Inzwischen hat es sich vielleicht herumgesprochen: Ich habe ein Buch geschrieben, in dem es um die Erziehung von Jungen geht, um Männlichkeitsbilder und um Freiheit. Wie das mit Büchern immer so ist, dauert es zwar noch ein bisschen, bis alles durch die Postproduktion ist, aber der Termin steht.

Ich fand, dass es für dieses Thema allerhöchste Zeit ist. Seit einigen Jahren geht nun mittlerweile schon das Gespenst des „verweichlichten, verweiblichten Jungen“ um, der gegenüber Mädchen immer mehr ins Hintertreffen gerät, weil es ihm nicht mehr gestattet ist, sich wie ein „richtiger Junge“ zu verhalten. Um das Stück für Stück auseinanderzunehmen, braucht es mehr als einen Artikel. Das geht schon damit los, dass die Eingangsdiagnose darüber, dass Jungen inzwischen das „benachteiligte Geschlecht“ sind, so falsch gar nicht ist. Nur eben aus völlig anderen Gründen. Nicht etwa, weil sie in unseren Bildungseinrichtungen von Frauen „verweiblicht“ werden – denen man mit diesem Vorwurf mal so nebenbei auch noch dafür eine mitgibt, dass sie aus Überzeugung und Berufung sich mit viel zu wenig Wertschätzung um Kinder kümmern. Sondern weil Eigenschaften, die man klassischerweise mit Weiblichkeit assoziiert, in unserer zunehmend digitalisierten Gesellschaft immer wichtiger werden, aber Jungen qua Geschlecht nicht offenstehen sollen.

Und es endet auch nicht mit dem Einwand, der der Ankündigung des Buches auf dem Fuß folgte, ja folgen musste: Wenn wir Jungen gestatten, so weich, trost- und schutzbedürftig zu sein, wie sie eben nun einmal auch sind und schon immer waren: Wer kämpft dann für uns? Wer zieht in den Krieg und verteidigt unsere Freiheit?

Man könnte diese Frage mit einem schlichten Verweis auf Pazifismus beantworten. Damit, dass kriegerische Auseinandersetzungen grundsätzlich abzulehnen sind. Aber das ließe den eigentlichen Kern der Frage unberührt. Deshalb will ich mich bemühen, sie so ernst wie möglich zu nehmen.
Was bedeutet diese Frage? Wer ist „uns“? Welches „uns“ betätigt sich hier kriegerisch und besteht auf Jungen und Männer als „Menschenmaterial“ für diese Auseinandersetzung? Wieso sollten sie aufgrund ihres Geschlechts dazu verpflichtet sein, sich für kriegerische Handlungen zur Verfügung zu halten, dabei Schmerzen und Versehrtheit in Kauf nehmen – auf die Gefahr hin, dabei ihr Leben zu verlieren?
Gewöhnlich wird als Antwort auf diese Frage gerne biologisiert: Frauen seien nun einmal diejenigen, die die Kinder bekommen, und Männer müssten sie eben verteidigen. Nur geht es in den meisten Kriegen gar nicht darum, Heim und Familie zu verteidigen. In den 5 Dimensionen des Krieges ( Politik, Ökonomie & Demographie, Kultur, Militär/Sicherheit, Umwelt) spielt diese Motivation allenfalls eine untergeordnete Rolle. Also worüber reden wir hier wirklich? Tatsächlich geht es nicht zuletzt auch darum, die scheinbar immer vorhandenen gewalttätigen Tendenzen einer menschlichen Gesellschaft Männern zuzuweisen und diese sie ausagieren zu lassen. Darüber, wie genau das funktioniert, hat bell hooks schon vor 15 Jahren in The Will to Change: Men, Masculinity and Love geschrieben:

„Ich bin der Überzeugung, dass Jungen durch Gewalt zu Männern gemacht werden. Wir reißen sie von ihrer eigenen Ausdrucksfähigkeit, von ihren Gefühlen und der Sensibilität für andere weg. Die Phrase ‚Sei ein Mann!‘ bedeutet nichts anderes als sich alles zu verbeißen, runterzuschlucken und weiterzumachen. Diese Entfremdung ist keine Auswirkung eines falschen Verständnisses von traditioneller Männlichkeit. Sie IST diese Männlichkeit.“

Als Konsequenz dieser These ist hegemoniale Männlichkeit nicht teilbar: Wer Gewaltbereitschaft als männlich definiert, der muss damit rechnen, dass es sich genauso männlich anfühlt, Unschuldige notfalls mit Gewalt zu verteidigen wie Unschuldige mit Gewalt zu überziehen. Es wäre also dringend erforderlich, dass wir uns als Gesellschaft mit unseren gewalttätigen Tendenzen beschäftigen und gemeinsam Strategien entwickeln, wie wir damit umgehen, anstatt sie unter den Teppich klassischer Männlichkeitskonzepte zu kehren und darauf zu warten, dass uns das Ganze mal wieder um die Ohren fliegt. Die Frage danach, wer „unsere“ Kriege führen soll, lässt sich in diesem Zusammenhang also klar beantworten (Wieder unter der durchaus zu problematisierenden Prämisse der Unvermeidbarkeit von kriegerischen Auseinandersetzungen): Diejenigen, die dazu befähigt und ausgebildet sind. Für die israelischen Streitkräfte bedeutet das trotz einer eher traditionelleren Rollenverteilung der Geschlechter als in zahlreichen westeuropäischen Staaten 33% Frauenanteil. In Norwegen besteht Wehrpflicht für Männer und Frauen.

Männer sind nicht die Kriegswerkzeuge ihrer Gesellschaften. Und Jungen sollten nicht via Männlichkeitskonzept zu Angriffs- oder Verteidigungsinstrumente zugerichtet werden. Die Notwendigkeit, sich zu verteidigen, und der leider allzumenschliche Impuls anzugreifen funktionieren geschlechtsübergreifend. Und so sollten sie auch behandelt werden. Die Forderung nach der Aufweichung der Gesellschaft, die ich der übegriffigen Anforderung an Jungen nach Härte gegenüberstelle, beinhaltet eben auch, dass man sich vor der Notwendigkeit von Härte und Konflikten nicht wegduckt, sondern sich ihnen stellt.
Gemeinschaftlich.

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