Frauen wollen doch gar keine Karriere machen

Typische Bullshitsätze an Frauen und weiblich gelesene Personen und wie wir sie endlich zerlegen

„Frauen können doch schon längst arbeiten, Karrieren machen, regieren. Männer helfen im Haushalt, nehmen Elternzeit, wickeln Babys. Wir sind doch alle längst gleichberechtigt!“ Es sind Bullshitsätze wie diese, die wirklich jede weiblich gelesene Person schon mal gehört hat. Und diese Sätze hören einfach nicht auf! Sie werden heimtückisch gedroppt, in Situationen, in denen wir müde und verletzlich sind: „Hast du kein schlechtes Gewissen, wenn du dein Baby in die Fremdbetreuung gibst?“; in denen wir wirklich nie erwartet hätten, dass so ein Bullshit überhaupt noch existiert: „Ganz ehrlich: Frauen wollen doch gar keine Karriere machen“; oder von engsten Familienmitgliedern: „Deine Oma hat das mit den Kindern sogar ganz ohne Kindergarten geschafft!“ Aha, danke dafür.

Journalistin und Content Creatorin Alexandra Zykunov hat 25 dieser Bullshitsätze in ihrem ersten Buch „Wir sind doch alle längst gleichberechtigt“ gesammelt und faktenbasiert zerlegt. In ihrem Gastbeitrag demontiert sie für uns drei ihrer „liebsten“ Sätze.

Hier könnt ihr euch unser Video zum Thema ansehen:

Hier kannst du das Video auch auf Vimeo schauen. Du willst das Video teilen? Dann schau doch mal auf Instagram oder Facebook.

„Frauen sollten einfach verhandeln wie Männer.“

Ja, genau! Mal so richtig auf den Tisch hauen! Wenn es doch nur so einfach wäre. Denn was Frauen heute bei Verhandlungen tatsächlich das Genick bricht, ist nicht etwa der fehlende Mut, nach mehr Geld zu fragen, oder dass sie weniger aggressiv verhandeln, sondern etwas, das sie nicht selbst beeinflussen können: Das Übel nennt sich Unconscious Gender bias und ist eine unterbewusste Voreingenommenheit Frauen gegenüber, einfach nur weil sie Frauen sind.

In einer britischen Studie wurden vor ein paar Jahren mehr als 4600 Angestellte in rund 840 Unternehmen befragt und man stellte fest, dass Frauen ihre Gehälter sehr wohl genauso oft verhandelten wie Männer – nur viel öfter abgeblitzt wurden: Während 20 Prozent der Kollegen mit mehr Geld aus den Gesprächen spazierten, waren es bei den Kolleginnen nur 13 Prozent.

Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin zeigte 2017, dass bei mehr als 100 fiktiven Bewerbungen von Gleichqualifizierten auf Ausbildungsplätze die Frauen im Schnitt von den Personaler*innen um eine ganze Schulnote schlechter bewertet wurden. Eine! Ganze! Schulnote! Wie soll da das Gehalt der Frau nicht naturgemäß auch niedriger ausfallen?

Befolgen Frauen den Tipp, „mehr wie Männer zu verhandeln“ und hauen mal so richtig auf den Tisch – erreichen sie leider genau das Gegenteil.

Alexandra Zykunov

Ich habe noch etwas Schönes: Schon mal etwas von der Role Congruity Theory gehört? Die Theorie zeigt auf, dass Menschen abgestraft werden, wenn sie sich nicht „geschlechtertypisch“ verhalten. Für Verhandlungsgespräche heißt das konkret: Befolgen Frauen den Tipp, „mehr wie Männer zu verhandeln“ und hauen mal so richtig auf den Tisch – erreichen sie leider genau das Gegenteil. Sie werden erst recht unterbewusst abgestraft, weil sie sich nicht verhalten „wie eine Frau“. Ja, ernsthaft.

Mütter kommen übrigens selten so weit irgendwelche Gehälter „wie Männer“ zu verhandeln, weil sie gar nicht erst zum Gespräch eingeladen werden: In einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung1 wurde 2019 untersucht, wie oft Frauen ohne Kinder im Vergleich zu Frauen mit Kindern eigentlich zu Interviews eingeladen werden. 800 identische Bewerbungen wurden dafür quer durchs Land verschickt. Frauen mit Kindern mussten etwa ein Drittel mehr Bewerbungen schreiben als Frauen ohne Kinder. Kein Witz.

Dieses „Kinderproblem“, das übrigens sogar ganz offiziell Child penalty genannt wird, scheint übrigens nur Frauen zu treffen: Männliche Bewerber wurden in der Studie nämlich genauso häufig eingeladen – und zwar völlig egal, ob sie Kinder hatten oder nicht. Und: Väter bekamen sogar überdurchschnittlich schnell eine Gehaltserhöhung! Kennt jemand von euch eine Mutter, die kurz nach ihrer Einstellung eine Gehaltserhöhung angeboten bekam? Nein? Ist ja komisch…

„Frauen sollten einfach kürzer in Elternzeit gehen.“

Es klingt eigentlich logisch: Um den Gender-Pay-Gap zu minimieren und die Diskriminierung von vorwiegend Müttern auf dem Arbeitsmarkt zu beheben – also die Tatsache, dass Frauen mit Kindern im Job auf dem Abstellgleis landen – all das wäre zumindest in großen Teilen gelöst, wenn Frauen grundsätzlich kürzer in Elternzeit gingen, oder? Leider nein.

