Seit einigen Tagen erreicht uns immer wieder der Hinweis auf einen Text, den Wolfgang Bergmann bei der Welt über „weibliche Pädagogik“ geschrieben hat.

Und obwohl der Text eine ziemliche Frechheit ist, weil er nicht nur Jungen in gängigen Klischeevorstellungen von Männlichkeit erstickt, sondern auch die Auffassung mitbegründet hat, daran sei die „pädagogisch korrekten Frauenwelt von heute“ schuld, haben wir ihn bislang nicht kommentiert. Das liegt daran, was der Text noch ist: Nämlich eine von diesen Internetgeschichten, die einfach nicht der digitalen Vergessenheit anheimfallen wollen, weil immer wieder Leute darüber stolpern, sich zu Recht aufregen und ihn anschließend über die sozialen Medien teilen. Der Text ist inzwischen 4 Jahre alt und der Autor seit mittlerweile 3 Jahren verstorben.
Da überlegt man sich sehr genau, ob es angebracht ist, solche Aussagen noch einmal hervorzukramen, um ihnen so erneut Aufmerksamkeit zu verschaffen. Andererseits: Bergmanns Thesen wirken bis heute nach (über 70000 Likes) und finden ganz von alleine Leserinnen und Leser, weil sie eine Debatte befeuert haben, die immer noch andauert. In dieser Debatte dreht es sich um Jungen, die nicht mehr „Jungen sein dürfen“ und denen es zunehmend schwer fällt, im Bildungssystem zu bestehen, weil ihnen angeblich von den mehrheitlich weiblichen Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen „männliche Verhaltensweisen“ verboten werden.

Wie gesagt, eine ziemliche Frechheit. Kein Wort davon, dass Erziehungsarbeit gerade an und für kleine Kinder schlecht bezahlt wird und man mal darüber nachdenken sollte, ob man ausgerechnet diejenigen beschuldigt, ihren Job schlecht zu machen, die sich zu dieser Arbeit unter schwierigen Bedingungen bereiterklären, weil sie sie als Berufung auffassen.
Auch kein Wort darüber, dass es keine Verschwörung gibt, die Männer aus Kitas fernhalten soll, und dass die meisten Einrichtungen vielmehr händeringend nach Erziehern suchen. Stattdessen viel über „den Jungen an und für sich“. Oder wie es Bergmann an anderer Stelle formuliert: „Jungs sind schon im zarten Alter von zwei bis vier Jahren völlig anders als Mädchen. Sie müssen ihre Erfahrungen mit dem Raum um sie herum auch mit männlicher Wucht machen können.“ Mit „Antimännlichkeitserziehung“ käme man da nicht weiter.
Leider spricht aus dieser Ansicht nur die Überzeugung, dass Jungs anders als Mädchen zu sein haben, ja anders sein müssen. Wucht ist demnach nur etwas für Jungen, die wegen ihrer „angeborenen Aggression“ nicht daran gehindert werden sollten, äußere Räume zu besetzen. Für Mädchen bleibt so lediglich der Rückzug ins Innere. Wenn aggressives Verhalten, Wettkampfgeist und der Wunsch, sich zu beweisen, verpflichtend ein Geschlecht zugewiesen bekommt, werden ebenso verpflichtend Ausschlüsse produziert.
Statt Kinder zu fragen, was sie sein möchten, markieren Bergmann und andere Verhalten geschlechtlich, um Forderungen zu erheben: „Sei ein Mann und kein Mädchen! Hör auf zu weinen! Sei kein Waschlappen!“
Das Ergebnis sind Klischees und Zwänge. Boxen, in die Menschen gesteckt werden. Masken, in denen wir zu leben haben.

Zeit, die Masken abzulegen.