grund, aus dem sich Menschen für Free Bleeding entscheiden. Ein weiterer politischer Grund ist das gesellschaftliche Stigma rund um die Periode – erkennbar an albernen Ausdrücken wie „Erdbeerwoche“ oder „Tante Rosa ist zu Besuch“. Denn Menstruation ist noch immer ein Tabu. Periodenblut gilt als eklig und der rote Fleck im Schritt der hellen Hose als absoluter Albtraum. Selbst in der Werbung für Binden und Tampons ist die Flüssigkeit nie rot, sondern zum Beispiel blau – wie Sterillium. Dagegen wollen Aktivist*innen vorgehen und zeigen, dass Monatsblutungen etwas ganz Natürliches sind. Und absolut nichts, wofür sich Menstruierende schämen müssten.

Free Bleeding bedeutet übrigens nicht, permanent alles vollzubluten. Sondern den eigenen Körper zu verstehen. Und das lässt sich üben. Die entscheidende Info dabei: Das Blut fließt nicht die ganze Zeit, sondern in Schüben. Während der Menstruation stößt die Gebärmutter die Schleimhaut ab und befördert sie mit Muskelkontraktionen durch den Muttermund in die Vagina; von dort aus fließt dann alles ab. Deshalb ist es so wichtig zu spüren, was im Körper passiert und wann es wieder einen Schub gibt. Ein Anzeichen dafür kann unter anderem ein Ziehen im Unterleib sein.

Wichtig ist vor allem, sich Zeit zu nehmen, um in aller Ruhe auf den Körper achten zu können. Das funktioniert Zuhause natürlich viel besser als beispielsweise in Schule, Uni oder Büro. Am Anfang kann es zudem sinnvoll sein, eine waschbare Stoffbinde zu benutzen und alle 20 bis 30 Minuten auf Toilette zu gehen, um das Blut ablaufen zu lassen. Dabei hilft es, das Becken nach vorn zu neigen oder zu wippen, den Bauchnabel ein bisschen einzuziehen oder auch den Unterleib zu massieren, um den Beckenboden zu entspannen. Wie lange Free Bleeding dauert, ist unterschiedlich – etwa zwischen einer bis zehn Minuten pro Sitzung; bis eben kaum noch oder gar kein Blut mehr kommt. Mit Zeit und Übung werden die Abstände nach und nach größer. Sie hängen logischerweise aber auch vom Zyklustag ab. Am ersten und zweiten Tag sind die Blutungen tendenziell etwas stärker und daher häufigere Toilettengänge nötig; am dritten und vierten Tag hingegen mitunter nur alle ein bis drei Stunden. Nachts direkt vor dem Zubettgehen noch mal ablassen und bei Bedarf eine Stoffbinde benutzen. Frisches Menstruationsblut an sich riecht übrigens nicht unangenehm. 

Mit etwas Geduld, Ruhe und Übung kann Free Bleeding eine gute Alternative für alle sein, die aus körperlichen, ökologischen, finanziellen oder politischen Gründen keine Menstruationsartikel benutzen wollen. Es kostet kein Geld, ist besser für die Umwelt und kann auch gesünder sein. Außerdem ist es prima, den eigenen Körper zu kennen und zu verstehen. Aber Free Bleeding klappt nicht immer auf Anhieb. Und es ist auch nicht die einzig wahre Methode für jeden Körper oder jede Situation. Deshalb sollen einfach alle bluten, wie sie sich in ihrem Körper wohl damit fühlen – mit Tampons, Slips, Tassen, Binden oder eben ohne alles. Vor allem jedoch ohne Scham. 

Weiterführende Links:

NDR

Tagesschau

Spiegel

Independent

Dailydot

Knowyourmeme

Bild: Pinkstinks Germany e.V.

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