Ich müsste jetzt eigentlich ein Bild posten, in dem ich schwermütig durch eine mit Regentropfen besprenkelte Fensterscheibe schaue. Am besten mit grauem Wollpullover an und Fokus auf meine ersten silbernen Strähnen. Als erstes sollte ich dann die Symptome auflisten, die ich seit geraumer Zeit habe, und unter denen ich gefälligst zu leiden habe: Stimmungsschwankungen, vermehrte Unterleibsschmerzen, erste Hitzewallungen, alle zwei bis drei Wochen meine Periode und das Gefühl, keinen klaren Rhythmus mehr erkennen zu können, der mich durch den Monat führt.

Genau hier fängt mein Wunsch an, euch zu erzählen, dass ich mich sehr lebendig, bunt und wach fühle. Ich empfinde all dies als aufregend, spannend und bin furchtbar neugierig, wie es mit meinem Körper weitergeht. Und ich frage mich: Warum liest man nie darüber? Über genau diese fröhliche Neugier?

Nein, ich glaube nicht, dass ich verrückt geworden bin. Im Gegenteil. Ich bin jetzt 44 Jahre alt. Meine Großmutter hat ab ihrem 43. Lebensjahr nie wieder menstruiert, meine Mutter ab 45. Das ist früh, aber noch in dem Rahmen, den die Fachliteratur vorgibt, wenn auch weit vom Durchschnitt entfernt. Das macht nichts: Ich bin auch nicht durchschnittlich sondern eher überhaupt nicht mathematisch begabt und komme trotzdem durchs Leben. Vielleicht könnte ich mal Probleme mit Osteoporose bekommen, sagt das Internet, aber dafür habe ich in meinem Leben genug Sport gemacht, dass das ja vielleicht als Gegenmaßnahme reicht. Also. Warum genau sollte ich – oder meine Wechseljahre – ein Problem sein?

Ich werde da wohl nicht durch gleiten, ich mache mir nichts vor. Mein Partner hat seit geraumer Zeit einen Kalender, in denen er die Tage einträgt, in denen er mich lieber nicht mit problematischen Themen konfrontiert: Über die Jahre hat er erkannt, dass ich hitziger Mensch unter bestimmten Hormonkonstellationen besonders schnell Rot sehe. Diesen Kalender haben wir gerade über Bord geschmissen, es nützt nichts: Nichts lässt sich mehr planen. Es hilft nur Achtsamkeit und viel Humor. Weil er auch nicht mehr der Jüngste ist und noch nie Drahtseilnerven hatte, nehmen wir auch in den Urlaub unsere Yogamatte mit. Ein Meditationsbänkchen gibt es auch im Haushalt und wir genießen beide die neuen Erfahrungen, die sich auftun und sind begeistert über die Ruhe, die sie bringen. Vor ein paar Jahren noch hätten wir über Trendbegriffe wie “Mindfulness Based Stress Reduction” abschätzig die Augen gerollt, jetzt probieren wir alles aus. Das mit Gelassenheit und einem belustigten Grinsen zu erkennen tut unheimlich gut. Altersweisheit is the new cool.

Meine Gefühlsachterbahnen sind absolutes Neuland. Meine zwölfjährige Tochter liegt manchmal nach Luft jauchzend auf dem Fußboden, wenn sie die pubertären Lachkrämpfe schütteln, an die ich mich selbst so gut erinnern kann. Jetzt sind die Gefühle anders intensiv. Ich habe vor kurzem meinen Vater beim Sterben begleitet und das Geschenk bekommen, zu erfahren, dass Sterben nicht schlimm sein muss. Meine Mutter ist schon lange nicht mehr da und meine eigene Sterbezeit ist jetzt näher dran. Ich habe keine Angst, nur der Fokus verschiebt sich, und das auf eine spannende Weise. Was ist jetzt wirklich wichtig? Die Antwort ist, ganz klar: Der Moment, nicht das Morgen. Und wenn ich merke, dass Hormonschübe als graue Wolken daher kommen, setzte ich mich hin und atme, bis alles wieder etwas mehr Farbe bekommt. Dass das beeinflussbar und machbar ist gibt mir Lebendigkeit und Energie.

Ich schaue mich schon seit geraumer Zeit nach “coolen Alten” um, wie eine liebe Freundin, die gerade ein Projekt für ältere Menschen plant, es ausdrückt. Frauen mit silbernen Haaren, die Zeit haben, zu reisen, zu wandern, noch mal Italienisch zu lernen. Ich merke, dass ich über die Schwelle rüber bin, vor der das alles Angst macht: Eine Angst, mit der so unglaublich viel Geld gemacht werden kann. Ich bin sicher, dass der frühe Tod meiner Mutter, der mir bewusst gemacht hat, wie kostbar und kurz das Leben ist, dabei geholfen hat, im Jetzt zu leben. Aber ein ganz großer Teil davon ist auch Pinkstinks: Das tägliche Realisieren, dass es wunderbar diverse Gefühle, Identitäten und Realitäten hinter der Hochglanzwelt der Magazine gibt, die uns einreden, dass Altwerden ein Problem sei. Altwerden ist, verdammt noch mal, ein Geschenk.

Ganz lieben Gruß,

eure Stevie