„Meine halbe Klasse singt ständig Rapsongs mit, in denen Frauen als Schlampen bezeichet werden, die wahlweise nur hinter dem Geld von Männern her sind oder ihnen für Sex zur Verfügung zu stehen haben? Was kann ich dagegen tun? Ich will das nicht unkommentiert lassen, aber das Lied ist ganz oben in den Charts.“

Solche und ähnliche Anfragen bekommen wir von Lehrer*innen zuhauf eingeschickt. Sie drehen sich alle um die Problematik, dass Jugendliche sich für Rapsongs begeistern, die sich durch Gewaltverherrlichung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit auszeichnen. Doch die Frage nach dem Umgang mit solchen Texten ist nicht nur in Schulen schwierig zu beantworten. Stattdessen tut sich die Öffentlichkeit als Ganzes damit schwer. Wenn der Rapper Bushido und Träger des Bambi-Integrationspreises 2015 auf Stress ohne Grund darüber rappt, dass er „Politikerschwuchteln foltert“ und auf „Claudia Roth schießt, bis sie Löcher wie ein Golfplatz kriegt“, dann regt sich nicht nur das halbe Land geplant und verkaufsfördernd darüber auf, sondern die Bundesprüfstelle für jungendgefährdende Medien indiziert den Song, damit er nicht länger an Jugendliche verkauft werden darf. Nur um wenig später von einem Gericht darüber belehrt zu werden, dass das Kunst ist und eine Indizierung viel reiflicher überlegt werden muss.

Rapmusik ist in erster Linie Kunst zu Unterhaltungszwecken. Ebenso wie bei anderen künstlerischen Ausdrucksformen (Kinofilme, Computerspiele etc.), die gewalttätige und menschenverachtende Motive enthalten, kann kein kausaler Zusammenhang zwischen der Konsumierung dieser Kunst und einem aggressiveren Verhalten hergestellt werden. Der Versuch wurde zwar immer wieder unternommen, aber insbesondere an Studien rund um Computerspielen lässt sich zeigen, dass dieses Ursache-Wirkung-Prinzip zu kurz greift. Spiele sind zwar durchaus in der Lage, bereits vorhandene Stimmungen zu vertiefen, aber sie machen nicht grundsätzlich aggressiv. Ähnlich verhält es sich mit Rapmusik. Zwar ist immer wieder versucht worden, ihr eine Verrohung der Jugend nachzuweisen. Aber es sind dann eben auch die Verantwortlichen der Studie selbst, die darauf hinweisen, dass Monokausalitäten nicht erkennbar sind.

Die Verrohung der Jugend ist dabei ein Vorwurf, der nicht nur Rapmusik gemacht wird. Schon lange vor der Entstehung von Cuts, Scratches und den ersten gerappten Zeilen in New Yorker Hinterhöfen, haben sich ganze Generationen von Eltern über die schädlichen Einflüsse von Elvis Presley, den Beatles und der Stones auf die Jugend beschwert: Zu laut, zu sexualisiert, zu aufputschend und aufrührerisch. In der damaligen DDR glaubte man 1965 gar einen „schädlichen Einfluss der Beatmusik auf den Klassenkampf“ zu erkennen, dem es sich entschieden entgegenzustellen gelte.

Von da aus ist es kein großer Schritt in die 90er Jahre, als besorgte, vornehmlich weiße Eltern nach drakonischen Strafen für Gangsta-Rapper riefen und ihre Musik verbieten wollten. Einer Musik, die sich von Anfang an eben nicht nur sexistische Gewaltorgien zelebrierte, sondern als Teil der Hiphop-Kultur immer auch Protest gegen das herrschende System und scheinbar übermächtige Ungerechtigkeit war. Eine emanzipatorische Bewegung gegen Rassismus und Ungerechtigkeit, die Geschichten erzählt, die viel zu lange unerhört blieben, obwohl sie die Lebenswirklichkeit zahlreicher Menschen abbildeten.

Dieser Umstand ist deshalb wichtig, weil er einen Hinweis darauf gibt, dass sich Rapmusik nicht durch äußeren Druck von seiner Frauenverachtung oder auch seiner Schwulenfeindlichkeit trennen wird. Diese Reformation des Hiphops wurde längst eingeleitet – aus dem inneren der Kultur. Künstler*innen wie die Rapperin Sookee, Antilopen Gang, Juse Ju und andere arbeiten beständig daran, dass sexistische Antlitz von Rap zu verändern.

