Es kann doch irgendwie nicht wahr sein. Wir haben 2016, ich leite eine Frauenrechtsorganisation und stehe in der Küche und fluche. Die Heißklebepistole tropft, die aus Birkenrinde ausgestochenen Sternchen haben sich gerade unlöslich mit dem Moos des Adventskranzes verheddert und die vermaledeiten Kerzen kippen ständig um. Meine britische Mutter hatte für so etwas ein perfektes Schimpfwort, das dann durch das gesamte Haus schallte: “For Christ’s sake, CHRISTMAS!”

Trotzdem konnte sie das alles besser als ich. Meine Mutter war professionelle Hausfrau. Während ich in der Schule war, verzauberte sie das Zuhause in einen magischen Adventsort, der duftete, glitzerte und saugemütlich war. Ich mache so etwas nach Feierabend, während die Kids beim Sport sind, mit dem Anspruch, alles zu schaffen, bevor sie zurückkommen. Damit ich große, glücklich strahlende Augen sehe und den Satz höre: “Oh wie schön das aussieht! Juhu, Advent!”

Und was macht derweil mein Liebster?

Ich gebe zu: Er legt die Wäsche zusammen, kauft ein und streicht mir ab und zu beruhigend über den Kopf, wenn ich brülle, dass ich das nie, nie, nie wieder machen will. Aber alles, was mit Weihnachten zu tun hat, ist fest in meiner Hand. Weil meine Kinder jedes Jahr, wenn ich vorschlage, dieses Jahr einen Adventskranz zu kaufen, sagen: “Oh nein, Mama, den musst du selber machen, sonst ist das nicht Advent!” Wenn ich sage, es gibt keinen Adventskalender, ich die enttäuschten Gesichter nicht aushalte und doch einen zusammenstelle. Weil, wenn mein Schatz die Weihnachtsgeschenke kaufen würde, ich immer etwas zu meckern und zu verbessern hätte. Und da Weihnachten genauso wie bei meiner Mutter zu Hause sein muss, stresse ich mich gewaltig.

Mein Schatz würde knallhart einen Kranz kaufen, den Adventskalender durch einen Schokokalender ersetzen und keine Sorgen haben, dass die Kinder dadurch emotionale Traumata erleben. Ha! Der hat ja auch gut reden. Das “Rabenmutter”-Stigma kann ihn ja auch nicht befallen. Meine Kinder würden mich vorwurfsvoll anschauen mit einem Blick, der sagt: “Du hättest uns retten können!” Und das Schlimme ist, das wirklich Schlimme, dass sie mich jedes Mal damit kriegen.

Ich habe den großen Fehler gemacht, die Latte viel zu hoch zu hängen. Bis zum fünften Lebensjahr meiner kleineren Tochter habe ich nur Teilzeit gearbeitet und hatte mehr Raum für die häusliche Gemütlichkeit. Und jetzt? Wie komme ich jetzt von diesem Wahnsinn wieder runter? Die Frage ist doch eher, warum ich nicht den Panzer meines Mannes tragen kann. “White male privilege” geht noch viel weiter als die offensichtlichen Privilegien in Beruf, Einkommen und Karrieremöglichkeiten. Männer haben oft nicht dieses hohe Verantwortungsgefühl, es allen recht und schön zu machen. Das hat nichts mit Genetik sondern einer vererbten Mutterrolle zu tun, deren Nicht-Erfüllung schmerzhafte Versagensängste auslösen kann. Wenn meine Kinder nicht den tollsten Advent überhaupt haben, würde sich das für mich wie ein Untergang anfühlen.

Sage ich so. Ich habe es noch nie ausprobiert, es anders zu machen. Sie selbst die Kränze und Gestecke bauen zu lassen und die aufgesparten Nerven für gute Laune und ein Spiel mehr am Abend zu verschwenden. Mir gemütlich ein Weinchen einzupfeiffen während Mann und Kinder den Heiligabend planen. “Weihnachten ist für Mütter wirklich hart”, sagte mein Vater immer, und schaute meine Mutter dabei mitleidig an. Ich hörte in dem Satz aber gleichzeitig: “Weihnachten muss für Mutter wirklich hart sein, dann machen sie alles richtig.” Denn sein Satz wurde nie ergänzt mit: “Dieses Jahr stelle ich mich in die Küche und koche.” Das hätte der Hausfrauen-Stolz meiner Mutter auch nie erlaubt. Mein Mann kocht Heiligabend, findet mich adventlich komplett überzogen und kommt aber auch nicht auf die Idee (wie auch, nach all den Jahren?), sich selbst um Nikolaus und Weihnachtsbäckerei zu kümmern. Aber wie sollen meine Töchter lernen, dass sie keine perfekten Adventsmuttis sein müssen, wenn ich nicht in den Streik gehe? Und er nicht übernimmt?

Lidl macht es einem auch nicht einfacher. Zwar weisen sie ganz klar darauf hin, dass Frauen zu Weihnachten zu wenig Dank erfahren. Aber die Glorifizierung der Weihnachtsmutti macht den jährlichen Leistungszwang auch nicht besser.

https://www.youtube.com/watch?v=gSOwOJyol4k

Wir haben einen Plan entwickelt: Er wird diesen Advent mit ihnen Kekse backen, Überraschungskekse. Ich kämpfe noch ein bisschen, ob die dann auch wirklich schön genug für die kleinen Tütchen werden, die wir den Nachbarn geben und den Großeltern ins Päckchen packen. Aber ich werde es mal ganz mutig darauf ankommen lassen.

Ich hätte heute wahnsinnig gerne eure Meinungen dazu. Ist das alles bei euch kein Thema? Wie macht ihr das Zuhause? Feiert ihr eher Bayram und kennt auch diesen Stress? Share the load, girls* (and boys*). Hallelujah!

Eure Stevie