Blind oder bigott? – Der Sexismus in Parteien

Da hat Jenna Behrends, die für die CDU in der BVV Berlin Mitte sitzt, etwas Ungeheuerliches gewagt: Sie hat bei den Kolleginnen der Edition F darüber gesprochen, welchen Sexismus sie in der Berliner CDU erlebt hat und wie ihr durch Gerüchte und unfaires Ausgrenzen Steine in den Weg gelegt wurden. Sie wurde als „große, süße Maus“ bezeichnet, offenbar vom bald ehemaligen Innensenator Frank Henkel, der in einer anderen Situation einen Parteikollegen gefragt haben soll:

„Fickst du die?“

Am Ende von Behrends Bericht ruft die Edition F dazu auf, unter dem Hashtag #sexismusinparteien zu teilen, welche Erfahrungen man selbst mit Sexismus in Parteien und in der Politik gemacht habe. Das Thema ruft sehr viele Reaktionen hervor, eine kleine Auswahl:

„Enttäuscht über Inhalt und Stil“

Der Tagesspiegel hat den scheidenden Innensenator mit den Vorwürfen konfrontiert. Erstaunlich, was der zu sagen hatte:

„Die CDU Mitte und ich als Kreisvorsitzender haben in der Vergangenheit immer wieder auch Quereinsteigern eine Chance gegeben. Dass Frau Behrends heute in der BVV sitzt, ist dafür ein gutes Beispiel. Auch bei der Abgeordnetenhauswahl und der letzten Bundestagswahl haben wir Quereinsteigern eine Chance gegeben, zum Beispiel Philipp Lengsfeld und Florian Noell. Wenn sich Frau Behrends mit mir austauschen will, steht ihr meine Tür wie jedem anderen Mitglied meines Kreisverbandes für ein Gespräch offen. Solche Dinge sollten nicht im Raum stehen bleiben, sondern geklärt werden. Versuche einer Kontaktaufnahme durch den Kreisverband waren bislang leider erfolglos.“

Worum geht es hier? Offenbar nicht um einen Sexismus-Vorwurf, sondern um die Frage der Förderung von Quereinsteigerinnen, um den Erfolg zweier männlicher Kollegen (Lengsfeld und Noell), um einen Austausch zwischen Behrends und Henkel – „meine Tür steht offen“ – und ein Vorwurf: Man bekommt keinen Kontakt zu Behrends nach dem Brief. Kein einziges Wort der Entschuldigung und noch viel wichtiger: Er streitet nicht ab, solche herabwürdigenden Dinge zu ihr und über sie gesagt zu haben. Stattdessen verweist er auf seine offene Tür – aber wer, der dermaßen ekelhaft von jemandem objektifiziert und sexualisiert wurde, würde gern durch dessen offene Tür kommen?

Dass Henkel zudem „ein bisschen enttäuscht über Inhalt und Stil“ ist, wirkt wie blanker Hohn in den Augen vieler, die sich jetzt in den sozialen Medien einmischen. Natürlich ist vom Victim Blaming bis zur Relativierung unter dem Hashtag alles dabei.

presser

Der stellv. Bundesvorsitzende der Mittelstands-und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU, Jürgen Presser, ist sich noch nicht mal zu schade, Behrends ein „Mimimi“ hinterherzuwerfen und zu garantieren, dass die CDU nicht sexistisch sei. Aber es lohnt sich, die Debatte zu nutzen, um die „Attraktivität und Fairness“ des deutschen Parteiensystems gegenüber Frauen unter die Lupe zu nehmen. Wie hältst du es mit dem Geschlecht, liebe Parteipolitik?

Lange Zeit habe ich als Bundesvorstandsmitglied und Redakteurin der Grünen Jugend relativ hautnah mitbekommen, wie die „Alt“-Partei es mit den Frauen hielt. Immerhin: Hier gab es ein harte 50-Prozent-Quote für alle Ämter, Listen und Funktionen. Frauen sind daher in der Partei eine Selbstverständlichkeit. Das macht es auf jeden Fall leichter, ernst genommen zu werden. Wer sich vernetzen kann und im Zweifelsfall nicht alleine dasteht, wenn ihr Sexismus passiert, dem passiert letztendlich auch weniger, denn das Machtgefälle ist nicht so groß, wie in einer Partei, in der Frauen eine Minderheit sind. Sexismus basiert immer auf einem Machtgefälle und könnte das größer sein, als zwischen einer ambitionierten Frau in der Kommunalpolitik und dem Spitzenkandidat des Landes?

