Die Vereinten Nationen haben, auf Druck der Kindehilfsorganisation Plan, den 11. Oktober zum internationalen Mädchentag ausgerufen. Was machen wir damit in Deutschland? Pinkstinks hat im Hamburger Rathaus anlässlich des Mädchentages einen Vortrag gehalten, Kersten Artus berichtete. In einigen Städten machen die LAGs Mädchenpolitik Veranstaltungen, in denen darauf hingewiesen wird, wie Mädchen stark gemacht werden können. Aber viel mehr ist leider nicht los. Nein, die Probleme, wegen derer Plan den Weltmädchentag orderte, sind bei uns kleiner. Sollen wir sie deshalb an diesem Tag nicht über die Mädchen in der ersten Welt sprechen? Doch, das sollten wir. Denn wir leben in einem Backlash: Die Spielzeug- und Kosmetikindustrie verkörpert Kindern Ideale der 50er Jahre, und mit einer Quote, die in weiter Ferne scheint, ist eine Diskussion angebracht. Frau Merkel, was sagen sie dazu? Leider nichts an diesem Tag.

Statt dessen schickten wir drei Mädchensozialarbeiterinnen in München einige Fragen zur Lage der Mädchen in Deutschland. Rebecca Fertl, Elizabeth Kretschmar-Marx und Monika Schmidt von amanda – Projekt für Mädchen und junge Frauen München waren so nett, einige Fragen zu beantworten, damit hier auch mal andere Stimmen zu Wort kommen.

Wir bei Pinkstinks haben ein Problem mit Ferreros rosa Ü-Eiern. Was ist eure Haltung dazu?

 Rosa, hyperschlank, sexy… endlich schon für die ganz kleinen Ü-Ei Konsumentinnen. Nein danke!

Was für Stereotype der aktuellen Spielwarenwelt (Prinzessinnen, Barbies, Bratz-Puppen) begegnen euch in der Mädchensozialarbeit? Was für Probleme werfen sie auf?

Mädchen flüchten sich zum Teil in eine scheinbar heile Welt aus Glanz und Träumerei. Sie identifizieren sich zum Teil stark mit den Heldinnen, die als lebendige Puppen durch das Medium Film, neben der Werbung noch mehr „Charakter“ eingehaucht bekommen und zu noch stärkeren Identifikationsfiguren werden.

Was für Probleme seht ihr im Bezug auf die Geschlechterrollen der Werbewelt? Haben sie Auswirkungen auf eure Arbeit?

 Schönheit und Sexyness werden als der Schlüssel zum Erfolg und glücklichen Leben gehandelt – hier liegt meiner Meinung nach das Hauptproblem.

 Rebecca Fertl

Dass das gängige Schönheitsideal Auswirkungen auf uns hat, ist zulänglich bekannt. Was mir in meiner Arbeit immer wieder auffällt, dass Mädchen Frauen sehr rigoros beurteilen, ja sogar aburteilen, nicht nur in Bezug auf ihr Äußeres sondern auch im Bezug auf ihr Alter. So ist meine Wahrnehmung, dass Frauen jenseits der 30 als “alt” bezeichnet werden. Das würde heißen, es wundert nicht, dass Falten, oder eine nicht mehr straffe Haut oder mehr Rundungen eigentlich nicht sein dürfen, und Schönheits OPs etc. den Schön=Jung Vorstellungen entsprechen.

Mir fällt auf, dass junge Mädchen und junge Frauen “vorbeugen”und angebliche anti-aging Produkte nicht nur von “reiferen” Frauen benutzt werden sondern die Kosmetikindustrie inzwischen alle erobert hat. Übrigens auch Jungs und junge Männer.

Monika Schmidt

Wir bei Pinkstinks haben ein Problem mit Ferreros rosa Ü-Eiern. Was ist eure Haltung dazu?

Die rosa Mädchen Ü-Eier sind eine weitere, sexistische Festlegung der Mädchen auf dieses „rosa-bonbon-prinzessinnenhafte-schönheits-bild“! Gerade kleine Mädchen im Kindergartenalter sind besonders empfänglich für diese Festlegungen – sie wollen ja „richtige“ Mädchen sein und haben den machtvollen Bildern der Werbung nichts entgegen zu setzen – warum auch aus ihrer Sicht!!
Dass diese rosarote- prinzessinnen-schönheits-festlegung so viele Einengungen und Nachteile hat, können Mädchen in diesem Lebensalter meistens ja noch nicht überblicken – sie wollen einfach schöne Mädchen sein und dafür geliebt werden.

Was für Stereotype der aktuellen Spielwarenwelt (Prinzessinnen, Barbies, Bratz-Puppen) begegnen euch in der Mädchensozialarbeit? Was für Probleme werfen sie auf?

Also – ich habe den Eindruck, dass die deutliche Einteilung von Spielzeug in entweder rosarosarosa-mädchen-spielsachen und in mehr technikbezogen-monster-silbergrünblau-jungen-spielsachen in den letzten Jahren sehr zunimmt. Das bedeutet eine massive Beeinflussung der Mädchen und Jungen bzgl. ihrer Geschlechterbilder.
Die Hersteller haben entdeckt, dass sich ihr Zeug auf diese Weise besser vermarkten lässt – das ist ja das einzige Interesse – die Mädchen und Jungen springen darauf an – das ist lebensaltermäßig verständlich, siehe oben, und das sagen die Hersteller ja auch – es wird gekauft!
Wer ist verantwortlich für die Geschlechtergerechtigkeit ?
Ich habe den Eindruck, dass die frühkindlichen Erziehungsinstanzen, wie Kita, oft wenig darauf reagieren und den Kampf um die richtigen „Rosa Prinzessinnen“- Rucksäcke oder eben „Bob, der Baumeister“- Taschen für Mädchen und Jungen einfach zulassen!

Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt ist, dass Puppen wie Barbies die Körperwahrnehmung der Mädchen beeinflussen, um nicht zu sagen, völlig verändert – was ist dick, was ist dünn – was ist eigentlich normal?
Das gilt natürlich für die ganze Model – Werbung: Die Vorbilder werden immer künstlicher und unerreichbarer – und es ist für Mädchen und Frauen so schwer erkennbar, dass diese Bilder künstliche Objekte sind und keine tatsächlichen „echten“ Frauenkörper.

Wie sieht es mit Germanys Next Topmodel aus? Begegnen euch GNTM-relevante Themen in der Arbeit?

Dazu fallen mir die immer jüngeren, top gestylten Mädchen ein, mit kleinen BHs und Bikinioberteilen, die schon in frühestem Kindesalter fürchten zu dick zu sein.

Was für Probleme seht ihr im Bezug auf die Geschlechterrollen der Werbewelt? Haben sie Auswirkungen auf eure Arbeit?

siehe Antworten auf Frage 2

Herzliche Grüße an die KollegInnen von Pinkstinks!

Elisabeth Kretschmar-Marx

Und happy – oder besser: an effective? – Weltmädchentag von uns.