Bei einem der letzten Heimspiele waren die Toilettenwände mit Flyern zugeklebt. Darin stand die plakative Aufforderung, sich gegen Sexismus, Rassismus, Behinderten, Homo- und Transfeindlichkeit in der Fanszene gerade zu machen. Ich überflog ihn, sagte zu meiner Freundin zuerst „Gut!“ und dann „Na hoffentlich hängen die auch auf dem Männerklo“. Die haben meiner Erfahrung nach solche Hinweise im Schnitt nämlich nötiger als die Frauen.

Als wir zurück zu unserem Platz kamen, diskutierten Vera und Klaus* wild. Wegen des Flyers. Klaus war durch ihn nicht motiviert, sich bei Diskriminierungen im Stadion einzumischen, Klaus war wütend. Die Frauenquote ist scheisse, das sagt seine Frau auch. Und schwul ist jawohl nicht diskriminierend gemeint, sondern nur beleidigend. Außerdem: Was soll überhaupt dieser Quatsch mit der Transgendertoilette?

Der Flyer findet für diesen Fall klare Worte: „Wenn du das nicht verstehen willst, hau ab.“ Und auch ich kriegte erstmal Puls. Weil es mich wütend macht, dass so oft die Privilegiertesten am wenigsten nachdenken (müssen), aber dafür am krassesten meinen: ‚Lalala, ihr stellt euch vielleicht alle an, die Welt ist doch cool, wie sie ist.‘

Aber ich sitze seit Jahren neben Klaus, ich mag ihn und ich will gar nicht, dass er abhaut. Ich wünsche mir nur, dass er den Flyer ernst nimmt. Also diskutierte ich mit. Vera und ich versetzten ihn durch zahlreiche persönliche Beispiele in die Lagen von Frauen, die von Männern angemacht, begrabscht, beleidigt etc. werden, wir erzählten von dem Scheiss, mit dem sich Transgender-Personen rumschlagen müssen, z.B. auf Toiletten, und von Menschen mit Behinderung, die mithören, wie jemand etwas, das sie sind, als Beleidigung benutzt. Am Ende hatten wir alle rote Bäckchen vom Diskutieren, wir waren nicht in allem Punkten glatt (Frauenquote und Rudi Assauer), aber fanden alle, dass Gerademachen, wenn wir Diskriminierungen mitbekommen, sein muss. Der Flyer hatte also sein Ziel erreicht, über einen guten Umweg.

Hätten wir nicht diskutiert, hätte Klaus vielleicht auf dem Nachhauseweg aus Trotz politisch unkorrekte Wörter vor sich hin gesagt, weil er sich vom Ton des Flyers geschulmeistert gefühlt hatte. Das konnte ich sogar ein bisschen nachvollziehen, denn ich habe da auch nicht auf Anhieb Interesse herausgelesen, sich gemeinsam und wohlgesonnen für eine bunte, aufgeschlossene Gemeinschaft einzusetzen. Nee, ich hatte eher, wie auch in vielen anderen Diskussionen den Eindruck, dass mit harten Bandagen um den Credibility-Preis für die am krassesten durchgezogene politische Einstellung und Lebensweise gekämpft wird. Ich kann gut verstehen, dass bei diesen Themen vonseiten derer, die schon so lange politisch aktiv sind, viel Wut und Genervtheit mitschwingen, sich IMMER NOCH damit rumschlagen zu müssen. Aber das hilft ja auch nix.

Leuten, die sich aufgrund eines Defizits an Empathie und Gedanken und nicht aus Überzeugung wie Ärsche verhalten, so zu behandeln, als hätten sie gerade mit einem großen Panzer eine Grundschule plattgemacht und auf dem Weg dorthin eine Herde Eselbabys überfahren, finde ich zwar bisweilen auch verlockend, aber leider nicht zielführend. Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann, dass wir alle das Patriarchat und den Kapitalismus als Wurzeln allen Übels empfinden und es weder Klimawandelleugner noch Nazis gibt. Aber leider gibt es sie und Monsanto und Aluhüte und Maskulinisten, die alle die größten Stinkefinger verdient haben. Aber es gibt eben auch die Nichtarschgeigen, die eher einen Zeigefinger bräuchten, der ihnen auf die Schulter tippt und sagt: ‚Äh, nee, das finde ich richtig blöd von dir, sieh das doch mal so, etcpp..‘ Dann bekommt die Nichtarschgeige nämlich statt heißer Wutohren vielleicht neue Gedanken und antwortet: ‚Stimmt. Das hab ich so noch gar nicht gesehen.’

Und da mein erster Wunsch leider unerfüllbar ist, wünsche ich mir, dass ich immer weiß, welcher Finger gerade der Richtige ist.

*Klaus und Vera heißen anders.