Um das Problem dahinter zu verstehen, müssen wir erst einmal erkennen, dass es in diesem Land eine gesellschaftlich „angemessene“ Elternzeitdauer für Mütter (nicht aber für Väter) gibt. Es gibt also eine Art moralischen Kompass für die Beantwortung der Frage, wie lange eine Mutter hierzulande in Elternzeit gehen sollte, um – ja, um was eigentlich? – um offenbar als eine gute Mutter zu gelten.

Und jetzt ratet doch mal, welche Elternzeitdauer hierzulande als „angemessen“ gelten könnte. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat diesen Wert ermittelt: Unter den befragten 6500 Frauen (Frauen!) zwischen 18 und 60 hielten 56 Prozent, also mehr als jede Zweite, eine Elternzeit von drei Jahren und zwei Monaten für „angemessen“. Erst danach sollte eine Mutter wieder arbeiten gehen dürfen. Dürfen!!! Und auch im Anschluss sollte sie nicht Vollzeit arbeiten gehen, sondern nur rund 15 Stunden die Woche. Vollzeit sollte eine Mutter erst anpeilen, wenn das Kind sieben Jahre alt ist, so die vorherrschende Meinung in dieser Studie. Dass sich dieser Denkweise ganz sicher auch Personaler*innen oder Chef*innen anschließen, kann man sich in etwa denken.

Gibt es aber Vorreiter*innen, die sich gegen dieses Rollenbild auflehnen, und dann doch kürzer in Elternzeit gehen, um zu zeigen, es geht eben doch – werden auch sie abgestraft: „Arbeitgeber honorieren es nicht, wenn Frauen nach der Geburt schnell zurück in den Job kommen“, hieß es in einem SPIEGEL-Artikel von 2018. „Im Gegenteil: Sie nehmen sie als egoistisch und feindselig wahr.“ Das bestätigt eine Studie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung1: Mütter, die schon zwei Monate nach der Geburt eines Kindes in den Job zurückwollten, wurden eineinhalb mal seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen als Mütter, die ein Jahr ausgesetzt hatten.

Können wir uns diese Beobachtungen noch mal ganz deutlich vor Augen führen? Eine Mutter, die zu lange in Elternzeit geht, wird abgestraft, weil: Glucke. Eine Mutter, die zu kurz in Elternzeit geht, wird abgestraft, weil: egoistisch. Und Väter? Die sind einfach weder von dem einen, noch von dem anderen betroffen: Bei Männern spielt die Länge der Elternzeit keine Rolle für ihre Bewerbungschancen. Väter, die ein Jahr lang Elternzeit genommen hatten, wurden laut Studie fast genauso oft zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wie Männer mit einer zweimonatigen Auszeit. So viel also dazu.

„Frauen wollen doch gar keine Karriere machen.“

Kommen wir nun zu einem absoluten Klassiker der Stammtischparolen. Doch bevor wir diesen Bullshitsatz zerlegen, ein Gedanke vorweg: Während ich wirklich keine Ambitionen habe, einzufordern, dass jede einzelne Frau jetzt unbedingt Karriere machen sollte und muss (allein schon aus ökologischen Gründen nicht und weil das Höher-Schneller-Weiter unseren Planeten dahinrafft), können und dürfen wir diesen Bullshitsatz so niemals stehen lassen. Weil er einfach inhaltlich falsch ist.

Allein die Gegenüberstellung: Männer wollen Karriere machen, Frauen aber nicht. Das funktioniert nicht, weil wir Äpfel mit Birnen vergleichen. Weil wir uns klarmachen müssen, dass Karriere für einen Mann und eventuell gleichzeitig Vater und Karriere für eine Frau und eventuell gleichzeitig Mutter zwei völlig unterschiedliche Dinge bedeuten. Machen wir dazu ein Gedankenexperiment: Wir stellen uns jetzt eine herausgehobene Führungsposition in einem großen Unternehmen vor. Eine Frau äußert Interesse – und das Gedankenkarussell von Chef*innen und Personaler*innen beginnt sich zu drehen:

