Nein. Einfach Nein! Wenn ich ein Buch rezensiere, dann mache ich das ziemlich altmodisch und analog. Ich kritzele Kommentare an den Seitenrand, markiere Sätze und Passagen, die mir besonders wichtig erscheinen, und widerspreche oder stimme direkt auf der entsprechenden Seite zu. Das sind selten längere Sätze, aber oft mehr als ein Wort. Bei der kürzlich erschienenen Streitschrift Die potente Frau der Philosophin und Autorin Svenja Flaßpöhler ist das allerdings anders. Auf praktisch jeder zweiten Seite des schmalen Bandes steht das von mir geschriebene Wort Nein. Und diese Ablehnung beginnt schon beim ersten Satz.

„Rechtlich ist das Patriarchat passé.“ lautet dieser und schon muss man sich wundern. Selbst bei einer eher simplen Definition dieses Begriffes, nach der Patriarchat eine Gesellschaftsform beschreibt, in der dem Mann in vielen Bereichen eine überlegene Stellung zukommt, ist das eine ziemlich steile Behauptung. Zumal sie lokal nicht genauer bestimmt wird. Hier, in Deutschland? In dem (medialen) Raum, in dem sich die #MeToo Debatte abspielt, an der sich Flaßpöhler mit ihrem Essay abzuarbeiten versucht? Sei es drum. Halten wir für Deutschland einfach fest, dass es sich das Grundgesetz nicht ganz so leicht macht wie die Autorin,

und darüber hinaus gerade heute gegen den Paragraf 218 protestiert wird und protestiert werden muss.

Weiter geht es mit der Behauptung, dass #MeToo das patriarchale Denkmuster von der immerwährenden Machtlosigkeit gegen sexualisierter Gewalt der Frauen fortführe und dadurch die Möglichkeit der Selbstermächtigung nicht ergriffen wird. Tatsächlich aber fragt #MeToo, in welchen Situationen (nicht nur) Frauen machtlos gegen Übergriffe sind, was diese Situationen begünstigt und wer davon warum profitiert. An dieser Stelle Glückwunsch an Svenja Flaßpöhler für die Marginalisierung der mutmaßlichen Opfer von Kevin Spacey und anderer.

Und dann geht es Schlag auf Schlag. Eine Ungenauigkeit reiht sich an die nächste, ein Gemeinplatz jagt den anderen. Ganz unwillkürlich vergewissert man sich noch mal der Autorin. Doch, das Buch ist von Svenja Flaßpöhler, der Chefredakteurin des Philosophie Magazins und Autorin eines sehr klugen Buches über das Verzeihen. Eine gebildete Frau, die in der Lage ist, sehr genau zu beobachten und auf 48 Seiten zahlreiche Geistesgrößen zitiert, um ihre These zu untermauern. Allerdings erfolglos. Denn einerseits wirft sie der #MeToo Bewegung vor, „sträflich zu generalisieren“ –  nur um genau das selbst zu tun. Und andererseits wird man den Eindruck nicht los, dass sie von ihrem Thema nicht wirklich viel weiß oder nicht wissen will. So bezweifelt sie an einer Stelle, dass sexuelle Übergriffigkeit ein zentrales Problem von Frauen in der gegenwärtigen Gesellschaft ist und schlägt vor, sich stattdessen mit gleicher Intensität dem Thema ungleiche Löhne zu widmen. Aber ein Hashtag wie „#fürgeschlechtergerechtegehälter“ würde eben nicht so knallen. Dass die WHO Gewalt gegen Frauen als eines der größten Gesundheitsrisiken für Frauen weltweit bezeichnet und knapp die Hälfte aller von sexualisierter Gewalt Betroffenen nie mit jemandem darüber sprechen, erwähnt sie hingegen nicht. Und dass der Hashtag einfach nur anders heißt, nämlich #equalpayday, und alles andere als unwichtig ist, scheint ihr auch entgangen zu sein.

Flaßpöhler verwechselt Einvernehmlichkeit mit „gesetzlich geregeltem Sex“, findet dass der Dirndl-Spruch von Brüderle bei George Clooney auf Frauen sicher ganz anders gewirkt hätte (Dingdong, Birgit Kelle will ihr Beispiel zurück!), und attestiert dem Hashtag-Feminismus eine „Negativität des weiblichen Begehrens“. Aber Leute, die über „den Hashtag-Feminismus“ sprechen, halten vermutlich auch digital für eine Strategie. Darüber hinaus schließt die Forderung danach, zu jedem Zeitpunkt Nein! sagen zu können, gar nicht aus, Ja! sagen zu wollen. Ach, gäbe es dazu nur einen fast 40 Jahre alten feministischen Entwurf, man könnte glatt denken, Feminismus sei so viel mehr als das, worauf Flaßpöhler ihn verengt. Weiblichkeit – zumal weibliche Sexualität – schreibt sie an anderer Stelle, würde leider immer noch schon biologisch mit Passivität assoziiert. Womöglich sollte jemand eine Kulturgeschichte des weiblichen Genitals schreiben, um derlei Mythen auszuräumen. Mal Mithu Sanyal anrufen, vielleicht hat die vor zehn Jahren dafür Zeit gehabt.

Aber mehr noch als ein Ärgernis ist Die potente Frau eine vertane Chance. Denn hinter all diesen Dingen lässt sich auch herauslesen, dass es Flaßpöhler durchaus ernst ist mit mehr Macht und Autonomie für Frauen. Sie begeht dabei jedoch den sehr beliebten Fehler, Feminismus genau die blinden Flecken vorzuwerfen, die man selbst nicht willens oder in der Lage gewesen ist, sich zu erlesen. Und sie erklärt gesellschaftliche Verwerfungen und Entwicklungen für beendet, um von der Höhe des Schlussstriches aus eben auch Forderungen nach der Verantwortlichkeit von Frauen zu stellen. Das kann man machen. Allerdings sollte man dann nicht überrascht sein, wenn man dabei argumentativ abstürzt.

Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit erschienen im Ullstein Verlag. 48 Seiten, 8,00 €.