Kommt eine Frau zum Arzt: „Herr Doktor, hier oben am Bauch, an Hals und im Nacken tut es so weh und ich bin so kurzatmig. Außerdem bin ich ganz furchtbar müde.“ „Ach, Sie sind vermutlich gestresst. Gehen Sie mal nach Hause und ruhen sich ein bisschen aus.“ Diese Frau hat gleich zwei Probleme. Sie hat einen Herzinfarkt – und sie ist eine Frau.

Bei Frauen zeigen sich im Falle eines Herzinfarktes nämlich andere Symptome als bei Männern. Männer klagen eher über das allseits bekannte Engegefühl in der Brust, das sich bis zum linken Arm ausdehnen kann, was selbst von medizinischen Laien sofort als Herzinfarkt identifiziert wird, so wird der Mann schnell ins Krankenhaus transportiert und behandelt. Den Infarkt der Frau hingegen erkennen häufig nicht einmal Ärzt*innen, weshalb er schwerer sein und schlimmstenfalls tödlich enden kann.

Aber warum sind die geschlechtsspezifischen Symptome eines Herzinfarktes so unbekannt? Weil in der Medizin leider hauptsächlich gilt: Wenn von Menschen die Rede ist, sind eigentlich immer Männer gemeint. In anatomischen Studien und Zeichnungen sehen wir Männerkörper, werden Arzneimittel getestet, dann meistens an Männern. Das gilt sogar für Versuchsmäuse, die männlich sind.

Aber warum sind Männer das Zentrum medizinischer Forschung? Zum einen, weil sie Männer sind und mit ihrem Selbstverständnis durch die Welt leben, voller Absicht und Hingabe von Gott geschaffen worden zu sein, während die Frau ja nur aus einer übrig gebliebenen Rippe schnell zusammengedengelt wurde. Zum anderen (da spielt dieses Selbstverständnis auch mit hinein) sind Frauen für die medizinische Forschung einfach viel zu kompliziert. Mit ihren Zyklen und Hormonschwankungen, die in die Studien und Forschungen mit einbezogen werden müssten, würden die Forschungsergebnisse viel komplizierter und viel später fertig werden

Der patriarchale Denkfehler: Die echten Frauen, für die die echte medizinische Diagnostik und Behandlung ja auch sein sollen, haben auch in echt Zyklen und Hormonschwankungen. Somit ist häufig gar nicht erforscht, wie Frauen auf Krankheiten und deren medizinische Behandlung reagieren. Das ist wirklich blöd, aber eben nur für die Frauen.

Daher ist es auch nicht sonderlich erstaunlich, dass sich auch fast nur Frauen in der Gendermedizin engagieren.

Die erste, die zum Thema Frauen und Herzkrankheiten forschte und publizierte, war die New Yorker Kardiologin Marianne Legato. Erst nach ihren Erkenntnissen wurde in klinischen Studien berücksichtigt, dass Frauen und Männer unterschiedliche Symptome zeigen und unterschiedliche Behandlung benötigen. Sie gründete die Foundation For Gender-Specific Medicine in New York, die seitdem forscht und publiziert und beweist, dass sich geschlechtsspezifische Unterschiede nicht nur auf Herzkrankheiten beschränken. Nur ein paar Beispiele: Männer erkranken drei Mal häufiger an Bauchspeicheldrüsenkrebs als Frauen. Die Aufnahme und Verarbeitung von Schmerzmitteln unterscheidet sich bei Männern und Frauen. Ostheoporose betrifft auch Männer, denen aber viel seltener als Frauen zu einem Knochendichte-Test geraten wird. Aufgenommene Nahrung benötigt doppelt so viel Zeit, den weiblichen Körper durch den Verdauungstrakt zu verlassen, als den männlichen. Frauen können Virusinfektionen besser abwehren, weil ihr Immunsystem aktiver ist, dafür haben Männer eine höhere Veranlagung zu Schluckauf.

Das erklärte Ziel der Gendermedizin ist es, für Awareness zu sorgen und für beide bzw. alle Geschlechter die Diagnose und Behandlung von Krankheiten zu verbessern und diese Ergebnisse zu einem Bestandteil der medizinischen Ausbildung zu machen.

Ein Institut für Gendermedizin gibt es übrigens auch in Deutschland. Also wirklich, EIN Institut. Die Pionierin, die bis 2019 Direktorin des Instituts war, ist Prof. Dr. h.c. Vera Regitz-Zagrosek. Sie ist Gründungspräsidentin der Deutschen und der Internationalen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin und hat an der Charité das einzige deutsche Curriculum für Gendermedizin in einem Medizinstudiengang aufgebaut. Das bedeutet, dass nur in Berlin zukünftige Ärzt*innen lernen können, wie sie in der Diagnostik und Behandlung geschlechtsspezifische Unterschiede einbeziehen. Die Patient*innen der anderen Ärzt*innen haben weiterhin Pech gehabt, weil diese in ihrer Ausbildung nicht für diese Unterschiede sensibilisiert werden, sie Symptome und Behandlungen falsch bestimmen und darüber hinaus die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie geschlechterspezifische Klischees reproduzieren. Sie schicken die Frau, die ihre Schmerzen und ihren Gesundheitszustand kann, schneller nach Hause, weil Frauen ja gern mal ein bisschen hysterisch reagieren. Ebenfalls wieder Zuhause sitzt dann aber leider auch der Mann, dem Mut und Worte fehlten, zu berichten, wie schwarz für ihn gerade alles ist. Eine Depression wird nicht in Betracht gezogen, weil „Frauenkrankheit“. Und gar nicht erst zum Arzt gegangen ist höchstwahrscheinlich der Transmensch, weil er Angst vor Diskriminierung hat.

In punkto Forschung und Lehre ist bei der Gendermedizin also noch deutlich Luft nach oben. Das Bundesministerium für Gesundheit hat deshalb auch 2019 für den Förderschwerpunkt Geschlechtsspezifische Besonderheiten in der Gesundheitsversorgung, Prävention und Gesundheitsförderung 3,5 Millionen eingeplant. Das ist allerdings eher ein Portokassenbetrag, wie das Neo Magazin Royale in einer Sendung berichtete, denn das gesamte Forschungsbudget des Gesundheitsministeriums betrug fast 124 Millionen Euro. So forderte das Magazin kurzerhand in der Sendung sowie auf einer eigens eingerichteten Webseite: gibgeldjens.de Der Bericht wurde über 750.000 Mal auf youtube geguckt und unter den Hashtag #gibgeldjens wurden in Tweets Argumente gesammelt, dass die Gendermedizin mehr Förderung bedarf.

Was es selbstredend auch gibt, ist Kritik an der Gendermedizin. Menschen monieren als sexistisch, dass nach geschlechtsspezifischen Unterschieden geforscht wird. Hier stellt sich allerdings die Frage, ob das nicht vielleicht dieselben sind, die finden, dass Frauen ganz schön hysterisch sind und Männer in der Gefühlsabteilung nichts verloren haben –  und das Thema deshalb genderspezifische Herzrhythmusstörungen bekommt.

Anmerkung: Da die Genderforschung überwiegend zwischen Mann und Frau unterscheidet, ist in diesem Text überwiegend die Rede von den binären Geschlechtern. Wir möchten aber entschieden darauf hinweisen, dass Menschen, die sich nicht eindeutig als Mann oder Frau zuordnen lassen wollen, und Menschen, die sich nicht mit den angeboren Geschlechtsmerkmalen identifizieren, nicht nur in der Gendermedizin nicht ausreichend erwähnt und berücksichtigt werden.

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