Vor kurzem schrieb mir eine Gruppe Feministinnen, die ein Problem mit einem meiner Artikel über Opfer von sexualisierter Gewalt hatten, weil diese Opfer Männer waren. (Disclaimer: Es geht im Folgenden nicht darum zu zeigen, wie absurd dieser Brief war. Da bekomme ich viel absurdere Post.)
Die Männerfrage ist eine ernsthafte Frage, also verdient sie auch eine ernsthafte Auseinandersetzung. Und die Briefschreiberinnen sind durchaus nicht die einzigen, die sich und mir diese Frage stellen. Im Kern geht es um folgende Punkte:

  1. „In einer patriarchalen Gesellschaft ist Betroffenheit nicht gleich Betroffenheit. Es ist NICHT egal, welches Geschlecht Betroffene (oder Täter*innen) sexualisierter Gewalt haben.“
  2. Geschlechtsspezifische Machtverhältnisse bestehen zum Nachteil von Frauen (und Vorteil von Männern).
  3. Frauen könnten sich nicht ernst genommen fühlen, weil ich auch Männern zuhöre.

Oder kürzer: Warum schreibe ich soviel über Männer?

Also: warum schreibe ich soviel über Männer? Ganz ehrlich: Weil ich danach gefragt werde. Und zwar ständig. In meiner Kulturgeschichte der Vergewaltigung behandelt nur ein Kapitel von insgesamt 17 die Situation von Männern, trotzdem ist es das, auf das ich am häufigsten angesprochen werde. Den taz-Artikel über Männer als Opfer habe ich erst nach mehrmaligem Bitten geschrieben. Nicht, weil ich mich so gerne bitten lasse, sondern weil ich gerade überhaupt keine Zeit hatte.

Die richtige Frage wäre also, warum werde ich ständig nach den Männern gefragt? Ich glaube, das liegt daran, dass es dort ein Vakuum gibt, ein Vakuum an Wissen und Personen, die dazu schreiben. Also natürlich gibt es genügend Menschen, die zu dazu forschen und denken und arbeiten, aber anscheinend nicht der Welt der Journalist*innen, die zu den Themen rund um Feminismus publizieren.

Ähnlich ist es mit diesem Blogbeitrag, um den mich Nils Pickert nach einer gemeinsamen Podiumsdiskussion bat, weil ich einen Satz gesagt hatte, der mir so selbstverständlich erscheint, dass ich immer wieder überrascht bin,  dass ich ihn immer wieder erklären muss:

Das Patriarchat schadet Männern ebenfalls.

Ja, was denn sonst? Denken wir, dass Männer im Patriarchat 5 Jahre früher sterben als Frauen, weil sie halt schneller kaputt gehen?
Das bedeutet nicht, dass Männer jetzt genauso weitermachen sollen wie bisher, schließlich werden sie ja auch diskriminiert, also sich genauso zu Tode schuften und über ihre Grenzen gehen und ihre Gefühle abschneiden sollen – vielleicht schaffen wir dann irgendwann einen Lebenserwartungsunterschied von 6 Jahren. Sondern dass wir für alle Geschlechter menschenfreundlichere Lebensmodelle brauchen.

Historisch gab es eine Menge Gesetze, die Frauen benachteiligt haben. Sie abzuschaffen hat Frauen nicht bevorzugt, sondern sie überhaupt erst einmal rechtlich gleichgestellt. Und es gibt noch immer solche Gesetze, wie z.B. den §218 (Abtreibung ist eine Straftat) oder den §219a (Werbung für Abtreibung ist eine Straftat, nach dem gerade die Ärztin Kristina Hänel verurteilt worden ist, weil sie auf ihrer Webseite auf Abtreibung hingewiesen hat). Allerdings gibt es auch Gesetze,  die Männer benachteiligen, wie den §183 (Exhibitionismus ist nur bei Männern eine Straftat).

Was das für konkrete politische Forderungen bedeutet, muss man sich in konkreten Fällen anschauen. So gibt es Studien, dass bei häuslicher Gewalt gegen Männer Männerhäuser nicht die beste Lösung sind, sondern eher Mediation und andere Hilfen, wie übrigens in vielen Fällen von häuslicher Gewalt gegen Frauen auch. Es geht nicht darum, jetzt genauso viele Männerhäuser zu bauen. Auch der Internationale Männertag (ja, den gibt es) ist nicht dafür da, das Wahlrecht für Männer zu erkämpfen. Warum auch? Sie haben es ja in der Regel schon. Sondern um alternative Männerrollen zu feiern und die Kommunikation zwischen den Geschlechtern zu fördern.

Wenn wir toxische Männlichkeit überwinden wollen, dann müssen wir ihnen erlauben zu detoxen & dazu gehört, über die eigenen Schmerzen und Verletzlichkeiten reden zu dürfen,

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Video-Link: https://twitter.com/AyeYoVontay/status/937706579444617216

ja sogar auch über die eigenen Diskriminierungserfahrungen. Das macht keine Diskriminierungserfahrung von Frauen geringer. Auch wenn wir das so in unserer Gesellschaft gewohnt sind: Mir geht es auch schlecht, also stell dich nicht so an. Falsch. Es geht nicht darum, Diskriminierung von Männern gegen Diskriminierung von Frauen auszuspielen, sondern diese zusammen zu denken, um ein System zu ändern.

Feminist*innen haben es schon einmal geschafft, mit einer Gruppe, die gesagt hat Halt, wir werden auch unterdrückt und teilweise von Euch klar zu kommen. Nämlich mit women of colour. Das Ergebnis war, dass die Feminismen komplexer und … ja ich benutze dieses Wort jetzt einmal: besser geworden sind.

Entsprechend denke ich, dass auch Männer – in Abwandlung von Susie Orbachs Diktum Fat is a Feminist Issue – ein feministisches Thema sind. Vielleicht nicht das erste und nicht zwingend für jede Feministin. Aber aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive gilt: Men are a feminist issue. Eine Feministische Utopie ist nur möglich, wenn alle Geschlechter befreit sind.