Wozu brauchen wir Triggerwarnungen?

Bei Texten oder Fotos im Internet taucht oft der Begriff Triggerwarnung auf – abgekürzt „TW“ oder „CN” (Englisch: „content notice“). Er soll Betroffenen helfen, besser mit belastenden Inhalten umzugehen. Das sorgt bei einigen für Kritik. Besonders bei denen, die es nicht betrifft.

Der Begriff Trigger kommt aus dem Englischen und steht für Auslöser – ursprünglich im technischen oder mechanischen Sinn, zum Beispiel an einer Waffe oder in der Physik. Aber er wird auch in der Psychologie benutzt. Dort beschreibt er Auslöser für Erinnerungen an traumatische Erlebnisse. Diese Auslöser können zum Beispiel Orte, Bilder, Geräusche oder auch Gerüche sein. Grob zusammengefasst: Ein*e Betroffene*r fühlt sich durch Trigger in eine vergangene belastende Situation zurückversetzt und durchlebt die dazugehörigen Gefühle (teilweise) erneut; bei Süchtigen können unter Umständen Rückfälle verursacht werden. 

Auch bei Inhalten im Netz oder auf Social-Media-Plattformen geht der Begriff Trigger auf diese Auslöser-Mechanik zurück. Demnach kann ein bestimmter Content – ein Posting, ein Text, ein Foto oder Video – einen Flashback oder eine sehr unangenehme Erinnerung auslösen. 

Eine Triggerwarnung kündigt also Inhalte an, die auf einige Menschen anstößig, verstörend, belastend oder sogar retraumatisierend wirken können. Dazu gehören beispielsweise Themen wie Essstörungen, Missbrauch, (sexualisierte/ rassistische) Gewalt, Depressionen, Sucht oder Tod. Durch so einen Hinweis können Betroffene dann selbst entscheiden, ob sie in dem Moment weiterlesen beziehungsweise weitergucken wollen. Oder sie können sich zumindest innerlich wappnen und dann besser damit umgehen.  

Dass das Konzept der Triggerwarnung sich von der Psychologie auf andere Bereiche wie das Internet ausgedehnt hat, geht unter anderem auf amerikanische Studierende zurück. Und das hat mit dem wachsenden Bewusstsein für sexualisierte Gewalt auf dem Campus und ihren Folgen zu tun. Etwa um die 2010er-Jahre herum begannen Studierende, in Vorlesungen und Lehrplänen die Kennzeichnung von Inhalten mit Trigger-Potenzial zu fordern, zum Beispiel 2014 an der University of Santa Barbara. Eine Begründung: Ohne Triggerwarnung könnten entsprechende Inhalte dazu führen, dass betroffene Studierende sich nicht mehr sicher fühlen, komplett abschalten oder sogar kurz den Raum verlassen müssen. Das wiederum wirke sich auf ihr Lernen aus. Mit Triggerwarnung könnten sie hingegen mit entsprechendem Material besser umgehen und aktiv an Diskussionen teilnehmen.

Außerdem tauchte der Begriff auf feministischen Blogs auf. Autorin Melissa McEwan hat hier schon 2010 das Thema Trigger am Beispiel sexualisierter Gewalt erklärt: „Getriggert werden heißt nicht, dass man wütend ist oder sich gekränkt fühlt … Getriggert werden hat eine sehr spezifische Bedeutung, die sich auf das Auslösen einer körperlichen und/ oder emotionalen Reaktion auf überlebtes Trauma bezieht.“ Das gehe einigen Überlebenden von sexualisierter Gewalt da prinzipiell ähnlich wie Kriegsveteran*innen.

Inzwischen ist der Begriff Triggerwarnung in gesellschaftlichen Diskussionen und Medien angekommen. Und das sorgt zum Teil für heftige Kritik. Denn einige finden diese Hinweise übertrieben und meinen, dass Triggerwarnungen Diskussionen einschränken und bestimmte Themen dadurch nicht mehr stattfinden. Andere denken, man sollte sich den eigenen Triggern lieber stellen, um belastende Erfahrungen langfristig zu überwinden; ein Ziel von Therapien posttraumatischer Belastungsstörungen ist auch Desensibilisierung. Und wieder andere sprechen sogar von „Zensur” – sie sehen Triggerwarnungen als eine weitere nervige Nebenwirkung linker Identitätspolitik.  

Dabei geht es bei Triggerwarnungen im Internet oder in sozialen Netzwerken gar nicht darum, Themen zu verbieten oder komplett auszublenden. Es geht vielmehr darum, Menschen die Möglichkeit zu geben, sich innerlich auf etwas vorzubereiten oder dem auszuweichen, wenn sie sich aus verschiedenen Gründen in dem Augenblick nicht damit unvorbereitet auseinandersetzen können oder wollen. Vor allem sollen sie selbst entscheiden können, wie sie mit ihrem persönlichen Trauma umgehen und wann sie bereit für eine Desensibilisierung sind. 

Triggerwarnungen sind eine Form der Rücksichtnahme, die keinen großen Aufwand bedeutet – für Betroffene aber eine erhebliche Erleichterung darstellen kann. Bei der Flut an ungefilterten schlechten Nachrichten, belastenden Themen, expliziten Bildern und harten Diskussionen sind Triggerwarnungen vor allem im Netz wichtig für einen achtsamen Umgang und halbwegs sicheren Raum. Nicht alles lässt sich durch technische Filter eindämmen. Und niemand, wirklich niemand, sollte gezwungen sein, Angstattacken oder ähnliches zu durchleben, weil andere Leute sich durch eine kleine Triggerwarnung irgendwie in ihrer Meinungsfreiheit beschränkt fühlen. Oder salopp gesagt: sich von Triggerwarnungen getriggert fühlen …  

Also, wer nicht betroffen ist, der*die liest bei einer Triggerwarnung halt weiter. Und gibt anderen die Chance, selbstbestimmter mit ihren Erfahrungen umzugehen. Wenn alle versuchen würden, ihre Mitmenschen nicht zu kränken oder zu triezen, sich nicht über die Traumata anderer lustig zu machen und ihnen keine Flashbacks an den Hals zu wünschen, wäre das Internet ziemlich sicher ein besserer Ort.

Anmerkung: Uns ist bewusst, dass der Text in Teilen nur eine binäre Perspektive darstellt. Hier geht es um die Erläuterung einer patriarchalen Geschlechterdynamik mit einem binären “Mann”-“Frau”-Gefälle, obwohl das längst nicht alle Menschen umfasst.