Und der Rapper und Gründer der Battlerap-Plattform Rap am Mittwoch, Ben Salomo, distanziert sich mittlerweile von seiner eigenen Szene, weil er nicht mehr bereit ist, deren Antisemitismus noch länger hinzunehmen.

Mittlerweile bereist er das Land, schreibt Bücher und hält Vorträge und Workshops in Schulen zu der Frage, warum es auch in einer Kunstform, in der es darum geht, das Gegenüber möglichst hart und kreativ zu beleidigen, Grenzen geben sollte. Ihm zufolge geht es im Battlerap in Ordnung, mit Bezug auf die Person zu beleidigen. Ständige abwertende Verweise ohne jeden Zusammenhang (wie beispielsweise auf Juden, obwohl das Gegenüber nicht jüdischer Herkunft ist), seien hingegen ein Indiz für eine diskriminierende Haltung. Interessanterweise blendet er dabei aus, dass Frauen, Homosexuelle, Sexarbeiterinnen und fette Menschen scheinbar immer ohne Zusammenhang herabgesetzt werden dürfen – das gehört zum allgemeinen Sprachgebrauch der Szene.

Was also tun, wenn die ganze Klasse Prinzessa von Capital Bra mitsingt und sich damit gleichzeitig über „fake Weiber“ aufregt, denen es zwar „unter seinem Gürtel schmeckt“, die aber ansonsten nur an sein Geld wollen? Was tun, wenn die Texte der Hamburger 187 Straßenbande in jeder Pause zu hören sind, während sich mittlerweile die Polizei mit der Frage beschäftigt, wie viele von den allgegenwärtigen Gangsterrappthemen Drogen, Huren und Waffen so real sind, dass sie strafrechtliche Konsequenzen haben sollten? Die Antwort darauf kann nicht das Verbot von Rapmusik sein. Auch nicht das Ignorieren dieser Kultur. Die Antwort darauf ist bessere Rapmusik, Bildungsarbeit und Aufklärung. Die Antwort besteht darin, diskriminierende Gemeinplätze zu hinterfragen, indem man sich darüber verständigt, dass es für jede*n eine Grenze des Erträglichen gibt. Das ist keine Schwäche. Als die Rapperin Pilz sich im verbalen Duell mit einem muslimischen Kontrahenten ein Kopftuch umlegte und seine Religion beleidigte, wurden viele Rapfans, die sich mit ihrem Sexismus gewöhnlich hinter dem Slogan Ist doch nur Rap verstecken, plötzlich sehr ungehalten und drohten mit Vergewaltigung und Mord.

Das stetige Thematisieren einer Doppelmoral, die sich herausnimmt, permanent Minderheiten und Marginalisierte zu verhöhnen, sich aber die Verhöhnung ihrer Religion verbittet, bewirkt mehr als Verbote. Marcus Staiger, einer der einflußreichsten Personen im Deutschrap kommentierte dazu:
„Wenn eine Rapperin Todesdrohungen bekommt, weil sich irgendwelche Vertreter einer Religion auf den Schlips getreten fühlen, dann wünsche ich mir, dass sich Frauen bewaffnen, um mal all diejenigen zu bedrohen, die das weibliche Geschlecht beleidigen und Frauen verachten.“

So ein Clip wie oben kann mit Schüler*innen diskutiert werden um genau diese Doppelmoral aufzuzeigen und auf seinen politischen Widerstand, wie den von Sookee, hinzuweisen. Auch die kapitalistische Komponente kann im Gesellschaftsunterricht thematisiert werden: Rapmusik als milliardenschweres gobales Business, das vor allem Jugendliche begeistert. Nicht zuletzt in seiner harten, unangepassten, diskriminierenden und gewaltverherrlichenden Form. Wichtig ist jedoch, immer wieder die Anfänge von Rapmusik als Protest darzustellen – und, wie so oft, die marktwirtschaftlichen Kräfte, die daraus eine Jugendkultur machten, an der man vor allem verdienen kann.