Manchmal glaube ich, in der kompliziertesten Elterngeneration zu leben, die es je gegeben hat. Wenn ich meine Töchter anmaule, dass ich verdammt noch mal nicht weiß, ob sie noch eine Stunde Musical.ly machen dürfen, wie sich das auf ihre Gehirnzellen auswirkt, ob es die Verblödungstendenzen ihrer Peergroup weiter befeuert oder sie zu neuen Kreativgenies macht, frage ich mich, wie andere Eltern das wissen können. Wie entscheiden die, wie lange ihr Kind was machen darf? Wie lange dürfen sich Kinder den Klassenchat auf WhatsApp reinziehen, ohne krasse Einschränkungen in ihren grammatischen Fähigkeiten zu erleben? Wissen die das? Bin ich die einzige Mutter auf der Welt, die Depressionen bekommt, wenn die Kinder, die bis vor kurzem noch Höhlen gebaut und sich Theaterstücke ausgedacht haben, zu dritt vor dem Smartphone sitzen und finden, dass Julien Bam „einfach unglaublich“ ist? „Und, Mami: Der macht das alles selbst! So cool!“

Liebes Gehirn, bitte beame mich zurück ins Jahr 1985. Da war ich 13 Jahre alt. Wenn ich die Welt meiner Kinder so schlimm finde, muss ich ja im kreativ-schöngeistigen Gegensatz dazu aufgewachsen sein. Mit Eltern, die genau wussten, wo die Grenzen zum Unpädagogischen waren. Nun.

Andere Eltern verzweifelten daran, dass ich zu Hause rauchen durfte. (Meine Mutter war der Meinung, wenn sie rauche, könne sie es mir schlecht verbieten, und mit 13 rauchte meine halbe Klasse.) Ich erinnere, dass eine Mitschülerin geschockt war, als sie an einem Übernachtungswochenende bei uns abends John Carpenters „Der Nebel des Grauens“ schaute (wir waren 11), sie konnte danach wochenlang nicht schlafen. Dienstags gab es bei uns „Dallas“, Mittwochs „Denver Clan“ und danach ausgiebige Gespräche, wie die Föhnwellen von Krystle Carrington nachgebaut werden konnten.

Auch das sonstige, vor Sexismus triefende Fernsehprogramm der 80er Jahre wurde nicht durch Literatur des Second Wave Feminismus aufgefangen – meine Mutter las mit Begeisterung Jeffrey Archer-Bestseller oder Biografien von Lady Di und dem Rest der Royal Family. Ich weiß noch, wie erstaunt ich war, als ich Familien kennen lernte, die unsere Schul-Literatur im Bücherregal hatten. Kafka, Werfel, Thomas Mann! Das waren auch die Haushalte, in denen abends Geschichten erzählt oder vorgelesen wurden und man am Wochenende einen Ausflug machte, statt gemeinsam „Bonanza“ zu schauen. Ich war darauf ein bisschen neidisch. Aber gleichzeitig fand ich diese Kinder immer etwas weltfremd. Wieso wussten die nicht, wer James Bond war? Oder wie der Heimatstern von Wonder Woman hieß? Wieso fanden die „Moonraker“ schon gruselig oder kannten nicht den Unterschied zwischen den „Waltons“ und „Unsere kleine Farm“?

Vielleicht ist es vielen glücklichen Zufällen (und dem britischen Humor meiner Mutter) zu verdanken, dass aus mir doch noch was geworden ist. Wenn ich aber an diese Mitschüler*innen zurückdenke, ist keine*r einen Lebensweg gegangen, mit dem ich tauschen wollen würde. Musical.ly ist und bleibt eine nervige Angelegenheit. Warum meine Töchter Ariana-Grande-Style Playback in eine Kamera singen müssen, verstehe ich nicht. Dass ich mit einer Taschenlame als Mikro Kim Wilde nachahmte, während meine große Liebe Philipp mit einem Tennisschläger Gitarre spielte (wir waren 10 Jahre alt), war sicher genauso hirnlos – aber unsere Eltern interessierten sich nicht die Bohne dafür, was wir machten, Hauptsache wir waren um 19 Uhr zum Abendbrot zu Hause. Immerhin helicoptern wir Millenial-Eltern im Hintergrund, während sich unsere Teens sehr viel Blödsinn auf Youtube reinziehen. Und wenn meine Kleine mir dann stolz ihren selbstgebastelten Smartphone-Holder zeigt, dessen Anleitung sie aus einem DIY-Video hat: was soll ich da noch gegen sagen?

Das mache ich jetzt öfter: Immer wieder tief atmen und mich ins Jahr 1985 zurück beamen. Zur Wichtigkeit von Fiorucci-Jeans, nach Erdbeerplastik riechenden Samt und Sonders-Radiergummis und „Claudia hat ’nen Schäferhund“ von den Ärzten. Hirnloser als stundenlanges Flippern, langweilen in Raucherecken oder erste Alkohol-Mutproben ist Musical.ly nun wirklich nicht. Im Ernstfall sehr viel gesünder. Vielleicht ist es einfach Zeit, auszuhalten, dass die Kuschel-Kleinkindzeit vorbei ist und die Kinder in Welten eintauchen, die wir doof finden. Damit wir uns darauf freuen können, dass sie irgendwann ausziehen oder wenigstens alleine in den Urlaub fahren.

Lieben Gruß! Eure Stevie