Letzte Woche haben wir euch mit Stevies Blogtext „Hijabees Welcome“ einen Beitrag präsentiert, der ziemlich kontrovers diskutiert wurde – so wie wir es geplant hatten. Es gibt Verwerfungslinien innerhalb feministischer Debatten, die so strittig sind, dass sich um sie herum unversöhnlich positioniert wird. Wenn wir diese Themen öffentlich angehen, bedeutet das meistens, dass sich einige Menschen von uns abwenden. „Wenn ihr so denkt, kann ich euch nicht mehr unterstützen“ heißt es dann, wenn wir jemanden mit unseren Ansichten enttäuscht haben. Das ist einerseits schade, weil wir Unterstützung wirklich gebrauchen können. Andererseits sind wir nicht angetreten, um es allen recht zu machen oder um uns ständig aus Kontroversen herauszuhalten. Momentan gibt es einfach zu viele Themen, die angesprochen werden müssen. Da können wir nicht einfach auf business as usual in unserer kleinen Pinkstinks Welt setzen.

Und genau deshalb machen wir da weiter, wo wir letzte Woche aufgehört haben.

Momentan sind Forderungskataloge schwer angesagt. Terre des Femmes hat einen, genau wie die EMMA. Beide wollen, dass geflüchtete Frauen besonders geschützt werden. Dagegen ist nichts, aber auch gar nichts einzuwenden und dies nur zu unterstützen. Allerdings haben wir ein Problem mit der Sprache, in der diese Forderungen erhoben werden, und mit der Instrumentalisierung der gegenwärtigen Situation. Fremdenfeindliche Ressertiments werden hierfür nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern bewusst adressiert. Aber der Reihe nach: Zunächst erschien eine Pressemitteilung der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes mit der scheinbar „neuen“ Forderung, geflüchtete Frauen besonders zu schützen. Angesichts der Tatsache, dass das BMFSFJ schon vor über 10 Jahren eine Studie herausgebracht hat, die unter anderem explizit auf die Gewalterfahrungen von „Flüchtlingsfrauen“ eingeht, waren wir doch etwas überrascht.

Die EMMA legte 2 Wochen später nach. Ihrem Forderungskatalog ging ein Artikel vorweg, in dem über die Gefahren für geflüchtete Frauen gesprochen wird. Es wurde Elisabeth Ngari zitiert, die mit ihrer Kampagne „Women in Exile“ schon vor einem Jahr mit Flößen auf Deutschlands Flüssen unterwegs war, um auf die Bedingungen für Flüchtlingsfrauen hinzuweisen. Dafür erntete sie viel Presseaufmerksamkeit, den taz-Panterpreis, wurde unser Role Model des Monats und es kam Bewegung in die Planung der Unterkünfte für Geflüchtete. EMMA fand das damals anscheinend nicht so spannend. Aber jetzt. In Zeiten von steigendem Fremdenhass im Allgemeinen und antimuslimischem Rassismus im Besonderen nutzt EMMA nun Ngaris Aktionen, um auf die „aktuellen Gefahren“ durch muslimische und vor allem syrische Flüchtlinge hinzuweisen. „Deutsche Frauen machen sich Sorgen“ heißt es da. Und während man wichtige Forderungen zum Schutz von Frauen erhebt, beschwört man zugleich das Bild vom ständig übergriffigen muslimischen Mann herauf. „Auch unsere Gleichberechtigung ist in Gefahr, wenn jetzt Hunderttausende meist junger Männer in unser Land strömen.“

Es ist schon erstaunlich, wer diese Befürchtung momentan so oder so ähnlich formuliert. Erika Steinbach zum Beispiel.

Menschen, denen Gleichberechtigung bislang herzlich egal war, entdecken ihr Herz dafür und haben auf einmal ganz viel gegen das Patriarchat. Und während Björn Höcke von der AfD noch davon schwafelt, dass „wegen der ganzen Flüchtlinge die Angsträume von blonden Frauen immer größer werden“, wird in Köln die OB-Kandidatin Henriette Reker wegen ihrer Flüchtlingspolitik mit einem Messer attackiert und schwer verletzt.

Die rote Linie ist schon längst überschritten. Und zwar nicht nur da, wo Forderungen nach Gleichberechtigung und mehr Schutz für Frauen für nationalistische Interessen benutzt werden, sondern auch da, wo man geflüchtete Menschen zur Durchsetzung der eigenen Vorstellungen von Gleichberechtigung und mehr Schutz für Frauen instrumentalisiert. Daher lautet unser Forderungskatalog etwas anders als die bisher genannten:

Hört bitte auf, deutsche Frauen zu generalisieren!
Hört bitte auf, muslimische Männer zu generalisieren!
Hört bitte auf, Islam und Islamismus zu vermischen!
Hört bitte auf, anderen zu sagen wie sie ihre Religion aufzufassen haben und mit welchen Symbolen sie sie (nicht) bezeugen dürfen!
Schluss mit der einseitigen Markierung von Migranten als gewalttätig!
Macht Aktivist*innen mit Migrationshintergrund bitte sichtbar!

Es ist möglich und nötig, anders über diesen Themenkomplex zu schreiben. Es ist möglich und nötig, anders über diesen Themenkomplex zu sprechen.

Davon sind wir überzeugt und deshalb ist es uns auch wichtig, uns zu positionieren – auch wenn das bedeutet, dass wir die Unterstützung derjenigen verlieren, denen wir durch diese Positionierung klar machen, wie sehr sie in manchen Punkten eine andere Auffassung als wir vertreten:

Wir haben Gleichberechtigung nicht besser verstanden als Migrant*innen.
Wir sind nicht feministischer, weil wir keine Kopftücher tragen.
Wir reden über Religion nicht nur in repressiven Kontexten.
Und eine Bevormundung durch eine andere zu ersetzen, ist nicht die Lösung. Auch nicht durch eine, die sich feministisch nennt.