Stellen wir uns mal folgende Situation vor vor. Eine Frau geht mit ihrer Freundin spät abends die Hamburger Reeperbahn entlang. Als sie an an einer Gruppe junger Männer vorbeikommen, pfeift ein Typ aus dem Pulk ihr hinterher und ruft etwas, mit dem er sich, viel deutlicher als hier beschrieben, auf ihr Aussehen sowie ihre sexuelle Verfügbarkeit bezieht. 

Die Frau will das aber gar nicht. Sie gibt dem Typen zu verstehen, dass er das lassen soll. Er wird sauer und bepöbelt die Frau, die zusieht, dass sie schnell aus der Situation verschwindet.

Der Typ würde vermutlich so etwas denken wie: „Also, wenn ich der sage, dass ich sie attraktiv finde, dann ist das jawohl ein Kompliment, und es ist unhöflich und zickig von ihr, wenn sie sich darüber nicht freut.“

Die Frau hingegen hätte wohl eher folgendes gedacht: „Für mich war das überhaupt kein Kompliment, ich fühle mich von dem Typen benutzt. Er hat mich als sexuell verfügbares Ding dargestellt, um sich vor seinen Kumpels zu profilieren. Er hat mich weder gefragt, ob ich ein Kompliment hören möchte, noch hat er mein Nein auf seinen Spruch respektiert.“

Nett oder sexistisch? Darf der Typ jetzt bestimmen oder die Frau?

Für alle, die jetzt noch zweifeln, versuchen wir es einmal mit dem Holzhammer und hauen ihnen damit auf den Fuss. Wer darf jetzt bestimmen, wie weh der Schlag getan hat – wir oder die, die die ihn abbekommen haben? Eigentlich müsste doch für jedes menschliche Miteinander klar sein, dass immer nur die Person, an die das Kompliment, der Kommentar oder die Geste gerichtet ist, bestimmen kann, ob sie das nett oder sexistisch findet und dass das Empfinden dieser Person bestimmt. Aber damit das die Rahmenvereinbarung für menschliches Miteinander wird, müssten alle Geschlechter gleichberechtigt und klischeefrei erzogen worden sein. Es ist keine große Überraschung, wenn wir an dieser Stelle sagen: Das entspricht nicht der Realität.

Denn erstens wird Mädchen noch immer gern gesagt, dass Jungs durch unfreundliches, abwertendes oder gar gewalttätiges Verhalten nur ihre Zuneigung zeigen wollen. Wenn beispielsweise Rebecca ihren Eltern traurig und wütend berichtet, dass ein Junge aus aus ihrer Klasse sie immer wieder am Griff ihres Ranzens durch die Klasse schleudert, obwohl sie ihm deutlich gesagt hat, dass sie das nicht will, dann kann es auch 2020 noch passieren, dass Rebeccas Eltern mit einem verschmitzten Lächeln darauf hinweisen, dass er bestimmt in sie verliebt ist, weil: „Was sich neckt, das liebt sich“. Unangebrachtes Verhalten wird also mädchen- und frauenfeindlich umgedeutet und erschwert es ihnen, dieses als falsch einzuschätzen und sich dagegen zur Wehr zu setzen, auch weil:

Zweitens werden Frauen, die sich selbst behaupten und ihre Grenzen deutlich machen, gern mal als anstrengend oder empfindlich bezeichnet und abgewertet. Als Kinder werden Mädchen eher dazu erzogen, sich zurückzunehmen, lieb und dankbar zu sein, was verinnerlicht und in alle Lebensphasen und -bereiche übertragen wird. Äußern sie Bedürfnisse, sind sie zu fordernd, ärgern sie sich, sind sie hysterisch, lehnen sie etwas ab, sind sie undankbar.

Dieses Schlechtmachen von intuitivem Verhalten kann das Vertrauen in die eigene Intuition zerstört und dafür sorgen, dass Rebecca eben als Mädchen nicht STOP ruft, wenn der Junge sie durch die Klasse schleudert und als Frau auch nicht, wenn ihr im Club jemand blöd oder zu nah kommt, oder wenn ihr Chef sie im Statusmeeting feixend fragt, ob ihre Brüste eigentlich echt sind.

Die hier geschilderten Situation sind übrigens keinesfalls unrealistisch oder selten. Laut der Pilotstudie „Sexismus im Alltag“ die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Auftrag gegeben wurde, gaben in jeder befragten Altersgruppe mindestens 50% der Frauen an, selbst schon sexistische Übergriffe auf die eigene Person erlebt zu haben, in der Gruppe der 16-24jährigen waren es sogar 68%. Und leider werden vermutlich auch den lesenden Frauen hier Situationen einfallen, die sie selbst erlebt haben.

