In den letzten Tagen wurde ein Streitgespräch zwischen Alice Schwarzer und Margarete Stokowski in der feministischen Filterblase viel herumgereicht. Auch wir haben dieses Interview auf Facebook geteilt, weil es interessant und aufschlussreich ist, diese beiden Vertreterinnen sehr unterschiedlicher Feminismen beim Ausloten von Konfrontations- und Bündnispotential zu beobachten.

Dabei wurde von Alice Schwarzer wieder einmal thematisiert, dass sie sich zu Unrecht mit dem Vorwurf des Rassismus überzogen sieht. Und in der Tat begleitet dieser Vorwurf sie schon eine ganze Weile. Weil sie mit ihrer kompromisslosen Vision von Frauenförderung zwar einerseits durch die jahrzehntelange harte Schule linker Vereinnahmungsversuche gegangen ist, welche die „Frauenfrage“ immer nur als Nebenprodukt der „Klassenfrage“ gesehen haben. Andererseits dabei aber immer wieder Mehrfachdiskriminierungen ausblendet, indem sie gesellschaftliche Prozesse auf die „Frauenfrage“ reduziert. Die Antwort auf die Frage, ob und wenn ja inwiefern das jetzt genau rassistisch ist, würde bei weitem den Rahmen dieses Textes sprengen. Darüber haben sich andere sehr lesenswerte und ausführliche Gedanken gemacht. Stattdessen wollen wir das Interview und den wiederholten Vorwurf zum Anlass nehmen, um mal zu schauen, welche Geschichte Feminismus und Rassismus eigentlich miteinander haben.

Eines der eindrücklichsten Beispiele für diese Liaison ist Rebecca Ann Felton, die 1922 das erste weibliche Mitglied des US-Senats wurde – wenn auch nur für einen Tag. Felton war glühende Suffragette, die sich unermüdlich für gleiche Teilhabe, Bildungschancen und das Wahlrecht von Frauen einsetzte. Von weißen Frauen wohlgemerkt. Denn Felton war zugleich auch eine beinharte Rassistin, die der Idee von der Überlegenheit der weißen Rasse anhing. Sie war die letzte Person im Kongress, die Sklaven besaß, sie befürwortete vehement Lynchjustiz und hielt schwarze Menschen ganz allgemein für Tiere, die es zu beherrschen gelte. In ihren Reden behauptete sie immer wieder, schwarze Männer seien an nicht viel mehr interessiert als an der Vergewaltigung von weißen Frauen. Ein rassistisches Motiv, dass über den Faschismus bis in die Gegenwart ragt.

Jedes Verdrehen von Fakten, jede Lüge war Felton recht, um „unsere Frauen zu beschützen“. Auch das eine Formulierung die heutigen Ohren nach den Debatten der letzten Jahre nur allzu vertraut vorkommt.
Selbstverständlich bedeutet das nicht, dass alle feministischen Bemühungen zu dieser Zeit rassistisch waren – im Gegenteil. Ausgerechnet an einem Zeitgenossen Feltons, Parker Pillsbury, lässt sich nachvollziehen, dass es sehr wohl möglich war, sowohl für feministische Anliegen als auch für die Abschaffung der Sklaverei einzutreten. Pillsbury war, wenn man so will, ein intersektioneller Feminist, dem die Realität von Mehrfachdiskriminierung offenkundig war. Feltons Feminismus hingegen, ihr Kampf um Gleichberechtigung und Anerkennung, galt allein der weißen Frau. Ganz ähnlich wie Immanuel Kants Humanismus von der Vorstellung der Überlegenheit der weißen Rasse geprägt war. Schwarze hielt er für nicht vollwertige Menschen, die allenfalls zu „läppischen Gefühlen“ in der Lage sind.

Diese rassistischen Ausprägungen von vorgeblich universell inklusiven Weltanschauungen sind auch heute noch wirkmächtig. So hat der rechte Präsident Brasiliens, Jair Bolsenaro, kürzlich die ehemals bekannteste Feministin des Landes zur Staatssekretärin für Frauen gemacht. Sara Winter war mal bei Femen und setzt sich jetzt gegen Abtreibung, Gender-Wahn und Feminismus ein. Zudem diffamiert sie Homo- und Transsexuelle und schwadroniert über die angebliche Vorliebe indigener Völker für Vergewaltigung. Man könnte das als radikale Abkehr vom Feminismus interpretieren. Oder als konsequente Fortführung eines Feminismus, der im Kern immer schon rassistisch war und kein Problem damit hat, einem Mann zu folgen, dessen Söhne nicht mit schwarzen Frauen ausgehen würden, weil er sie „gut erzogen“ hat.

Natürlich kann man argumentieren, dass so etwas nicht feministisch ist. Dass es einen glaubhaften Feminismus von Rechts niemals geben wird, weil er diskriminiert und ausgrenzt.

Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass einige es feministisch nennen, sich für sehr ausgewählte Belange weißer Frauen einzusetzen. Und auch nichts daran, dass das unkritische Einfordern von unbedingter Frauensolidarität à la Madeleine Albright

dazu führt, dass man zum Beispiel in Gestalt von Marine Le Pen rassistischem Gedankengut folgen soll, weil es von einer Frau vertreten wird.

Immer wenn Feminismus behauptet, gar nicht rassistisch sein zu können und es in der Vergangenheit auch nie gewesen zu sein, ist er es. Dann ist er die schlechteste Version seiner selbst, weil er es billigend in Kauf nimmt, ausgerechnet im Kampf für die Rechte von marginalisierten Menschen andere Menschen zu marginalisieren. Aber die Rechte von Migrantinnen werden nicht miterstritten, wenn man sich ausschließlich dafür einsetzt, dass mehr weiße Frauen in Vorstandsetagen kommen. Intersektionalität ist kein Bonuslevel, das man freischaltet, indem weißer Feminismus von Anfang bis Ende durchgespielt wird. Sie ist Grundvoraussetzung.

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