5 Millionen Euro. 1,25 Millionen über 4 Jahre verteilt. So viel Geld bekommt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, um eine Studie über die seelischen Folgen von Abtreibungen anfertigen zu lassen. Dieser Deal ist offenbar Teil des ausgehandelten Kompromisses zwischen SPD und CDU/CSU zum §219a. Und das ist auf so vielen Ebenen ein Schlag ins Gesicht aller Betroffener, dass man überhaupt nicht weiß, wo man anfangen soll. Vielleicht bei den kläglichen Resten dessen, was sich unter gewissen Umständen als positiv identifizieren ließe:

Das Anfertigen von wissenschaftlichen Studien ist grundsätzlich eine gute Sache.

Fakten zu eruieren, Zusammenhänge zu erkennen, Wissen zu mehren und daraus verantwortungsbewusst Schlüsse zu ziehen – dafür sind solche Untersuchungen eigentlich da. Nichts davon trifft auf die mit diesem satten Budget ausgestattete Studie zu. Stattdessen ist sie ein überteuertes Politikum, ein Trostpflaster mit Eurozeichen für diejenigen, die in der Debatte um die Paragrafen 218 und 219a nichts gegen eine Streichung vorzubringen haben. Denn diese Studien gibt es bereits. Ihnen zufolge leiden Frauen tatsächlich. Und zwar entweder darunter, dass man ihnen einen Abbruch verweigert, oder darunter, dass sie wegen eines Abbruchs gesellschaftlich stigmatisiert werden. Systembedingte Spätfolgen von Schwangerschaftsabbrüchen sind hingegen nicht bekannt.

Vielleicht hat Jens Spahn ja einfach keinen Bock, die entsprechenden Studien zu lesen, weil sie auf Englisch sind. Kellner*innen, die ihn in der Hauptstadt nicht in seiner Muttersprache ansprechen, nerven ihn ja auch. Vielleicht fällt ihm seine eigene Bigotterie auch nicht auf, obwohl sie vielen anderen förmlich ins Gesicht springt. Zur Erinnerung: Seine Kabinettskollegin, Bildungsministerin Anja Karliczek, möchte Studien darüber anfertigen lassen, was es für Auswirkungen auf Kinder hat, bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufzuwachsen. Auch diese Studien gibt es bereits dutzendfach – und diese genügen dem bekanntermaßen adoptionswilligen Jens Spahn. Er ist sich eben konsequent selbst der Nächste.

Auf jeden Fall scheint Jens Spahn nicht zu wissen wovon er redet,

wenn er in Interviews davon spricht, man müsse unbedingt verhindern, dass „auf Großflächen, in Anzeigen und in Flyern für Abtreibung“ geworben wird. Also schauen wir uns an wie die Dinge liegen, allerdings nicht ohne ausdrückliche Triggerwarnung.

In den meisten Großflächen, in Anzeigen und in Flyern findet sich nämlich, wenn überhaupt, dann Anti-Abtreibungsreklame. Die dahinterstehende Lobby kann praktisch machen, was sie will, ohne dafür belangt zu werden – auch in Deutschland. Der Verein Durchblick, für den sich unter anderem der CDU Abgeordnete Philipp Amthor engagiert, verschickt beispielsweise gerne kleine Plastikföten und mahnende Briefe per Post an politische Entscheidungsträger*innen. Einer der beiden Männer, die gerne Ärztinnen und Ärzte wegen „Werbung für Abtreibung“ anzeigt, ist der Betreiber der Webseite Babycaust, die Schwangerschaftsabbrüche mit dem Holocaust vergleicht.

Eine andere Seite mit dem Namen Kindermord schreckt nicht davor zurück, die Schrift am Tor von Auschwitz in ABTREIBEN MACHT FREI abzuändern. Alles gedeckt von dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Auf der Petitionsplattform Civil Petition findet sich eine Petition gegen Werbung für Abtreibung – mit entsprechender Bebilderung.

Dürfen die das? Aber ja doch: Ist ja schließlich nur Werbung für Abtreibung in einer Werbung gegen Abtreibung. Betreiber dieser Petitionsplattform ist übrigens der Verein Zivile Koalition. Erste Vorsitzende des Vereins: Die AfD Politikerin Beatrix von Storch. Vorbild dafür sind große US-amerikanische Kampagnen, die es nämlich längst nicht nur auf die Billboards geschafft haben,

sondern auch auf infame Weise, die Schwangerschaftskonfliktberatung von Planned Parenthood denunzieren, indem sie eine Werbung für Abtreibung in ihrem Namen vortäuschen, um moralische Entrüstung zu produzieren.

Und apropos Schwangerschaftskonfliktberatung: Der deutsche Verein Pro Femina, der nicht ganz zufällig wie Pro Familia klingen will, bietet mit seiner Kampagne 1000plus und einem Jahresetat von 3 Millionen € aus Spenden angeblich genau das an, obwohl kein Beratungsschein ausgestellt und dies den Beratungssuchenden verschwiegen wird. Den wollen sie auch gar nicht ausstellen, denn mit einem solchen könnten Betroffene ja tatsächlich einen Abbruch vornehmen lassen. Deshalb nennt der Vereinsvorsitzende den Schein auch in Interviews „Tötungslizenz„.

Das sind die Pflanzen, die auf dem deutschen Konzept von Zwangsberatung und „Werbeverbot gedeihen: Bestens finanzierte Vereine mit fancy Webseiten, die dem Papst und Peter Hahne gefallen und sich darüber hinaus nur oberflächlich die Mühe machen, ihre Anliegen zu verschleiern.

Und mit diesen Vereinen und anderen entsprechenden Organisationen die Art von „Informationen“ über Abtreibung, die man legal Verbreiten darf: Falschzitierungen, Lügen, Panikmache und derlei mehr.

Das leisten wir uns als Gesellschaft, da muss offenbar nicht eingegriffen werden.

Und weil wir im Gegensatz zu selbsternannten „Lebensschützern“ ein reales Interesse an einer faktenbasierten Debatte haben, zeigen wir an dieser Stelle tatsächliche Werbung für Abtreibung. Die gibt es nämlich in China und Südkorea wirklich. Teilweise schlimmer als das, was man sich hierzulande als Satire ausdenkt: In pink, im Brautkleid und mit Ansprachen wie „Wenn du sie liebst, gib ihr das Beste“ und „Tschüss Schmerz, Hallo Glück“.

„Schmerz- und sorgenfrei“, „Beende deine Schwangerschaft in 3 Minuten“ – das sind genau die Aussagen, die in Kombination mit Bildern von Abbrüchen als glamouröses Lifestyle Event in Deutschland verhindert werden sollen. Nur ging es darum überhaupt nicht, zu keinem Zeitpunkt. Es ging immer nur um Information. Und wenn Jens Spahn und seine Verbündeten endlich aufhören würden, sich in die Taschen zu lügen, und stattdessen mal ihre Hausaufgaben machten, dann käme dabei womöglich sogar eine sinnvolle, produktive Debatte heraus. Und eine sinnvollere Verwendung für 5 Millionen €.

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Quelle Beitragsbild: Marco Verch, flickr.