Wenn man sich so durch die eher konservativen Medien liest und durch die Timelines der entsprechenden Protagonist*innen auf Twitter, Facebook und anderswo scrollt, dann könnte man glatt auf die Idee kommen, sie wäre längst im Gange: Die feministische Weltrevolution. Und nicht nur das: Offenbar ist sie die letzten Jahre derartig vorangeschritten, dass sie unaufhaltsam und praktisch schon durchgeführt ist. Die Weltherrschaft ist zum Greifen nah, es kann sich nur noch um Wochen handeln.

„Hysterische Feministinnen“ shitstormen vor dem Hintergrund von #MeToo wichtige Männer aus ihren beruflichen und gesellschaftlichen Positionen, fordern so abseitiges Zeug wie die Abänderung der Nationalhymne und verhelfen „schrillen Minderheiten“ zu einer Art Meinungsdiktatur über die bürgerlich-konservative Mehrheit. Die Mittel, die sie zu diesem Zweck einsetzen, sind Identitätspolitik, „Rumopfern“ und „Denkverbote“. Alle müssen plötzlich einer betroffenen Minderheit angehören, sonst darf man nichts mehr sagen. Über Greta Thunberg darf man keine Witze mehr machen, SUV fahren ist nicht mehr cool und Fleischessen wollen sie demnächst auch noch verbieten.
Dass diese Ansichten zur gesinnungstechnischen Grundausstattung von Pegida und AfD gehören, ist alles andere als eine Neuigkeit. Deswegen sollen die hier auch nicht Thema sein. Stattdessen sind es Menschen, die sich mal als konservativ, mal als progressiv verstehen, dabei aber immer für sich in Anspruch nehmen, aufgeklärt, kritisch und realistisch zu sein. Zugleich sind sie entgegen aller Belege der Auffassung, ihre Meinung würde nicht gehört und sie müssten sich gegen eine Art marxistische Weltverschwörung verteidigen.

Ihnen gehen die emanzipatorischen Bemühungen des Feminismus in den letzten Jahren zu weit. Sie finden die Gleichberechtigung von Mann und Frau irgendwie wichtig und zum größten Teil auch schon erreicht, verwahren sich dafür aber umso mehr gegen das, was sie Gleichmacherei, Prüderie und Meinungsdiktatur nennen. Auf diesen von ihnen identifizierten Komplex feuern sie aus allen Rohren. Warum eigentlich? Und warum wird dabei so mit Kanonen auf Spatzen geschossen?

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir uns vergegenwärtigen, dass wir nicht nur in einem postfaktischen Zeitalter von gefühlten Wahrheiten leben, sondern auch im Zeitalter der projektiven Bezichtigung: Wir werfen Menschen vor, mit genau den Tricks falsch zu spielen, die wir selbst benutzen, und legitimieren unser eigenes Handeln, indem wir unsere eigenen unlauteren Motive anderen unterstellen. Das gilt für so ziemlich alle Debatten im öffentlichen Diskurs. So ist es auch zu erklären, dass ein Journalist sich in der Position des Underdogs wähnt, wenn er in einem deutschen Leitmedium den Konsum von Fleisch verteidigt.


Wahrscheinlich geht er dabei zu Recht davon aus, dass Menschen, die bewusst auf den Konsum von Fleisch verzichten, ihn für diesen Text kritisieren. Aber es ist schon eine bemerkenswerte Verzerrung der Tatsachen, an dieser Stelle so zu tun, als würde die überwältigende Mehrheit in diesem Land kein Fleisch konsumieren und als betrüge der jährliche Durchschnitts-Pro-Kopf-Verbrauch nicht über 60 kg. Fleischkomsum wird hier zu einem „Das wird man ja wohl noch essen dürfen“ stilisiert. Während die Mehrheit hierzulande genüßlich Brot mit Wurst belegt und Schnitzel verspeist, erklärt ein Apologet dieser Mehrheit Fleischessen zum Akt des Widerstandes. Aber wogegen? Wieso regt sich dieses Land wochenlang darüber auf, dass der Betreiber zweier Leipziger Kitas Schweinefleisch vom Speiselan streicht?

Eine bemerkenswerte Verzerrung von Tatsachen, genauer gesagt von einem Kinderbuch, betreibt auch die Kabarettistin Lisa Eckhart mit ihrem bei dem beschriebenen Klientel sehr erfolgreichen Rant gegen den Regenbogenfisch. Eckhart beschreibt eine Situation, in der die anderen Fische, den Regenbogenfisch aufgrund seiner Besonderheit mobben und ihn dazu zwingen, seine bunten Schuppen mit ihnen zu teilen. Eckhart kritisiert damit Konformismus und Gleichmacherei.