Karrieregeil

In einer Partei, in der es nicht selbstverständlich ist, dass Frauen genauso repräsentiert werden, wie Männer – und das ist in der CDU ganz offenbar der Fall, auch wenn jetzt einige einwerfen, die Debatte sei ein Hohn, weil Merkel und von der Leyen den Gegenbeweis lieferten, aber dazu weiter unten noch mehr – hat eine ambitionierte junge Frau aber neben den sexistischen Männern ein weiteres Problem: die sexistischen Frauen.

„Die ist so karrieregeil und will bei der nächsten Vorstandswahl auch noch hier Vorsitzende werden.“

Gibt es dieses Wort in Zusammenhang mit Männern überhaupt? Fakt ist: Wenn eine Frau in der Politik Karriere machen will, also genauso wie es Männer schließlich ganz selbstverständlich tun, dann können sich einige Hürden vor ihr auftun:

  • ihr wird auf Parteitagen oft weniger zugehört, als ihren männlichen Kollegen
  • wenn sie in den Medien erscheint, wird man sie zuerst nach ihrem Äußerem beurteilen – was für einen Hosenanzug oder was für ein Kleid trägt sie, wie fallen ihre Haare, welche Geräusche machen ihre Schuhe, wenn sie läuft und trägt sie eigentlich Lippenstift?
  • hat sie Familie, wird man sie wahlweise deswegen schräg anschauen, weil sie trotzdem da ist („und wer ist bei den Kindern??“), oder wenn sie nicht kommt („typisch Mütter“)
  • hält sie in einem Plenum mit anderen Parteien eine Rede, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die Zwischenrufe, die sie erhält, ad hominem und sexistisch sind, als bei einem männlichen Kollegen
  • setzt sie sich innerhalb ihrer (sehr männlich dominierten) Partei nur einmal für gleiche Rechte für Frauen ein, wird sie immer auf dieses Thema festgelegt werden und ihr eigentliches Steckenpferd leidet darunter
  • setzt sie sich in ihrer Partei für eine Frauenquote ein, die es noch nicht gibt, wird man sagen, sie wolle einen „Tittenbonus“

Das sind meine ganz persönlichen Beobachtungen aus einigen Grünen-Parteitagen, aus vielen Jahren Medienkonsum, Freundinnen bei den Piraten, Wegbegleiterinnen, die jetzt im Abgeordnetenhaus Berlins sind, Besuche im Abgeordnetenhaus und bei Ausschusssitzungen desselben und Interviews und Gesprächen mit Politikerinnen aller Parteien. Und ich bin noch nicht einmal zu dem Punkt „Vereinbarkeit“ gekommen! Denn wie die Politik in Parteien mit einer Familie vereinbar sein soll, ist mir schon sehr lange ein Rätsel: Alle Sitzungen am Wochenende oder in den Abendstunden, in den Wahlkämpfen gilt absolute Opferbereitschaft und wer all das nicht leisten kann oder will – neben Job, Familie und Freizeit – der hat sich eben nicht genügend engagiert! Auch das ist in Jenna Behrends Brief zu lesen, dass man Leuten vorwirft, wenn sie sich nicht zum Muli machen für ihre Partei:

Wenn du dieses Thema offen auf dem Nominierungsparteitag ansprichst, während ich nach meiner Bewerbungsrede alleine auf dem Podium stehe (Wortlaut: „Wie viele Plakate haben Sie denn schon in Ihrem Leben geklebt, Frau Behrends?“), dann kann ich darauf immerhin reagieren. Dann kann ich dir erklären, dass mein Ortsverband mich vorgeschlagen hat, weil er daran glaubt, dass eine junge Frau gut für die Wahlliste und die spätere Fraktion ist und es eine Qualifikation gibt, die sich nicht in der Zahl aufgehängter Plakate bemisst.

Nächste Baustelle: Vereinbarkeit

Wann immer ich Politikerinnen auf die Frage anspreche, wie denn eigentlich Alleinerziehende – die Gruppe mit dem größten Armutsrisiko in Deutschland – ihr passives Wahlrecht wahrnehmen sollen, wenn die Politik derart darauf ausgerichtet ist, dass ein Mann von seiner Frau zuhause den Rücken freigehalten bekommt wie in den 50ern, blicke ich in ratlose Gesichter und auf zuckende Achseln.

Ja: Es ist verdammt gut, dass Jenna Behrends den Mund aufgemacht und den Sexismus der Parteien auf den Tisch gebracht hat! Denn in einer repräsentativen Demokratie haben Diskriminierung von Frauen und auch von Familienmenschen absolut nichts verloren.