Laut der Studie waren die befragten Frauen mit sexistischen Übergriffen vor allem an öffentlichen Plätzen durch Unbekannte (46%), am Arbeits- oder Ausbildungsplatz durch Kolleg*innen oder Vorgesetzte (41%) sowie in öffentlichen Verkehrsmitteln (30%) konfrontiert, am häufigsten in Form von verbalen Übergriffen im persönlichen Gespräch,  Gesten, Hand- und Körperbewegungen mit und ohne Körperkontakt. Inzwischen leider auch weit verbreitet ist medial vermittelter Sexismus in sozialen Netzwerken, und wie zum Beweis erhielt die Autorin dieses Textes während des Schreibens über Instagram ein Dick Pick. War dieses Foto jetzt nett gemeint oder sexistisch? Die Frage ist zwar rhetorisch, aber zur Sicherheit noch einmal: Das war sowas von sexistisch.

Sexistisch war auch die erste geschilderte Situation. Der Typ, der nachts auf St. Pauli die Frau angemacht wurde, hat weder irgendwelche positiven Signale von der Frau empfangen, noch abgewogen, ob es angebracht ist, sich ihr in einer sehr offensiven Sprache zu nähern, er hat sie schlicht und einfach belästigt, weil er vor seinen Kumpels als potentester Macker dastehen wollte. Sexistisch ist auch der Chef, der im Meeting die Oberweite seiner Angestellten kommentiert. Er macht damit nämlich keinen Office-Smalltalk, sondern nutzt seine Machtposition aus – er bringt seine Angestellte nicht zum Lachen, sondern in eine unangenehme Lage. Witzig finden das nur die anderen anwesenden Männer, die sich durch diese Bemerkung auf Kosten der Frau der Macht ihrer Gruppe rückversichern.

Im Jobkontext gab es übrigens vor ein paar Jahren eine kleine, unterhaltsame Denkhilfe der Comedy-Autorin Ann Victoria Clark, die Männern empfahl, sich zu fragen, ob sie das, was sie ihren Kolleginnen mitteilen wollen, so auch Dwayne „The Rock“ Johnson sagen würden.

Nicht für alle sexistisch, aber für viele magisch, sind Anmachsprüche, in denen die Worte Sterne, Himmel und Augen vorkommen: Nach ihnen sind viele Frauen spurlos verschwunden. Andere hingegen mögen diese Sprüche, und es gibt auch die, die sich geschmeichelt fühlen, wenn ihnen am ersten Frühlingstag ein Bauarbeiter hinterherpfeift. Ihnen jetzt ihre eigene Wahrnehmung abzusprechen, wäre auch diskriminierend.

Aber wie geht denn unsexistisches Verhalten?

Es gibt kein fertiges Buch mit Sprüchen, Kommentaren, Gesten etc., die okay sind und denen, die grundsätzlich nicht gehen. Es gibt nur ein Wort, das immer stimmt und immer richtig ist: Konsens.

Konsens bedeutet, dass alle beteiligten Menschen dem Gesagten, Verabredeten oder gerade Veranstalteten zustimmen. Das gilt für das gemeinsame Trinken einer Tasse grünen Tees ebenso  wie für das Ausüben einer ausgefallenen Sexualpraktik. Dafür bedarf es natürlich vorab einer gesunden, menschenfreundlichen Einschätzung der Situation, zum Beispiel sollten Vorgesetzte sich grundsätzlich überlegen, ob sie sich Kommentare über Aussehen und sexuelle Vorlieben am Arbeitsplatz vielleicht sowieso sparen (oder ob sie auch Dwayne Johnson die Frage stellen würden, ob er nach dem dritten Bier versaut wird).

Wir empfehlen also, zuerst zu checken, ob es ein Machtgefälle gibt, durch ein Arbeitsverhältnis oder zum Beispiel dadurch, dass fünf betrunkene Männer einer Frau gegenüberstehen. Ist dem so, ist es eine sehr schlechte Idee, etwas „nett zu meinen“. Wenn aber die Zeichen auf Augenhöhe stehen und bei allen Beteiligten Sympathie wie Empathie vorhanden sind, dann ist wahrscheinlich, dass das nett Gemeinte sich auch wirklich an das Gegenüber richtet und keine Machtdemonstration o.ä. ist. Allerdings ist das noch immer keine Garantie. Denn ob etwas nett gemeint oder sexistisch ist, bestimmt immer und ausschließlich die Person, die es empfindet, und da immer richtig zu liegen, kann ja gar nicht funktionieren. Schließlich sind wir alle verschiedene Menschen mit verschiedenen Lebenserfahrungen, Empfindungen und Bedürfnissen, da liegen selbst die empathischsten Menschen mal daneben. Aber beim Danebenliegen Größe zeigen, das können wieder alle: Nämlich indem sie sich entschuldigen und sich fragen, was sie beim nächsten Mal besser machen können.

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