  • Es bewirbt sich eine Frau ohne Kind zwischen Mitte zwanzig und Mitte vierzig? Sie könnte bald ein Kind kriegen. Lieber nicht.
  • Es bewirbt sich eine Frau mit Kind? Sie könnte ein zweites kriegen. Lieber nicht.
  • Eine Frau mit kurzer Elternzeit im Lebenslauf? Wie herzlos. Lieber nicht.
  • Eine Frau mit langer Elternzeit im Lebenslauf? Eine Glucke. Lieber nicht.
  • Eine Frau mit Kindern? Aber was ist, wenn die Schulen wieder dichtmachen? Lieber nicht. Großeltern wohnen nicht in der Nähe? Lieber nicht. Ihr Mann arbeitet Vollzeit? Lieber nicht.
  • Eine Alleinerziehende? Uhhh, aber ihr Kind braucht sie doch! Lieber nicht.
  • Eine Frau mit Kind mit Behinderung? Hm, ihr Kind braucht sie doch erst recht! Lieber nicht.
  • Eine Frau, die wenig fordert? Sie kann ihren Wert nicht einschätzen. Lieber nicht.
  • Eine Frau, die viel fordert? Sie kann ihren Wert nicht einschätzen. Lieber nicht. Nachher will sie noch genauso viel wie ihr männlicher Kollege. Lieber nicht.
  • Eine Frau unter vielen männlichen Führungskräften? Wir haben doch schon eine andere Frau in der Führungsetage. Lieber nicht. Nachher beschwert sie sich über unsere gläserne Decke, den Gender-Pay-Gap und die Herrenwitze auf der Weihnachtsfeier. Lieber nicht. Außerdem war auf der Position schon mal eine Frau und ist gescheitert. Lieber nicht.

Und ich bin noch nicht mal beim „Sei bossy, aber nicht zu bossy“, „Lächel doch mal, aber sei nicht zu freundlich“, „Zieh dich maskulin an, aber trotzdem noch feminin genug“-Businessbullshit angekommen und frage mich, wie viele dieser Doppelmoralsätze ihr noch ertragen könnt. Denn eigentlich möchte ich all diese Sätze, all diese absolut widersprüchlichen, nervenaufreibenden, unmöglich zu erfüllenden und damit für jede Karrierefrau selbstzerstörerischen Sätze an Großonkel Günther weiterleiten und ihn fragen, wer unter solchen Umständen überhaupt Karriere machen wollen würde? Wenn deine Karriere, neben den eigentlich inhaltlich anspruchsvollen Aufgaben, zusätzlich daraus besteht, dieses Klischeedenken jeden einzelnen Tag aus dem Weg zu räumen. Denn du wirst nie einfach in einer Führungsrolle gesehen, sondern immer als eine Frau in der Führungsrolle gesehen. Wenn du scheiterst, bist du nicht als Alexandra, Seyda oder Kirsten gescheitert, sondern als eine Frau. Und damit stellvertretend für alle anderen Frauen nach dir.

Wer würde also unter all diesen Umständen freiwillig Karriere machen wollen? Niemand würde das! Also ja, viele Frauen und Mütter wollen keine Karriere machen. Aber nicht aus freien Stücken. Sie wollen es nicht, weil dieses System aus unmöglichen Ansprüchen und Vorbehalten sie nicht lässt. Weil das System sie unendlich erschöpft. Weil das System nicht will, dass Frauen diese Karrieren machen.

Kurzum: Das Problem der Frauen- und auch Mutterdiskriminierung im Job wird sich nicht allein dadurch lösen lassen, dass Mütter kürzer in Elternzeit gehen, ihre Kinder nicht in Lebensläufe schreiben oder einfach mal verhandeln „wie Männer“. Sehen wir nicht endlich ein, dass wir in Deutschland immer noch extrem veraltete Rollenbilder hochhalten; sehen wir nicht ein, dass diese Rollenbilder uns unterbewusst dazu treiben, Mütter als intrigant abzuwerten, wenn sie „zu früh“ aus der Elternzeit wiederkehren; sehen wir nicht ein, dass sich dadurch ganze Generationen von Frauen finanziell von Partnern oder Ehemännern abhängig machen; fangen wir nicht endlich an, diese Rollenbilder aufzubrechen – wird es völlig egal sein, ob Frauen dies oder jenes aus dem Businessknigge befolgen. An ihrer Diskriminierung selbst werden wir so absolut und rein gar nichts ändern.

Links und Infos

1 Lena Hipp (2019): Do hiring practises penalize women and benefit men for having children? Experimental Evidence from Germany. In: European Sociological Review. S. 1–15.

Britische Studie über die Verhandlung der Gehälter

Studie über die Gleichbehandlung von Männern und Frauen in unterschiedlichen Berufen

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Welche Vorstellungen über Vereinbarkeit von Beruf und Familie bestehen

Mütter, die kurze Elternzeit nehmen, werden im Job benachteiligt“ Artikel von spiegel.de

Wenn wir in unseren Texten von Frauen und Mädchen sprechen, beziehen wir uns auf die strukturellen und stereotypen gesellschaftlichen Rollen, die alle weiblich gelesenen Personen betreffen. Wenn wir die Adjektive „weiblich“ oder „männlich“ benutzen, beziehen wir uns ebenfalls auf die stereotypische gesellschaftliche Verwendung der Begriffe.

Kommentare zu diesem Text könnt ihr uns in unseren Netzwerken hinterlassen und dort mit fast 160.000 Menschen teilen!

Bildquelle: Pinkstinks Germany e. V.