Slut-Shaming ist, ganz grob zusammengefasst: Abwertung basierend auf Sexualität. Und das betrifft vor allem weiblich gelesene Personen. Wenn sie Spaß an Sex hat, eventuell auch mit wechselnden Partner*innen, offen über Sexualität spricht oder sich entsprechend kleidet, wird sie als „Schlampe“ abgestempelt. Damit wird sie abgewertet und so für ihr unangepasstes Verhalten bestraft. Sie soll sich für ihre Sexualität schämen und ausgegrenzt werden.  

Entscheidend für diese Be- und Abwertung ist dabei nur, was das Umfeld als sexualisiertes Auftreten einstuft. Das fängt schon mit Outfits an. Es gibt zum Beispiel Schulen, in denen Mädchen auch im Sommer keine Tops mit Spaghettiträgern, nichts Bauchfreies oder keine kurzen Shorts anziehen dürfen. Weil das als „aufreizende Kleidung“ gilt. Durch diese Sichtweise werden einerseits Mädchen sexualisiert, obwohl ihre Kleidung nichts mit Erotik zu tun hat. Andererseits werden junge Frauen, die vielleicht gerade dabei sind, ein positives Gefühl für ihren Körper zu entwickeln, darin gehemmt. Diese Denkweise bedeutet: Wenn ein Mann oder Junge sich zum Beispiel beim Anblick einer Frau oder eines Mädchens in Yoga-Hose oder Shorts kaum beherrschen kann, liegt es nicht etwa an ihm und seiner sexualisierten, objektifizierenden Sichtweise, sondern an ihr – der sogenannten Schlampe. 

Auch offen über Sex zu sprechen – female Sexspeech – ist noch immer tabuisiert; selbst in der Kunst- oder Musikszene. Frauen, die Sexualität thematisieren, erleben Slut-Shaming, weil sie es wagen, als sexuelle Wesen mit eigenen Bedürfnissen aufzutreten und diesen Raum offensiv für sich zu beanspruchen. Und das Verhalten von weiblich gelesenen Menschen – die Art, wie sie tanzen, ob, wie oft und mit wem sie knutschen oder auch Sex haben – wird ebenfalls bewertet. Viel und gern Sex = Schlampe. 

Das überschneidet sich zum Teil mit Victim Blaming, also Täter-Opfer-Umkehr. So sind beispielsweise 2011 auch die internationalen SlutWalks entstanden. Ein kanadischer Polizist hatte bei einer Veranstaltung an einer Uni in Toronto gesagt, dass Frauen sich nicht wie Schlampen anziehen sollten, um keine Opfer von Sexualstraftaten zu werden. Zwar entschuldigte er sich später, doch es gab weltweite Proteste. In Toronto versammelten sich über 3000 Menschen zum ersten SlutWalk, um dafür einzustehen, dass Menschen anziehen können, worauf sie Lust haben; es folgten SlutWalks auf der ganzen Welt.

Slut-Shaming offenbart eine Doppelmoral. Denn einerseits existiert es bei männlich gelesenen Personen nicht oder auf keinen Fall im gleichen Ausmaß – das Wort „Schlampe“ wird ohne Kontext automatisch weiblich interpretiert. Bei Männern gilt sexuelle Aktivität als etwas Gutes. Nur, wenn er kaum bis keinen Sex hat, stimmt etwas nicht (was übrigens auch ziemlich abwertend und toxisch ist). Maskuline Menschen sollen und dürfen jederzeit und jede Menge Sex haben oder darüber sprechen; bei weiblichen müssen laut gesellschaftlicher Normen immer irgendwie Romantik, Liebe und Beziehung im Spiel sein. 

Andererseits sollen Frauen zwar ja keine Schlampen, gleichzeitig jedoch unbedingt sexy und attraktiv sein. Das ist nicht nur unfassbar anstrengend, sondern auch ein ziemlich schmaler Grat. Wann er überschritten ist, entscheiden allein der Blick und das Urteil von Außen. Dieses Urteil kommt aber mitnichten nur von Männern. Auch weibliche Personen werten andere Frauen aufgrund ihrer Sexualität ab. Das hat mit verinnerlichtem Sexismus zu tun: Indem sie andere weibliche Personen als Schlampen bezeichnen, werden Frauen im Patriarchat mit sozialer Anerkennung belohnt, sie gehören dann zu „den Guten“. Einer der wenigen Wege für Frauen, sich kurzzeitig ermächtigt zu fühlen. Auch, wenn das natürlich nur Augenwischerei ist und spätestens dann wieder verfliegt, wenn sie sich selbst nicht mehr angepasst verhalten und unsichtbare Grenzen überschreiten.

