Warum dürfen nur Männer wütend sein?

„Du hast wohl deine Tage!“ So was können Frauen zu hören bekommen, wenn sie ihre Wut rauslassen. Dann sind sie „emotional“ und „irrational“. Nein. Sie sind einfach nur wütend. Und das ist ganz normal. Oder sollte es zumindest sein.

Doch in unserer Gesellschaft gilt Wut nach wie vor als männlich. Deshalb lernen schon junge Mädchen, dass sie sich zusammenreißen müssen. Wutanfall? Gehört sich nicht für Mädchen. Und wütende Frauen werden schlicht nicht ernst genommen. Das zeigt sich auch an diesem beliebten Klischee-Satz in Filmen oder Serien: „Du bist so süß, wenn du wütend bist.“ Nein, nicht süß. SAUER! Und auch nicht „hysterisch„!

Eine Auswertung mehrerer Studien zum Thema Gender und Wut aus dem Jahr 2000 hat gezeigt, dass Männer und Frauen ungefähr gleich viel Wut fühlen. Aber Frauen empfinden dabei mehr Scham.

Das hängt, wie so vieles, mit den Rollenbildern im Patriarchat zusammen. Die schreiben vor, wie sich männliche und weibliche Personen in der Gesellschaft zu verhalten haben, um als männlich oder weiblich zu gelten.

Schau dir hier unser Video mit der queerfeministischen Influencerin Wikiriot zum Thema an. Danke für dein Engagement und deine Wut, Wiki!

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Traurig – oder wütend?

Das weibliche Geschlecht ist für alles Herzliche, Weiche und den Zusammenhalt zuständig: kitten, kuscheln, kümmern und Kompromisse finden. Offene weibliche Wut bricht demnach mit der fürsorglichen und ausgleichenden Rolle, die das Patriarchat Frauen zuschreibt.

Wenn junge Mädchen also wütend sind, bekommen sie darauf schon früh negative Reaktionen: Ihnen wird gezeigt, dass sie in ihrer Wut unweiblich, destruktiv und egoistisch sind. So lernen sie, dass sie ihre Wut runterschlucken müssen, wenn sie als Frauen gesehen und akzeptiert werden wollen. Das nennt sich „Self-Silencing“ – also sich selbst zum Schweigen bringen. Wut wird Mädchen abtrainiert. Traurigkeit zu zeigen ist hingegen okay: sanft, verletzlich, weiblich und vor allem ungefährlich.

Viele traurige weibliche Teenager könnten in Wahrheit also viele wütende weibliche Teenager sein. In ihrem Essay „Rebel Girl“ in dem Buch Burn It Down: Women Writing about Anger nennt die US-Autorin Melissa Febos den Zorn ihres jugendlichen Ichs „eine vernünftige Reaktion darauf, in einem Land aufzuwachsen, das Frauen hasste und Frauen ermutigte, sich gegenseitig zu hassen“.

Beim männlichen Geschlecht ist es genau anders herum. Ein wütender Junge oder Mann „lässt Dampf ab“ oder „haut mal mit der Faust auf den Tisch“. Wut gehört zum patriarchalen Bild des starken, aggressiven Machers, Anführers und Beschützers. Dafür wird jedoch Traurigkeit als unmännlich abgestempelt. Darum dürfen „männliche“ Männer keinesfalls weinen, aber brüllen, toben und ausrasten.

Heul doch!

Wut ist also ein Privileg für männliche Personen. Eine wütende Frau gilt als kratzbürstige Furie. Auch später im Erwachsenenleben wissen weibliche Personen, dass sie ihre Themen in der Öffentlichkeit unbedingt ruhig, kontrolliert und sachlich ansprechen müssen. Egal, wie wahnsinnig wütend sie innerlich sein mögen. Zum Beispiel die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. In ihrem Buch Was geschah über die US-Wahl 2016 schreibt sie, dass sie immer aufpassen musste, auf keinen Fall wütend zu wirken: „Viele Menschen fühlen sich von einer wütenden Frau abgeschreckt.“

Gefühle kennen kein Geschlecht.

Schule gegen Sexismus

Ein gutes Beispiel für unterdrückte weibliche Wut ist Uma Thurmans Interview auf dem roten Teppich Ende 2017. Auf ihre Meinung zu MeToo angesprochen, reagiert sie beherrscht. Sie weigert sich, richtig wütend zu werden. Aber ihre Wut schimmert durch:

Dabei sind sowohl Wut als auch Trauer normale und gesunde Gefühle, die jedes menschliche Wesen spürt und erlebt. Egal, ob die Gesellschaft sie als männlich oder weiblich einordnet. Gefühle kennen kein Geschlecht.

Sie zu unterdrücken ist keine gute Idee. Das kann auf Kosten der seelischen und körperlichen Gesundheit gehen und zum Beispiel zu Depressionen führen. Das gilt sowohl für Männer, die keinen angemessenen Weg finden, ihre Traurigkeit zuzulassen und auszudrücken, als auch für Frauen, die nicht offen wütend sein dürfen.

Mehr weibliche Wut!

Doch Wut ist nicht immer zerstörerisch. Sie kann auch ein nützlicher Antrieb sein. Sie hilft dabei, die Welt zu verändern. Nämlich dann, wenn es jede Menge guter Gründe gibt, unfassbar wütend zu sein – und Wut der Anlass ist, aktiv zu werden.

Wie die Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde schon 1981 schrieb: „Jede Frau verfügt über ein gut gefülltes Arsenal an Wut, mit dem sie gegen die Unterdrückungen angehen kann, die diese Wut verursacht haben. Zielgerichtete Wut setzt Kraft und Energie frei, die dem Fortschritt und der Veränderung dienen.“

Denn bei den ungefähr 10.000 Dingen, die Frauen in der Gesellschaft irgendwie hinnehmen sollen, ist Wut ist normal, gesund und vor allem angebracht.

Auch die Autorin und Aktivistin Soraya Chemaly schreibt in ihrem Buch Speak out! Die Kraft weiblicher Wut, dass Wut das Gefühl ist, „mit dem wir uns am besten gegen Gefahren, Ungerechtigkeiten und Diskriminierung verteidigen können“. Und weiter: „Indem Frauen und Mädchen dieses Gefühl verstehen und es systematisch einzusetzen lernen, vollziehen sie den Schritt von Passivität, Angst und Rückzug hin zu Aufklärung, Aktivismus und Wandel.“

Ja, auch Wut hat einen Platz am großen Tisch der vielen Gefühle verdient. Und uns dabei etwas Wichtiges zu sagen. Eins ist also klar: Wenn diese Welt ein bisschen besser werden soll, braucht sie dringend mehr weibliche Wut, verdammte Axt!

Links und Infos:

Bücher:

Studie „Gender and Anger“: https://www.cambridge.org/core/books/abs/gender-and-emotion/gender-and-anger/F9E35025D52E0B0247E209D4970A131E

Studie zu „Self Silencing“: https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/0020764018814271

Artikel Deutschlandfunk: Wer Wut unterdrückt, kann depressiv werden

Wenn wir in unseren Texten von Frauen und Mädchen sprechen, beziehen wir uns auf die strukturellen und stereotypen gesellschaftlichen Rollen, die alle weiblich gelesenen Personen betreffen.

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