Ich sitze in der S-Bahn. Neben mir sprechen zwei Teenagerinnen über ihre Schule und die Masturbation Challenges, die die Jungs in ihrer Klasse absolvieren. Ach klar, denke ich, Wichswettbewerbe, in denen wie oft, wie lange, wie weit gespritzt, abgefeiert werden. Aber nein, hier geht es um das komplette Gegenteil: Gruselige Enthaltsamkeit.

NoFap heißt der zweifelhafte Trend, der 2011 ins Leben gerufen wurde und seitdem zwar das Internet in Erregung versetzt, Männern hingegen die sexuelle Erleichterung verweigert. WTF! Weshalb, frage ich mich, haben Menschen Jahrzehnte dafür gekämpft, sich selbst befummeln zu dürfen, ohne mit der Androhung von Blindheit, Rückenmarkschwund oder Wahnsinn bestraft zu werden, damit Jugendliche nun reihenweise auf Masturbation verzichten?

Um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, ist eine häufige Antwort unter NoFappern. Enthaltsamkeit helfe, um von den bösen Pornos wegzukommen. Die Antwort auf böse Pornos ist aber nicht, keine Pornos, sondern bessere, wie schon PorYes-Ikone Annie Sprinkle wusste. Die Idee, sich selbst heiße Gedanken zu machen, muss wohl  verloren gegangen sein. Oder wie erklärt sich die Vorstellung, es lasse sich nur dann einer von der Palme schütteln, wenn ein filthy Filmchen Licht spendet? Aber vielleicht ist es auch einfach zu viel Aufwand, mehr in die Lust an sich selbst zu investieren als in zwei Klicks im Internet. Statt Alternativen zum Porno in Erwägung zu ziehen, wird lieber der Wichsverzicht propagiert, der einen Mann nicht nur zum besseren Menschen erziehe, sondern auch die physische und psychische Gesundheit fördern soll. Und das 50 Jahre nach Dr. Sommer.

Das Beste holt ein Mann also nicht länger aus sich heraus, indem er fleißig ejakuliert. Heroische Aufgaben löst nur, wer seine Säfte spart. Kein Witz. Fragt mal Kollegah. Oder schaut in medizinische Ratgeber aus dem 18. Jahrhundert. Da wird ganz ähnlich argumentiert. Nicht ganz zufällig im Dienste einer Gesellschaft, die sich damals anschickte, körperliche Impulse der geistigen Vernunft zu unterwerfen. Reproduzieren lässt sich so vor allem eins: Der Kapitalismus.

Und der braucht keine Disziplinlosigkeit, keine Männer, die nix anderes in der Hose haben, als eine Dauerrektion. Oder auch keine. Denn das ist die nächste Legende. Wer nicht wichst, hat standhaftere Erektionen. Dabei wissen alle, die Dinge gerne aufschieben, dass sie dann erst recht liegen bleiben.

Zugegeben, es gibt im Tantra die Herangehensweise, den Orgasmus immer wieder aufs Neue herauszuzögern oder ganz zu unterdrücken, um letztlich intensiver explodieren zu können. Aber welcher 15-Jährige muss tantrisch erleuchtet sein? Da geht es doch erst mal darum, herauszufinden, wie der eigene Körper funktioniert, was Lust macht, was nicht, was mehr oder weniger Stimulation braucht. Darum, wie sich vielleicht der heikle Punkt, an dem der Orgasmus nicht mehr aufzuhalten ist, leichter umschiffen lässt und welche Beckenbewegungen welche Stoßtechniken bedingen. Lauter Dinge, die Vaginas zu schätzen wissen.

Denn um Vaginas geht es auch den NoFappern  – wer brav aufs Wichsen verzichtet, wirke männlicher und dadurch attraktiver auf Frauen, glauben sie. Lasst es euch gesagt sein Jungs, nichts ist attraktiver für eine heterosexuelle Frau, als ein Mann, der seinen Körper kennt und weiß, was ihm Lust bereitet und was nicht. Ganz davon abgesehen, dass Selbstbefriedigung auch Selbstfürsorge ist. Dass Pornos allein dafür nicht die besten Wichsvorlagen liefern, ist unbestreitbar. Aber ganz auf Selbstbefriedigung zu verzichten und das auch noch als gesund und männlich zu propagieren, ist so überholt wie der Gedanke, Sex außerhalb der Ehe verursache Krebs. Aber wer weiß, vielleicht wird uns das ja als Nächstes erzählt.

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