Rund 100.000 ungewollt Schwangere lassen jährlich in Deutschland einen Schwangerschaftsabbruch durchführen. Doch was, wenn zukünftig niemand mehr da ist, der den Eingriff vornehmen kann? Die Initiative Medical Students for Choice der Berliner Charité sorgt sich um den medizinischen Nachwuchs. Denn Abtreibung wird im Studium nicht gelehrt.

Die Versorgungslage für ungewollt Schwangere wird zunehmend schlechter

In den letzten 15 Jahren ist die Zahl der Einrichtungen in Deutschland, die Abtreibungen anbieten, von etwa 2.000 auf 1.200 zurückgegangen. Zudem sind die wenigen Anlaufstellen sehr ungerecht verteilt: Während die Versorgungslage in Großstädten wie Berlin als sehr gut bezeichnet werden kann, ist Lage in ländlichen Gebieten wie beispielsweise Bayern oder Baden-Württemberg unzureichend.

Hier müssen ungewollt Schwangere auch mal 100 Kilometer mit dem Auto oder der Bahn zurücklegen. „Hier sollte Politik eingreifen und eine flächendeckende Versorgung sicherstellen“, findet Frederike, Medizin-Studentin und Aktivistin von Medical Students for Choice.

Der Versorgungsmangel ist größtenteils mit fehlendem medizinischem Nachwuchs zu erklären. Viele Ärzt*innen, die heute Abtreibungen durchführen, haben in den 60er- und 70er-Jahren noch selbst für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland gekämpft und werden natürlich immer älter. Genügend Nachfolger*innen sind aber nicht in Sicht.

Studierende übernehmen die Lehre kurzerhand selbst

Das liegt unter anderem daran, dass Abtreibungen kein fester Bestandteil des Medizin-Studiums sind. „In zwölf Semestern wird der Schwangerschaftsabbruch nur etwa zehn Minuten behandelt. Auch in der gynäkologischen Weiterbildung muss dieser nicht erlernt werden“, erklärt Frederike. Deshalb haben Studierende Workshops ins Leben gerufen, in denen die medizinischen Grundlagen der verschiedenen Methoden des Schwangerschaftsabbruchs in der Theorie erlernt werden können. Zusätzlich kann der Abbruch mit der Saugkürettage an einer Papaya geübt werden, da diese der Gebärmutter ähnelt. Die Workshops sind unter Studierenden sehr beliebt und meist innerhalb eines Tages – mit langer Warteliste – ausgebucht.

Es ist Frederike besonders wichtig zu betonen, dass der rund 10-minütige Eingriff einfach zu erlernen und durchzuführen ist. Zudem können auch Allgemeinmediziner*innen – wie zum Beispiel Kristina Hänel – Abtreibungen durchführen und müssen keine ausgebildeten Gynäkolog*innen sein. Allerdings ist es für angehende Ärzt*innen schwierig, überhaupt eine Ausbildungsstätte zu finden, in der sie den Eingriff erlernen können. Denn viele Krankenhäuser entscheiden sich aus religiösen Gründen oder aufgrund eines befürchteten Image-Schadens dagegen, Abtreibungen anzubieten. 

Änderung des Lehrplans gegen den Widerstand männlicher Lehrbeauftragter

Auf Initiative von Medical Students for Choice wird ab diesem Semester ein einmaliges Ethik-Seminar sowie eine Online-Vorlesung an der Berliner Charitè angeboten. Allerdings hält Frederike das Angebot noch für ausbaufähig: „Wir fordern, dass es noch eine Veranstaltung geben muss, in der die medizinischen Aspekte des Eingriffs behandelt werden. Viele Studierende wissen nämlich nicht, wie unkompliziert eine Abtreibung mit der Absaugmethode zu erlernen und durchzuführen ist.“

Die Aktivist*innen arbeiten mit ihren Workshops und der Forderung nach Anpassung des Lehrplans gegen universitären Widerstand aus höchsten Reihen.Besonders ein männlicher Professor in Schlüsselposition fühlt sich auf die Füße getreten, weil die Studierenden selbst eine Lehre anbieten, die eigentlich von der Universität gestellt werden müsste“, erklärt Frederike.

So normal wie fast nicht erwähnenswert, dass ein hauptsächlich mit Männern besetztes Komitee darüber entscheidet, ob Studierende mit dem Thema Schwangerschaftsabbruch in Berührung kommen.

Papayas verharmlosen angeblich Schwangerschaftsabbrüche

Stichhaltige Argumente der Lehrbeauftragten gegen eine Verankerung von Abtreibungen im Lehrplan gibt es nicht: „Von den Professoren kommt in aller Regel keine konstruktive Kritik. Beispielsweise wurde uns erklärt, dass die Papayas zu fruchtig sind und verharmlosen, einen Menschen zu töten,“ erzählt Frederike. Zwar würden Lehrbeauftragte bislang nur verlangen, den praktischen Papaya-Teil des Workshops zu streichen, über den Journalist*innen gerne berichten. Tatsächlich vermutet Frederike aber, dass am besten gar nicht mehr über das Thema gesprochen werden soll.

Wenn es ihre medizinische Fachrichtung zulässt, möchte Frederike später selbst Schwangerschaftsabbrüche anbieten. Und damit auch einen kleinen Teil dazu beitragen, die Versorgungslage für ungewollt Schwangere zu verbessern. „Letztlich dient jeder Eingriff in die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen dazu, sie weiterhin kleinzuhalten“, ist Frederike überzeugt.

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