Slut-Shaming zieht sich durch alle Bereiche der Gesellschaft. So sind auch trans Frauen davon betroffen, indem beispielsweise ihre sexuellen Erfahrungen gegen sie verwendet werden, um ihre Meinungen und Stimmen abzuwerten und zum Schweigen zu bringen. Und auch in Teilen der feministischen Szene werden Frauen, die sich gern sexy kleiden, abgewertet. Der Grund dafür: Feminist*innen stellen überzogene Schönheitsideale in Frage und setzen sich zu Recht dafür ein, dass Frauen eben nicht nur nett und hübsch zu sein haben. Daraus folgern einige, dass es problematisch ist, wenn sich Feminist*innen schminken oder sexy kleiden. Dahinter steckt das Motto „Das Private ist politisch“ – jede einzelne Entscheidung im Alltag hat also Folgen für die Gesellschaft. Nach dieser Logik kann niemand, der*die sich ab und zu mal aufrüscht, ein*e überzeugte*r Feminist*in sein. Doch das ist Quatsch – das Patriarchat lässt sich prima in Highheels und mit Lippenstift zertrümmern. Diese Feminist*innen-Bild ist im Grunde auch nur ein Weg, um die sozialen Normen einer Gruppe durchzusetzen. 

Die soziale Kontrolle von weiblich gelesenen Personen durch Be- und Abwertung ihrer Sexualität existiert übrigens schon seit der Antike; das Internet hat durch Anonymität und Verbreitungsmöglichkeiten die darunter liegenden Mechanismen lediglich verstärkt. Eine Person aufgrund ihres vermeintlich sexualisierten Auftretens zu beurteilen und abzuwerten, ist nicht nur übergriffig und eindimensional, sondern sexistisch: Feminine Sexualität soll nach patriarchaler Logik in erster Linie der Fortpflanzung dienen, in zweiter dem Vergnügen des Partners. Auf gar keinen Fall aber bloß der weiblichen Lust. Vor DNS-Tests gab es nämlich keine Möglichkeit, eine Vaterschaft verlässlich festzustellen. Deshalb blieb nur die Kontrolle und Unterdrückung weiblicher Sexualität, um halbwegs sicherzustellen, ja kein untergemogeltes Kuckucks-Kind aufzuziehen. 

Außerdem basiert Slut-Shaming auf Sex-Negativität, weil dadurch Sex als etwas Verbotenes, Unmoralisches und Schlechtes dargestellt wird. Das kann sich langfristig auf die feminine Sexualität auswirken: sich nicht im eigenen Körper wohlzufühlen, Angst vor Verurteilung und ein schlechtes Gewissen zu haben, Scham zu empfinden – und dadurch gehemmt zu sein und keine Freude am Sex zu haben. Dabei ist ein positiver, nicht-objektivierender Umgang mit Sexualität ebenso wie einvernehmlicher Sex in allen Varianten etwas Natürliches und Schönes – und zwar für alle Beteiligten und alle Geschlechter. Jede*r soll sich kleiden, wie es ihm*ihr gefällt, knutschen und einvernehmlichen Sex haben, so oft und mit wie vielen oder wenigen Personen er*sie mag. Wie Dossie Easton und Janet Hardy schon 1997 in ihrem Buch „The Ethical Slut“ schrieben (und damit diesen Begriff umdeuteten): „Für uns ist eine Schlampe eine Person beliebigen Geschlechts, die ihre Sexualität nach dem radikalen Motto auslebt, dass Sex schön ist und Genuss guttut.“

Anmerkung: Uns ist bewusst, dass der Text in Teilen nur eine binäre Perspektive darstellt. Hier geht es um die Erläuterung einer patriarchalen Geschlechterdynamik mit einem binären Mann”-„Frau”-Gefälle, obwohl das längst nicht alle Menschen umfasst.

Bild: Unsplash

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