Es steht ihr selbstverständlich (künstlerisch) frei, das zu tun. Nur stimmt es halt nicht. Was Eckhart den anderen unterstellt („Ganz klar für die anderen eine eitle Sau, die weggemobbt werden muss.“), liest sich im Buch deutlich anders.

Und ihre Zuspitzung „Sie isolieren ihn wie einen Pestkranken, lassen ihn völlig vereinsamen und dann schicken sie ihm ein kleines Fischchen…“ liest sich im Original so:

Interessanterweise reiht sich Eckhart damit in der Konformität derjenigen ein, die anderen Konformität unterstellen. Sie wählt einen gleichmachenden Ansatz, um wie viele andere vorgebliche Gleichmacherei zu kritisieren. Ihr Kollege Dieter Nuhr hat damit richtig Presse gemacht. Mit kritischen Witzen über Greta Thunberg, die man ja nicht mehr kritisieren darf. Richtig gefährlich also. Anschließend hat er sich sogar mit einem Text an die Öffentlichkeit gewagt, in dem er klargestellt hat, dass Thunberg nicht den Friedensnobelpreis bekommen sollte. So viel Mut, die Meinung von 85% der Bevölkerung laut auszusprechen, muss man auch erstmal aufbringen. Und die Kritik an einer „Satire“, die nach unten tritt und sich völlig blind für die herrschenden Machtverhältnisse gibt, ist sicher auch hart. Warum sollte man sich als tapferer Mehrheitssatiriker auch mit Einwänden abgeben, die darauf hinweisen, dass eine Minderjährige, die in Puppengestalt am Strick von Brücken gehangen wird, womöglich nicht das geeignete Ziel für Spott ist?

Auf die Gefahr hin, dass mir trotzdem wieder eine gegenteilige Behauptung unterstellt wird: Selbstverständlich kann Dieter Nuhr diese Witze machen und damit Geld verdienen. Das ist sein Recht. Man mag das widerlich oder unsatirisch finden, aber darum geht es hier nicht. Es geht um den Gestus der angeblich Zurückgedrängten, die sich über Maulkörbe und Denkverbote beschweren, während man ihnen jede nur erdenkliche Gelegenheit bietet, ihre Meinung zu artikulieren. Es ist derselbe Gestus, mit dem der Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner Medien vorwirft, sie „würden mehrheitlich nicht die Realität abbilden, sondern verschweigen und verharmlosen„, während er zugleich die Position des Präsidenten des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger innehat. Im Windschatten von diesem Gestus wird wieder in die Vollen gegriffen. Dann ist Rassismus nicht mehr das Problem, sondern „umgedrehter Rassismus“, der es wagt, Weiße auf strukturelle Diskriminierung hinzuweisen.

Dann sind die Bemühungen um geschlechtergerechte Sprache und Gender Studies an Hochschulen total furchtbar, aber der Umstand, dass an keiner der 44 größten deutschen Hochschulen Geschlechterparität herrscht, egal.
Dann ist es legitim, Minderheiten eine Diktatur der vorgeblichen oder tatsächlichen Diskriminierungserfahrung zu unterstellen, ohne auch nur den Anschein zu erwecken, diese Diskriminierung verurteilen oder gar beseitigen zu wollen.

Die „Weltherrschaft des Feminismus“ wird also nur deshalb ausgerufen, damit man noch deutlicher zur patriarchalen Tagesordnung übergehen kann. Die Mehrheit, die der Minderheiten unterstellt, zu häufig die Opferkarte zu spielen, hat sie dabei für sich selbst als Trumpf entdeckt. Sie appeliert an Vernunft und Mäßigung, während tausende Menschen Worte und Waffen schärfen. Sie sagt Sachen wie „dieser Anschlag trifft uns alle“ und weigert sich dabei zur Kenntnis zu nehmen, dass Anschläge in Wahrheit immer den Gleichen gelten, die dafür zu wenig Solidarität und Schutz erfahren. Sie erklärt Gleichberechtigung für erreicht und Diskriminierung für beendet, ohne die tatsächlich dafür notwendige Arbeit leisten zu wollen. Und spuckt noch denen in den Nacken, die sich darum bemühen.
Mut sieht anders aus.