Es ist wieder so weit. Seit gut einer Woche sind die Wiesn in München in vollem Gange und neben all den Maß und Promille stehen sexuelle Übergriffe auf der Tagesordnung. Alleine die Resonanz nach dem diesjährigen Eröffnungswochenende ist schockierend. Eine 18 Jährige Frau wird vergewaltigt, ein 30 Jähriger Mann wegen einer Vergewaltigung festgenommen und zahlreiche Frauen bringen sexuelle Belästigung zur Anzeige. Und das sind nur die Fälle, die öffentlich wurden. Dabei wirken Suchbeschreibungen der Täter im Fall Oktoberfest eher zynisch und aussichtslos: „Männlich, 1,75 Meter groß, 25 Jahre alt; bekleidet mit Lederhose mit Hirschemblem, blau-weiß kariertes Hemd.“ So lautet die Beschreibung eines Mannes, der wegen versuchter Vergewaltigung gesucht wird. Also wirklich! Er hatte eine Lederhose an? Mit Hirschemblem? Ja, den dürften wir doch finden! Nichts leichter als das auf einer Wiesn mit jährlich etwa 6 Millionen Besucher*innen und fast allen in Tracht…

Entschuldigt den Sarkasmus, natürlich ist es wichtig, dass wenigstens versucht wird den Täter zu schnappen, aber die Machtlosigkeit und das Ohnmachtsgefühl in Situationen, wie auf dem Oktoberfest machen enorm wütend. Die Allgemeinheit der Formulierung zeigt zusätzlich sehr deutlich, wie gut ein Täter in der Menschenmasse verschwinden kann und wirft die Frage auf, ob dadurch nicht eine Art ‚Unsichtbarkeitsgefühl‘ entsteht, das gewaltvolles Verhalten sogar noch anfeuern kann?

Wiesn (4)

Kultur der sexuellen Verfügbarkeit

Die Ausmaße sexueller Übergriffe auf den Wiesn, die meist unter hohem Alkoholeinfluss stattfinden sind für uns jedenfalls nicht verwunderlich, vielmehr sind sie die Spitze eines riesigen Eisbergs und spiegeln eine Kultur wider, in der Frauen noch immer viel zu oft als sexuell verfügbar und Männer als dominant begriffen werden. Seit Jahren vermuten wir einen Zusammenhang zwischen geschlechterdiskriminierender Werbung und sexualisierter Gewalt und fordern eine Gesetzesnorm die dem weitreichenden Sexismus in der Werbung Einhalt gebietet. Wir glauben, dass sich die permanente Präsenz von Werbebildern junger Frauen, die sexuell verfügbar, niedlich und dekorativ dargestellt von den Werbeplakaten blicken in die Köpfe einbrennen. Genauso wie das stets suggerierte Bild eines starken, dominanten und aggressiven Mannes. Unter Alkoholeinfluss im „Ausnahmezustand Wiesn“ sinken persönliche Hemmungen schneller und können viel eher dazu führen, dass versucht wird sich die überall als ‚permanent sexuell verfügbar‘ dargestellte Frau gewaltvoll anzueignen. Hier noch viel schneller als im Alltag.

Darf's a bisserl mehr sein?

Wie plastisch darf es sein?

Aber auch im Alltag lösen sich die Hemmungen häufig auf oder sind gar nicht erst vorhanden, denn besonders hier passieren sexuelle Übergriffe zu Hauf. Gerade hat Lady Gaga ein neues Musikvideo genau zu diesem Thema veröffentlicht „Till it happens to you“ soll auf die Situation an amerikanischen Unis aufmerksam machen, auf deren Campus sexuelle Übergriffe seit Jahren zunehmen. Das Video beginnt mit einer Triggerwarnung, es folgen sehr plastische Bilder von Vergewaltigungen, Übergriffen, Schmerzen und Scham. Es ist ergreifend und stark. Das Video soll Menschen mit Erfahrungen sexualisierter Gewalt Mut machen, ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind und gleichzeitig aufrütteln.

Das tut es sicherlich, doch wir fragen uns, ob es diese drastischen Darstellungen und die beängstigend realen Bilder tatsächlich braucht? Und wenn sie angewendet werden um diese starken Emotionen zu generieren, was macht das dann mit den Betroffenen? Immerhin wird ihnen eine Helpline angeboten.

11 Punkte die dich vor einer Vergewaltigung schützen?

Auf dem Oktoberfest gibt es seit nunmehr 13 Jahren direkte Hilfe für Mädchen und Frauen. Ein Servicepoint sorgt zu den Hauptzeiten der Wiesn für einen sicheren Rückzugsort und Betreuung von Sozialpädagog*innen und Ehrenamtlichen. Mittlerweile gibt es sogar die „SecureWiesn“-App, die alle wichtigen Telefonnummern, Notruf, Fahrpläne und Sicherheitstipps für Mädchen und Frauen beinhalten.

Die Regeln und Tipps sind auch auf der Homepage der Verantwortlichen des Oktoberfests zu finden. In einer 11 Punkte-Liste wird Mädchen zum Beispiel davon abgeraten sich bei Müdigkeit auf der Wiese auszuruhen, es wird ihnen nahegelegt, dass es ihnen nicht peinlich sein muss, mittzuteilen wenn ihnen etwas unangenehm ist, außerdem werden die Mädchen dazu aufgefordert alle Möglichkeiten der eigenen Verteidigung zu nutzen. Ach wirklich? Beim Lesen der Liste wird einem übel, bei all der übertragenen Verantwortung vergeht die Laune auf Spaß und Feiern. Und wie sooft fragen wir uns: Wieso gibt es keine Verhaltensliste für potenzielle Täter? Wäre das nicht mal was?!

 

Lisa Lehmann