In dem neuen Kampagnenvideo „Honey and Dirt“ von „She‘s Mercedes“, einer großzügig angelegten Werbekampagne, die mehr Frauen zu Mercedes-Kundinnen machen soll, tanzt Paloma Elsesser in weiten Gewändern im schwarzen Sand der Vulkaninsel Lanzarote. Ihre kraftvollen Moves und der entspannte Elektrosound tragen einen weit weg aus dem grauen Hamburger Alltag, an einen paradiesischen Ort, mit tosendem Meer, sengender Sonne und staubtrockenen Wüstenboden.

Es gibt zahlreiche Topmodels auf dieser Welt. Paloma Elsesser ist eines davon, genau wie Ashley Graham oder Emme. Allerdings ist bei Paloma und ihren Kolleginnen, etwas seltsam: Wenn Magazine über sie schreiben steht da nicht (nur) „Fashion-Ikone“ oder „Topmodel“, sondern irgendwo davor immer der Titel „Plus-Size“ oder um den schönen deutschen Begriff zu bemühen: „Übergrößen-Model“.

Die Kampagne von Mercedes ist nicht die erste große mit Paloma Elsesser als Gesicht. Sie repräsentierte auch schon Nike

und Fenty Beauty – Und ist damit im Model-Kosmos ganz oben angekommen.

Ebenso ihre Kollegin Ashley Graham, die 6,6 Millionen Follower auf Instagram hat und das erste curvy Model auf der ‚Sports Illustrated‘ war. Auch viele curvy Kolleg_innen der beiden sind überall zu sehen von internationalen Laufstegen bis hin zur Titelseite der Vogue. Es gibt also immer mehr weibliche Modells jenseits der Kleidergröße 42, die international erfolgreich sind.

Aber nicht nur im weiblichen Model-Business verändert sich etwas, die renommierte Agentur IMG Models hat seit 2015 ebenfalls curvy Männermodels in ihrer Kartei.

Die werden allerdings nicht als „Plus-Size“ gelabelt, sondern als „Brawn-Model“, übersetzt in etwa Muskel-Model. Frauen sind also übergroß und Männer muskulös? – Eine uns gut bekannte Welt der Doppelstandards.

Übergrößen-Modell klingt nach Ausnahme, nach Sonderfall. Die Durchschnittskleidergröße von Frauen in Deutschland liegt momentan bei 42. Models wie Ashley Graham entsprechen damit in etwa dem Durchschnitt. Sie als „übergroß“ zu labeln scheint genauso befremdlich als wenn man darauf bestehen würde die Models von Victoria’s Secret als „Untergrößen-Models“ zu bezeichnen. In der eigens erschaffenen Kategorie „Plus-Size“ zeigt sich die Normierung von Körpern in der Werbung. Zwar ist es jetzt möglich auch normalgewichtige und dicke Frauen zu zeigen, aber sie brauchen eine extra Kategorie, die markiert, dass sie irgendwie anders sind. Models wie Elsesser und Graham gelten in diesem Zusammenhang nicht als eigentlich sondern als trotzem schön. Als Ausnahme von dem wie es ist und sein sollte. Beiden ist das nicht genug. Sie sind Vertreterinnen der Body-Positivity Bewegung und setzt sich somit dafür ein, dass sich genau dieses Schubladendenken ändert: „Mir ist wichtig, dass dieser Wandel nicht als Trend verstanden wird. Ich will, dass er Teil unseres gelebten Alltags wird,“ sagte Elsesser erst kürzlich im Gespräch mit der Vogue.

Im Gegensatz zur gängige Rezeption der Models in der Presse haben einige große Firmen inzwischen verstanden, dass Vielfalt keine neue Schublade braucht. So moderierte Nike bei der Kampagne im Jahr 2016 Paloma bewusst nicht als „Plus-Size-Model“ an, H&M bezeichnet Paloma in einem Artikel als „schreibendes Model“ und auch She`s Mercedes verzichtete bei der oben beschriebenen Kampagne auf Kommentare über ihren Körperumfang. Trotzdem, das Hauptproblem bleibt bestehen: Die meisten Bilder von Frauen jenseits der Körpergröße 42 findet man immer noch nur dann, wenn man aktiv nach ihnen sucht zum Beispiel auf exklusiven Unterseiten bei Instagram. Die Trennung bleibt bestehen. Es muss also immer noch nach „Übergröße“ oder „Plus-Size“ gegoogelt werden anstatt, dass es einfach zur Normalität gehört morgens auf dem Weg zur Arbeit dünnere und dickere Models nebeneinander auf den H&M- Billboards zu sehen. In der Werbung ist Vielfalt also noch lange nicht Mainstream, sondern bleibt eine Sparte!

Dass es auch anders geht zeigen zum Beispiel Modcloth auf ihrer Website. Wenn man dort online nach einem T-Shirt sucht werden diese ganz selbstverständlich auch von curvy Models neben den sehr schlanken Frauen, die wir gewohnt sind, präsentiert. So könnte die Zukunft aussehen!

Leider sind wir davon immer noch meilenweit entfernt: Bei den meisten großen Firmen ist „Plus-Size“, wenn es überhaupt Kleidergrößen jenseits der 42 gibt, immer noch eine eigene Kategorie oft sogar noch mit extra Design. Außerdem, sind die curvy Models, die es überhaupt in die Kampagnen der großen Firmen schaffen, normschön und meist sehr jung– Selbst, wenn das Stichwort Body Positivity heißt.

Und es ist auch wichtig im Hinterkopf zu behalten, dass es bei Body Positivity nicht darum geht Körper gegeneinander auszuspielen wie es manchmal passiert, wenn plötzlich gegen „dünne Magermodels“ gehetzt wird. Auch das wertet Frauenkörper ab. Man sollte nicht ein Schönheitsideal abschaffen um dann ein neues auf den Thron zu setzten und Frauen erneut daran zu messen. Das ändert nichts am System! Mehr kurze Haare zu zeigen bedeutet schließlich auch nicht, dass lange Haare doof sind. Kurvige Frauen sind nicht besser auf dem Laufsteg als schlanke Frauen. Vielfalt bedeutet einfach unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Körper zu zeigen ohne sie zu hierarchisieren und dann abzuwerten.

Hoffen wir also, dass endlich auf diese lahme Schubladenpolitik bei Instagram und Co verzichtet wird. Wir wollen unsere T-Shirts lieber an verschiedenen Körpern sehen und wünschen uns Kampagnen, in denen Vielfalt Normalität ist und keine extra Kategorien für bestimmte Körper geschaffen werden.

Quelle Beitragsbild: Paloma Elsesser, Instagram