In Zeiten der Flüchtlingsdebatte beängstigen mich die vielen Vorurteile, die man auch in feministischen Kreisen zu hören und zu lesen bekommt. „Jetzt kommen diese ganzen muslimischen Männer mit ihrem Frauenhass hierher! Wo bleibt da der Feminismus?“ oder „Jetzt kommen diese ganzen Frauen mit ihren Kopftüchern, die nicht verstehen, dass sie unterdrückt sind!“ Solche und ähnliche Kommentare bekommen wir häufig auf Facebook und per Email. Wir sollen uns dazu verhalten. Aber gerne doch.

Vor kurzem posteten wir ein kurzes Video, um zu zeigen, wie verschieden Frauen sind, die den Hijab tragen. Das gängige Vorurteil der wenig gebildeten, unterdrückten Frau, die vor ihrem Mann kuscht, wollten wir dringend widerlegen. Im Film sagte eine lebenslustige Modebloggerin, sie wolle mit ihren fröhlichen Videos anderen Frauen helfen, ihren Hijab nicht auf Druck der Gesellschaft abzulegen. Denn auch sie erleide diesen Druck, liebe aber ihren Hijab und hätte Angst (sagte sie lachend), was passiere, wenn sie ihn abnehme. Daraufhin ernteten wir viel Kritik: Da hätten wir es doch! Wie könnten wir so eine Frau verteidigen wollen? Wie kann das Kopftuch NICHT frauenfeindlich sein, wenn Frauen Angst eingebläut wird vor einer ominösen Gefahr, sollten sie ihr Haar zeigen?

Um als nordeuropäische Christin nicht für muslimische Frauen sprechen zu müssen, habe ich meine Freundin Yasmene Shah gefragt. Die pakistanisch-irische medizinische Journalistin ist als Muslimin aufgewachsen, hat aber erst im Erwachsenenalter das Kopftuch angelegt und fühlt sich damit sehr wohl. Als ich noch als Studentin mit ihr zusammen wohnte (sie machte ihren PhD in Neuroscience) hat sie auch damals keinen Alkohol getrunken, halal gegessen und fünfmal am Tag gebetet. Ich sah sie dadurch in keiner Weise unterdrückt, im Gegenteil, ich bewunderte ihre Disziplin, sich fünfmal am Tag zur meditativen Achtsamkeit zurück zu ziehen. Sie hat sich durch das Kopftuch nicht verändert. Trotzdem reagierte ich empfindlich, als ich sie erstmals mit Kopftuch sah. Sie war die erste enge Freundin in meinem Leben, die Kopftuch trug, und „I had to get my head round it“, wie man auf Englisch sagt. Es ging schnell. Als ich ein paar Jahre später mit ihr auf einem Ball war, für den ich mich in ein unfassbar enges Kleid gepresst hatte und mit sehr hohen Schuhen nicht gut tanzen konnte, beneidete ich sie um ihre Abaya, in dem sie nicht weniger Spaß zu haben schien als ich – im Gegenteil. UND sie hatte den spannenderen Mann an ihrer Seite.

Man könnte mich fragen: Was würde passieren, wenn ich das Kleid und die Schuhe gegen lockere Kleidung getauscht hätte? Ich hätte mich nicht wohl gefühlt. Hosenanzüge auf Bällen sind nicht so mein Ding. Oder anders: Die gehen gar nicht, sagt mein Gefühl. Ich liebe es, mich sehr traditionell feminin heraus zu putzen. Ich liebe und ich hasse es. Ich habe die Wahl, aber irgendwie habe ich sie nicht – englische Bälle, so ist das in meinem Kopf, haben was mit Cocktailkleidern zu tun. Diese unglaubliche Enge teile ich sicher mit dem Großteil der nordeuropäischen Frauen, sonst würden sich Frauenzeitschriften nicht in Masse verkaufen. Und wir maßen uns an, muslimische Frauen und ihre Kleiderwahl zu bewerten?

Es ist dringend Zeit, genauer nachzufragen und hin zu schauen. Und damit meine ich #schauhin im Sinne der Kampagne gegen Alltagsrassismus. Feminismus darf nie in Rassismus ausarten – darauf sollten wir diese Monate besonders achten, nicht darauf, ihn weiter anzuheizen.

Mein Interview mit Yasmene seht ihr hier, ich habe es nicht gekürzt, um sie ausreden zu lassen. Sicher gibt es andere Sichtweisen als ihre, aber sie gibt viele Argumente wieder, warum deutsche Feministinnen aufhören müssen, Frauen mit Kopftuch zu bewerten. Da ich immer zu schnell spreche und Yasmene mit Londoner Akzent spricht, werden wir in den nächsten Wochen versuchen, das Video zu untertiteln.

 

 

Zurück zu der Modebloggerin: Sie sagte in dem kurzen Video nie, wovor sie wirklich Angst hatte. Vor der Strafe Gottes, davor, dass sie anfangen würde, Alkohol zu trinken oder ihre Sicherheit, ihre Basis, den Boden unter den Füßen zu verlieren – das haben die aufgeregten Facebook-Kommentator*innen nie erfahren, aber die Antwort war für sie klar. Mit Kübra Gümüsay und co. kann ich nur immer wieder wiederholen: Bitte #schauhin. Fragt nach. Kommt ins Gespräch. Und hört auf, Hijabees in eine Schublade zu stecken.