Kurz bevor wir letztes Jahr den Laden für die Feiertage dicht gemacht haben, landete bei uns noch ein Flyer mit dem verärgertem Kommentar einer Hamburger Lehrerin auf dem Tisch: Alkoholprävention schön und gut, aber DAS geht zu weit. Was genau zu weit ging war sehr schnell klar: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung geht mit einer großangelegten Kampagne an die Schulen, um bei Jugendlichen Aufklärungsarbeit in Sachen Alkohol zu leisten. So weit, so richtig und wichtig. Wie genau das allerdings umgesetzt wurde, fanden wir dann doch ausgesprochen problematisch.

Erst Beautyqueen, dann Partyluder? Was genau bedeutet das? Ohne Alkoholkonsum sind Mädchen Beautyqueens und wenn sie sich einen Rausch antrinken, dann Partyluder? Bei allem Verständnis für eine zielgruppengerechten Ansprache mit Begriffen, die die Welt von Jugendlichen abbilden soll:

Hier wird in alle möglichen Richtungen beschämt – und das auch noch mit gesundheitsgefährdenden Klischees. Es ist nun wirklich keine Neuigkeit, dass der Beautywahn und der Zwang zu einem normschönen, überschlanken Körper bei heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen zu gesundheitlichen Problemen führen kann. Ebenso wenig wie es eine Neuigkeit sollte, dass niemand für seine Sexualität beschämt werden sollte. Dass Alkohol enthemmend wirkt und gerade junge Menschen dafür anfällig sind, in der Gruppe Drinks bis weit über die Grenzen der eigenen Selbstkontrolle zu zu konsumieren, ist klar. Deswegen ist diese Präventionsarbeit ja auch so wichtig. Das ändert aber nichts daran, dass man niemandem – schon gar nicht jungen Frauen und Mädchen – damit einen Gefallen tut, sie mit dem Begriff „Partyluder“ abzuwerten.

Mag sein, dass Partyluder für einige umgangsprachlich eine junge Frau ist, „die überaus häufig bei Feiern und Festen in Prominentenkreisen anwesend ist“ und sich erhofft, dadurch selber eine gewissen Prominenz zu erlangen. Erstens ist dieses Vorgehen nicht an sich verwerflich und auch nicht zwingend an Enthemmung durch Alkohol gekoppelt. Und zweitens sollten wir dabei nicht die tatsächliche Bedeutung des Wortes Luder vergessen.

Ein „Luder“ ist ebenso aber umgangssprachlich eine Frau, die sehr freizügig mit ihrer Sexualität umgeht und – wie ein totes Tier – als nicht respektabel wahrgenommen wird. Ein „Freiwild“, sozusagen, oder aber Männer betörendes Weib. Promiskuitive Sexualität als „Hure“ neben der „heiligen“ Beautyqueen? Sollten wir da nicht längst weiter sein?

Eine solche Aufteilung hat in einer Kampagne zur Förderung der Gesundheit und zur Alkoholprävention nichts zu suchen. Und auch mit anderen Begriffen aus der Kampagne liegt die BZgA daneben.

Zwischen Alleskönner und Lauch passt anscheinend nicht viel. Ohne Alkohol ist man Mädchenschwarm, betrunken dann ein Vollpfosten. Und für die Mädchen ist die höchste Stufe auf der Statusleiter anscheind mit Prinzessin schon erreicht. Wer sich einen Rausch antrinkt, läuft Gefahr zur Dramaqueen zu werden. In einer Gesellschaft, die Mädchen ständig dazu auffordert leise zu sein, sich zurückzunehmen, nicht zu viel Raum einzunehmen und bloß kein Drama zu veranstalten, besteht gesundheitliche Aufklärung also darin, ihnen klarzumachen, dass Dramaqueen kein erstrebenswertes Label ist? In einer Gesellschaft, die im Dutzend Artikel darüber produziert, was die Zicken von GNTM heute so machen und Frauen und Mädchen, die ihre Meinung äußern mit „Sag mal, hast du deine Tage oder was?!“ abfertigt, soll das die richtige Ansprache sein?

Wir sind da anderer Meinung.

Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen – Sie bekommen nichts.

schrieb Simone de Beauvoir. Und in diesem Sinne befürworten wir zwar Aufklärungskampagnen wie Klar Bleiben.

Aber nur wenn die die Verantwortlichen auch in ihrer Ansprache und in ihrer Diskriminierungsfreiheit klar bleiben. Die BZgA hat angekündigt, ihre Motivauswahl zu überdenken.

 

Wir hoffen, dass es nicht nur bei der Ankündigung bleibt, sondern dem auch Taten folgen.

+++ EDIT (17.01.2019, 10:55 Uhr): Die BZgA hat sich auf unsere Kritik hin entschuldigt und will die Motive nicht weiter verwenden. Wir haben ihnen unsere Beratung angeboten, damit so etwas in Zukunft nicht mehr passiert. +++

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